Nachdem der chinesische Dissident und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo im Juli 2017 während seiner Haft starb, schaute die Welt besorgt auf seine Witwe, die Fotografin, Malerin und Lyrikerin Liu Xia. Sie wurde für kein Verbrechen verurteilt, befand sich aber trotzdem seit 2010 unter Hausarrest, zeitweise ohne Kontakt zur Außenwelt. Anwälte und Freunde berichteten von einem sich rapide verschlechternden Gesundheitszustand. Nur wenige hatten unregelmäßigen Telefonkontakt mit ihr. Die in Köln lebende Autorin, Übersetzerin und Kolumnistin Tienchi Martin-Liao ist eine von ihnen. Am 10. Juli kam Liu Xia überraschend frei und reiste nach Deutschland aus.

ZEIT ONLINE: Als enge Freundin von Liu Xia standen Sie in regelmäßigem Kontakt mit ihr. Hatten Sie mit ihrer Freilassung gerechnet?

Tienchi Martin-Liao: Ich hatte in letzter Zeit so ein Gefühl, dass sie bald rauskommen könnte. Ich habe vor drei Tagen mit ihr telefoniert und da hatte sie ungewöhnlich gute Laune. Sie konnte mir aber nicht sagen, was los war. Wir können am Telefon über nichts Politisches sprechen, das wird ja mitgehört. Montagabend, nach dem Staatsbesuch von Li Keqiang in Berlin, habe ich dann von gemeinsamen Freunden in China erfahren, dass Liu Xia sehr bald freikommen würde. Ich dachte erst, dass das wieder so ein Gerede sei. Im März hieß es schon mal, sie käme bald raus.

ZEIT ONLINE: Aber diesmal kam sie wirklich frei.

Martin-Liao: Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie berührt ich von der Neuigkeit bin. Ich war so traurig, dass wir Liu Xiaobo nach seiner Haft 2009 nicht mehr lebend sehen konnten. Wenn seiner Witwe etwas passiert wäre, ich hätte es nicht ertragen.

ZEIT ONLINE: Nach der Trauerfeier ihres Mannes 2017 wurde sie monatelang nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen.

Martin-Liao: Ich rief sie alle paar Tage an, weil ich mir Sorgen machte. Wenn ich ihre Stimme hörte, war ich wieder beruhigt. Nach dem Tod ihres Mannes habe ich sie aber, wie viele andere auch, für mehrere Monate nicht mehr erreichen können. Sie hatte keinen Kontakt zur Außenwelt, kein Internet, kein Telefon, durfte keinen Besuch empfangen und ihre Wohnung nicht ohne Begleitung der Polizei verlassen. Wer sie sprechen oder sehen wollte, musste sich vor ihre Wohnung stellen und nach ihr rufen. Manchmal erschien sie dann am Fenster.

ZEIT ONLINE: Und dann?

Martin-Liao: Dann weinte sie und die Polizei schickte die Leute weg. Erst im Dezember konnte ich sie wieder erreichen. Auch am Telefon hatte sie viel geweint. Von da an hatten wir wieder regelmäßig Kontakt. Anfang des Jahres, im Januar und Februar, sprachen wir vor allem über sachliche Dinge, über ihre Literaturverträge. Im März war sie plötzlich ganz euphorisch. Ich wusste nicht, worum es ging, aber ich habe gemerkt, dass gute Nachrichten kommen könnten. Im April herrschte wieder Funkstille. Wir erfuhren später, warum. Man hatte ihr im März gesagt, sie könne packen. Die Freilassung wurde offenbar aber wieder abgelehnt und sie fiel zurück in ein tiefes Loch.

ZEIT ONLINE: Am Montag war Chinas Ministerpräsident Li Keqiang bei Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Besuch. Das chinesische Außenministerium bestreitet, dass es eine Verbindung zwischen dem Staatsbesuch und Liu Xias Freilassung gibt. Wie sehen Sie das?

Martin-Liao: An diesem Fall zeigt die chinesische Regierung, wie zynisch sie ist. Sie betrachten Liu Xia nicht als Menschen, als Witwe eines Mannes, den das Regime im Gefängnis zu Tode gequält hat. Auch bei Liu Xiaobos Tod hatte das Regime vor der Weltöffentlichkeit eine Riesenszene gemacht.

ZEIT ONLINE: Warum, glauben Sie, wurde Liu Xia freigelassen?

Martin-Liao: Die chinesische Regierung sieht Liu Xia als Schachzug. Sie sehen sie als Geschenk an die deutsche Regierung, damit die Beziehung zwischen den beiden Ländern noch intensiver wird. Damit China sich enger an die EU binden kann. Liu Xias Freilassung ist eine Geste, die man durchschauen muss. Das war keine menschliche Geste, sondern ein dreckiges politisches Spiel. An der Situation der unzähligen anderen politischen Gefangenen ändert sich nichts, auch aus unserem Autorenkreis sind viele im Gefängnis. Die Menschenrechtssituation in China ist so schlecht wie seit der Mao-Zeit nicht mehr. Seit Xi Jinping an die Macht kam, ging es rapide bergab.

ZEIT ONLINE: Manche sagen, der Preis für Liu Xias Freilassung war nicht hoch. Ihr Bruder Liu Hui ist schließlich noch in China. Die Justiz verurteilte ihn 2013 unter einer fadenscheinigen Begründung zu elf Jahren Haft.

Martin-Liao: Ich denke auch, dass die chinesische Regierung Liu Xia nur rauslässt, weil sie wissen, dass sie noch eine Geisel vor Ort haben. Für Liu Hui sehe ich wenig Hoffnung für eine vorzeitige Entlassung. Ich mache mir aber mehr Sorgen um Liu Xia. Sie ist ein ganz wundervoller Mensch, aber sie ist auch eine Künstlerin und hat einen ganz eigenen Charakter. Hier muss sie von vorne anfangen, die Sprache lernen, sich auf eine neue Umgebung einstellen. Da müssen wir ihr sehr viel menschliche Wärme und Unterstützung geben. Ich weiß nicht, ob uns das gelingt, und ob sie die Unterstützung annehmen wird. Sie ist wie ein zartes Pflänzchen, das jetzt umgesetzt wird.

ZEIT ONLINE: Wie wird es weitergehen mit ihr?

Martin-Liao: Wir gehen davon aus, dass das Auswärtige Amt, das die ganze Sache koordiniert hat, sie von der Öffentlichkeit abschirmen wird. Deswegen wird sie auch erst mal nicht bei Freunden unterkommen. Ich denke, dass sie Ruhe braucht und deswegen auch nicht zu Liu Xiaobos Gedenkgottesdienst am 13. Juli kommen wird.