Es war wohl als beiläufiger, harmloser Witz gemeint. "Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag", sagte Horst Seehofer bei einer Pressekonferenz, legte eine Pause ein und grinste schelmisch, "sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden."

Seehofer ist Bundesinnenminister. Ein Mann mit grauen Haaren, schwarzem Anzug und Haus in Ingolstadt, mit Ferienhaus im fränkischen Altmühltal und Dienstwohnung in Berlin. Mit anderen Worten: ein Mann, der Fluchtgründe nicht verstehen kann und auch nicht will. Anstatt wenigstens dankbar für dieses Glück zu sein und etwas Demut gegenüber den weniger Glücklichen zu zeigen, witzelt er über sie.

Nun sind diese Zeiten aber nicht lustig. Weltweit sind so viele Menschen auf der Flucht wie nie zuvor, weil sich bewaffnete Konflikte, autoritäre Systeme und Ausbeutung ausbreiten und der Klimawandel viele Gegenden unbewohnbar macht. Die meisten Flüchtlinge bleiben aus Mangel an Ressourcen in ihrer Region. Nur ein winziger Bruchteil, Tendenz rückläufig, erlaubt sich aber den Traum von einem besseren Leben in Europa – und findet sich in libyschen Sklavenlagern oder auf dem Wasser wieder. Und später vielleicht auf dessen Grund.

Allein in diesem Jahr hat Europa über 1.400 schiffbrüchige Migranten im Mittelmeer ertrinken lassen, obwohl die Mitgliedsstaaten die Mittel und die Möglichkeiten gehabt hätten, einen großen Teil von ihnen zu retten. Und das Sterben wird weitergehen: weil die Regierungen Rettungsschiffe an ihren Missionen hindern und weil ein wachsender Teil in der Bevölkerung gegen Seenotrettung ist, um ein Zeichen gegen die libyschen Schleuser zu setzen – und damit Tote hinnimmt. Gleichzeitig erzielte Deutschland 2017 den vierten Haushaltsüberschuss in Folge, es war der höchste Überschuss seit der deutschen Wiedervereinigung. Auch die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Zahlreiche Ausbildungsplätze sind unbesetzt. Wer klaren Verstandes auf diese völlig unnötige, tödliche Abschottung blickt, kann nur auf düstere Gedanken kommen.

Die Sprache der CSU ist in den letzten Wochen verroht. Sie spricht von einer "Antiabschiebeindustrie" und "Asyltourismus", als wären Helferinnen und Helfer kriminell, und als könnten die meisten Migranten einfach einen Koffer packen und damit in ein schönes Land fliegen. Die AfD liegt bei Umfragen trotz aller Tabubrüche im Bundestag zwischen 13 bis 17 Prozent. In so einer Zeit entfaltet ein "Witz" wie der von Seehofer eine andere Dimension. Da sitzt einer, der nicht nur ohnmächtig dabei zusieht, wie sich die Gesellschaft radikalisiert und mit den Schwächsten unter ihnen umgeht. Da sitzt einer, der diese Ungerechtigkeit auf seine politische Agenda gesetzt hat. Er tut das nicht mal aus einer Notwendigkeit heraus, Deutschland geht es wirtschaftlich gut. Niemandem wird etwas genommen, weil nun Flüchtlinge da sind. Seehofer tut das aus einer fast obszönen Lust. 69 Abschiebungen zum 69. Geburtstag – als Seehofer das sagte, verdunkelte sich sein Blick nicht in Gedanken daran, was wohl mit den Abgeschobenen passieren würde. Seine Augen leuchteten. Das ist eine Entgleisung, die an Menschenverachtung nicht mehr zu überbieten ist.

Abschiebungen sind das Grausamste, was der Rechtsstaat einem Menschen antun kann, der all seine Hoffnungen in ebenjenen gesteckt hat. Wer bis nach Europa gekommen ist, ist dies zum Teil unter Lebensgefahr und will für immer mit der Flucht abschließen und nach vorne blicken. Der Blick oder der Gang zurück sind daher demütigend bis traumatisierend. Aber die meisten Menschen in diesem Land wissen das nicht, weil Asylbewerberinnen und Asylbewerber meist schon ab ihrer Ankunft zu einem stummen Leben am Rande dieser Gesellschaft gedrängt werden, in abgelegene Lager mit Residenzpflicht. Und weil sie danach ebenso still und leise wieder von diesen Orten entfernt werden.

Wir sehen nicht, was wir nicht sehen wollen

Wir sprechen ihre Sprachen nicht und machen es ihnen schwer, unsere zu lernen. So halten wir ihre Geschichten fern von uns. Wir haben gelernt, lieber in Gesetzesbücher zu sehen als in die Augen jener, die unter diesen Gesetzen leiden. Wir bevorzugen die Debatte über Zahlen und Behördenaufgaben, anstatt darüber zu reden, ob wir den menschlichen Preis für diese Debatten zahlen wollen. Durch ausgefeilte Abkommen stoßen wir die Probleme immer weiter weg, erst ans Mittelmeer, nun in die Sahelzone. Wir werden nicht mehr sehen, was wir nicht sehen wollen, und nicht mehr hören, was wir nicht hören wollen. Nein, Abschiebungen bedeuten nicht gleich den Tod. Aber sie sind das Ende eines erhofften Lebens. Und manchmal sind sie doch der Anfang vom richtigen Tod.

Manchmal dringt nämlich doch eine Information durch. Einer der 69 Afghanen, die in dem Abschiebeflieger saßen, hatte sich nach seiner Rückkehr das Leben genommen. Er war 23 Jahre alt. Am Dienstag, wenige Tage nach seiner Ankunft in Kabul, fand man ihn tot in der Unterkunft, die ihm die Internationale Organisation für Migration zur Verfügung gestellt hatte. Seehofer hat den Tod bedauert. Der junge Mann dagegen hat nichts mehr zu bedauern. Für einen von beiden war die Abschiebung nie einfach nur ein Witz.