Martina Sauer ist Integrationsforscherin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen. Sie ist Autorin einer Studie zur Identifikation und politischen Partizipation türkeistämmiger Zugewanderter.

ZEIT ONLINE: Frau Sauer, Sie befragen regelmäßig Deutschtürken, welchem Land sie sich heimatlich verbunden fühlen. Die Zahl derer, die die Türkei nennen, ist in den letzten Jahren auf 50 Prozent gestiegen. Ist das ein Grund zur Sorge?

Martina Sauer: Erst mal nicht, denn das würde auf der Vorstellung beruhen, man könne sich nur einem Land verbunden fühlen. Das aber ist eine Auffassung, die in der Wissenschaft und auch in anderen Ländern längst widerlegt ist. Aber in Deutschland wird von Mesut Özil und anderen verlangt: Entscheidet euch für Deutschland und passt euch an, und nur dann gehört ihr dazu. Und selbst das reicht dann nicht. Denn auch assimilierte Türkeistämmige bleiben in den Augen der deutschen Mehrheitsgesellschaft Türken.

ZEIT ONLINE: Allerdings sinkt seit 2010 auch die Zahl derer deutlich, die sich Deutschland heimatlich verbunden fühlen. Was ist passiert?

Sauer: 2010 hat Thilo Sarrazin sein Buch Deutschland schafft sich ab veröffentlicht. Er hat infrage gestellt, dass Einwanderer und ihre Nachkommen, die sich auch der Türkei zugehörig fühlen, zu Deutschland gehören. Das war ein großer Bruch. Auch danach gab es immer wieder Debatten darum, ob der Islam zu Deutschland gehört, um eine Leitkultur. Der Skandal um das Erdoğan-Foto von Mesut Özil ist nur das jüngste Beispiel, das signalisiert: Ihr gehört nicht dazu.

ZEIT ONLINE: Aber gleichzeitig steigt doch die Sichtbarkeit von Migranten in Politik und Öffentlichkeit. Die Polizei etwa wirbt offensiv um sie. In Parteien und Redaktionen, aber auch im öffentlichen Dienst arbeiten immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund.

Sauer: Das stimmt, aber es schafft auch Probleme. Wir sprechen hier vom Integrationsparadoxon. Wer besonders integriert, also gut gebildet ist, einen guten Job und Kontakte in die einheimische Bevölkerung hat, empfindet Diskriminierung sehr viel stärker, weil er sagt: Ich mache doch alles, was ihr von mir wollt, und trotzdem bleibe ich der Ausländer.

ZEIT ONLINE: Werden also die Konflikte mit voranschreitender Integration immer größer, oder ist irgendwann eine Schwelle überschritten und es wird wieder besser?

Sauer: Es kommt darauf an, wie die Mehrheitsgesellschaft darauf reagiert, wenn sie auf eine Ärztin mit Kopftuch oder einen deutschtürkischen Rechtsanwalt trifft. Doch die Forderung nach mehr Akzeptanz kann man schon als Integrationsfortschritt werten. Diese Menschen erwarten eine Gleichbehandlung, weil sie hier zu Hause sind.

ZEIT ONLINE: Das bedeutet, dass Özils öffentliche Abrechnung mit dem DFB und den Medien ein Zeichen für seine gute Integration ist?

Sauer: Ja. Er hat sich mit viel Fleiß und hartem Training als einfacher Gelsenkirchener Junge an die Weltspitze des Fußballs vorgearbeitet. Er wurde gerne als gelungenes Beispiel für Integration vorgezeigt. Doch ebenso lange stellen einige in Deutschland schon seine Integration infrage. Zum Beispiel, als er nach Mekka gereist ist. Dann kam das Bild mit Erdoğan. Er macht einen Fehler – und schon wird ihm abgesprochen, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein. Das verbittert ihn natürlich, das merkt man an seinen Statements. Özil ist ein typisches Beispiel dafür, wie sich junge Türkeistämmige hier fühlen, für ihre Enttäuschung. Obwohl sie sich bemühen und anstrengen, gehören sie nicht dazu.

ZEIT ONLINE: Aber deshalb müssen sie sich doch noch lange nicht zur Türkei zugehörig fühlen – ein Land, das sie viel schlechter kennen.

Sauer: Ja, die hier Aufgewachsenen kennen die Türkei oft nur aus Urlauben, aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern und aus den Medien. Und zwar oft aus türkischen Medien, aus dem Internet, dem Fernsehen oder Zeitungen. Und da ist das Türkeibild natürlich ein anderes als in deutschen Medien. Und auch das von Erdoğan. In deutschen Medien ist Erdoğan derzeit die Inkarnation des Bösen, er steht für alles, was man ablehnt. Er ist Autokrat und beachtet sicherlich nicht unsere Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit. Aber die Wahrnehmung in der türkischen Community ist eine etwas andere. Das Bild ist breiter, und auch die, die ihn nicht gut finden, sind zum Teil schockiert darüber, wie er in den deutschen Medien dargestellt wird.

ZEIT ONLINE: Was meinen die von Ihnen befragten Deutschtürken, wenn sie sagen, dass sie sich nicht vom deutschen Staat, sondern von Erdoğan vertreten fühlen? Konkrete Politik kann er für sie in Deutschland ja nicht machen.

Sauer: Es geht um das Gefühl, dass jemand sagt: Ich kämpfe für euch. Dieses Zeichen fehlt vielen jungen Deutschtürken aus der deutschen Gesellschaft und der Politik: Hier hören sie oft, dass sie nur dann dazugehören, wenn sie sich komplett assimilieren und ihre türkische Herkunft aufgeben. Eine Möglichkeit, das zu ändern, wäre, ihnen die doppelte Staatsbürgerschaft zu ermöglichen.