Seit einigen Tagen teilen, angeregt durch den Aktivisten Ali Can, Menschen mit Migrationshintergrund, People of Colour, Ausländer, Migranten, Gastarbeiterkinder, Neudeutsche, oder wie auch immer sie sich selbst nennen möchten, unter dem Hashtag #MeTwo auf Twitter Beispiele dafür, wie sie ausgegrenzt oder diskriminiert wurden. Es sind Hunderte, mittlerweile wahrscheinlich Tausende, die mitgemacht haben und weiter mitmachen. Eine Auswahl kann man bei der Süddeutschen Zeitung, auf Spiegel Online oder stern.de nachlesen.

Ich finde es gut, dass sie ihre Geschichten dort erzählen. Nicht als Akt der Selbstvergewisserung, dass sie "Opfer" sind. Sondern weil es nicht selbstverständlich ist, sich in dieser Weise zu öffnen. Wer sagt, dass er oder sie verletzt wurde, offenbart ja zunächst einmal seine eigene Verletzbarkeit. Das zu tun, um ein Gespräch in Gang zu bringen, ist großzügig.

Kein Opferwettbewerb

#MeTwo ist deshalb auch dem Charakter nach eine Mitteilung, keine Anklage. Wenn man sich durch den nicht enden wollenden Strom der Tweets scrollt, entsteht ein Sound, der sagt: Hey, das hier, diese Sache hier, die hat mir wehgetan, die hat mich verletzt! Der Sound sagt nicht: Alle "Biodeutschen", alle "Kartoffeln" sind Nazis, und Deutschland ist ein einziges rassistisches Drecksloch. 

#MeTwo dokumentiert Diskriminierungserfahrungen, die einem den Atem verschlagen. Wenn ein dunkelhäutiger Rettungssanitäter sich anhören muss, dass man von ihm nicht angefasst werden möchte. Wenn Frauen mit asiatischen Wurzeln gefragt werden, ob ihre Mutter "aus dem Katalog" stammt. Nur so als Beispiel.

Schluss mit dem Rassismus-TÜV!

Zugleich ist die Bandbreite des Geschilderten enorm. Manche Betroffene empfinden es als übergriffig, wenn sie wegen ihres Namens oder ihres Aussehens dreimal am Tag gefragt werden, wo sie denn "herkommen". Andere nehmen das nicht so ernst und vermuten hinter der Frage lediglich Interesse und Neugier. Es müssen nicht alle alles gleich empfinden. #MeTwo ist kein Opferwettbewerb. Schmerz und Verletzung sind subjektiv.

Letztlich macht es sogar einen Teil des Werts von #MeTwo aus, dass so viele ganz unterschiedliche Geschichten nebeneinanderstehen. Es ist ein seltener, kostbarer Einblick, eine öffentliche Probebohrung. Deshalb nervt auch nichts mehr als die nicht Betroffenen, die sich als eine Art selbst ernannter Rassismus-TÜV über die Geschichten beugen, um sie danach zu sortieren, welche sie schrecklich finden und welche nicht. Einfach mal zuhören, nicht immer gleich mitreden!

#MeTwo ist eine kleine spontane Aktion, man sollte sie nicht mit absurden Erwartungen überfrachten. Aber es ist gut, dass es sie gibt.