Gerade jetzt muss man vielleicht noch mal daran erinnern, was für eine Welt das ist, deren moralische Maßstäbe der Fußballer Mesut Özil nun angeblich unterlaufen haben soll: Die Fifa ist ein krimineller Sumpf. Ihre Funktionäre schummeln, tricksen, schmieren. Dass Weltmeisterschaften in komplett undemokratischen Ländern wie Russland und bald Katar stattfinden, ist längst akzeptiert. Ein lachender Putin steht neben dem deutschen Ehrenspielführer Lothar Matthäus, das stört aber keinen. In Bayern regiert ein verurteilter Steuerhinterzieher den wichtigsten Fußballverein des Landes. Aber das ist nun natürlich alles egal. Weil der Haustürke vermeintlich einen Fehler gemacht hat. Und weil er sich nun auch noch erdreistet, sich von seinem Land, von Deutschland, nicht alles gefallen zu lassen.

Özil sollte in einer verkommenen Fußballwelt eine moralische Reinheit beweisen, die von seinen biodeutschen Mitspielern niemand verlangt. Diese Doppelstandards sind es, die viele Deutschtürken nur allzu gut kennen. Und die diesen Rücktritt zu einem Armutszeugnis für dieses Land macht, das sich als weltoffen verkauft.

Die Deutschtürken haben nun viele Fragen: Hätte Özil das Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten absagen sollen, ihm klarmachen, dass die Deutschen seine autokratische Politik nicht gutheißen? Bundeskanzlerinnen und westliche Präsidenten lassen sich ebenfalls mit ihm ablichten, selbst Journalisten und Politiker wissen bis heute nicht, wie man mit Erdoğan richtig umgehen soll. Aber ein schüchterner Fußballstar soll das können?

Deshalb wird Özils Abrechnung auch in jenem Teil der deutschtürkischen Community auf viel Verständnis stoßen, die überhaupt nichts mit Erdoğan zu tun haben will. Denn die Wut auf den türkischen Präsidenten zieht auch den Mob an – Leute, die pauschal schon immer was gegen Türken hatten und nur nach einem Kanal gesucht haben, um das loszuwerden. Damit sind nicht nur die Menschen gemeint, die Özil als "Ziegenficker" oder "Türkensau" beschimpften. Sondern vor allem jene, die über Wochen laut über den "Verrat von Özil" gepoltert haben, während ihre deutschtürkischen Kollegen bei der Arbeit, beim Essen in der Kantine oder in der Freizeit ruhig zuhören mussten. Während ihnen wieder einmal das Gefühl aufgedrückt wurde: Sie sind fremd im eigenen Land.
 

"Macht meine türkische Abstammung mich zu einem wertvolleren Ziel?", fragt Özil. Für ihn und viele der 2,8 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln ist die Antwort ein klares Ja, und es bleibt einem nach diesen Tagen keine Alternative, als ihnen zuzustimmen. Dass Özil in seiner Abrechnung auch die Medien kritisiert, spricht vielen Deutschtürken aus der Seele. Wie oft wurde während des "Verrats von Özil" darüber berichtet, dass er mehr Hilfsprojekte unterstützt als die meisten seiner Kritiker? Wie oft wurde berichtet, dass Özil nie durch Eskapaden der Art aufgefallen ist, die die Öffentlichkeit gerade jungen Fußballern gern vorhält? Einmal, zweimal, keinmal? Stattdessen gibt es das Bild vom Spielmacher, wie er auf dem Rasen die Hände und Arme hebt, um kurz zu beten. Es gibt die Szenen, in denen er als Nationalspieler die Nationalhymne nicht mitsingt. Und es gibt die Bild-Zeitung, die offenbar große Teile dieses Landes hinter sich weiß, wenn sie sich jetzt zu titeln traut: Der Jammer-Rücktritt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Özil so positioniert wird, wie es gerade ins öffentliche Klima passt. 2010 bekam er den Bambi-Integrationspreis. Bei der WM in Südafrika hatte Deutschland den 3. Platz erreicht, Özil war jetzt ein deutscher Held. Als ihn Moderatorin Nazan Eckes ankündigte, saß er wie ein scheuer Junge im Publikum. Auf die Bühne kam dann ein schüchterner Anfang 20-Jähriger, der verloren wirkte und vor Aufregung Mühe hatte, seine auswendig gelernte Dankesrede vernünftig aufzusagen. Wer Özil zuhört, weiß, das Sprechen fällt ihm schwer.

Aber das musste er auch nicht, um ein Vorbild zu sein. Mindestens genauso viel wert ist es, dass er außerhalb des Fußballplatzes immer respektvoll blieb. Özil hat es auf seine Art und Weise geschafft, dass auch biodeutsche Kinder und Erwachsene Trikots mit seinem türkischen Namen tragen. Für junge Migrantenkinder, die noch damit zu kämpfen haben, sich hier angenommen zu fühlen, sind solche Momente unbezahlbar. Einer von ihnen hat es zum gesamtdeutschen Idol geschafft.

Es gab damals, nach der Bambi-Verleihung, auch einige empörte Deutschtürken. Sie fragten sich, wie es sein kann, dass ein Fußballer fürs Kicken den Integrationspreis erhält, aber eine Diplom-Ingenieurin mit Kopftuch leer ausgeht. Özil war vermutlich der Letzte, der in diesem Moment auf der Bühne stehen wollte. Er hat nie um diesen Preis gebettelt. Aber ihm die Auszeichnung zu verleihen, war schlicht unkomplizierter, als einer Ingenieurin mit Kopftuch das Gefühl zu geben, sie sei angekommen. Acht Jahre später zeigt der Umgang mit Özil: Es ist viel schlimmer. Selbst ein Fußballstar ohne Kopftuch wird fallen gelassen, wenn es drauf ankommt.

Schuld daran haben viele, aber spätestens eine professionelle Institution wie der DFB hätte vorausschauender handeln müssen. Um Özils Enttäuschung einschätzen zu können, muss man nun wirklich kein Psychologe sein. Dass ausgerechnet ein Integrationspreisträger sich nun wie ein Bürger zweiter Klasse fühlt, wird dieses Land um Jahre zurückwerfen.