Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Neun Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen. 

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Wenige Wochen nach dem Mauerfall setzte sich Hans Ebeling in seinen Wartburg 353 und fuhr los, um sein Land zu verändern. Auf schmalen Straßen steuerte er von einem mecklenburgischen Elbdorf ins nächste, hielt an, wo es ein Geschäft gab, ging hinein und kaufte alle DDR-Fahnen, die er finden konnte. Fragte ihn jemand, was er damit vorhabe, lächelte er nur. Daheim saß seine Tochter mit drei anderen Frauen am Stubentisch und schnitt springende Pferde aus weißen Bettlaken.

Mehr als 80 Fahnen kaufte der Landwirt Ebeling in diesen Tagen, mehr als 80-mal trennten die Frauen Hammer, Zirkel und Ährenkranz heraus und nähten an die Stelle die weißen Pferde hinein, das Sachsenross der niedersächsischen Flagge. Als Ebeling kurz darauf die erste Niedersachsenfahne ins Fenster hängte, stand auf dem Deich hinter seinem Haus noch der Grenzzaun. Drei Meter war er hoch und versperrte ihm den Blick nach Westen ans andere Elbufer, in das "Land seiner Väter". So nannte er Niedersachsen während der Zeit, als er noch nicht rüberkonnte. 48 Jahre lang.

Mai 2018, fast 29 Jahre später. Der Himmel über den Elbwiesen ist wolkenlos, die Sonne scheint, und Ebeling tritt mit dem Gehstock in der Hand auf den Deich, an dem früher die DDR endete. Damals patrouillierten hier keine 100 Meter hinter seinem Haus die Grenzsoldaten. Jetzt steht Ebeling da, 86 Jahre alt, grau und glücklich. Das Land am anderen Ufer ist wieder sein Land. Und Ebeling ist wieder Niedersachse.

240 Quadratkilometer, 4.700 Einwohner, 42 Dörfer und eine Natur, so unberührt und schön, dass man 2002 die gesamte Region als Biosphärenreservat unter Schutz stellte: Das ist Ebelings Heimat und die einzige niedersächsische Kommune am Ostufer der Elbe. Rund 80 Kilometer östlich von Hamburg erstreckt sie sich über 46 Kilometer entlang des Flusses. Ein Landstrich, der vor einem Vierteljahrhundert von Ost nach West wechselte – und bis heute um seine Identität ringt.

Es heißt, Geschichte wird von denen geschrieben, die sie erzählen. Wie oft Ebeling die Geschichte seiner Heimat schon erzählt hat, kann er nicht sagen. Doch immer endet seine Schilderung mit einem Happy End: Am 30. Juni 1993, vor 25 Jahren, kehrte das Amt Neuhaus aus Mecklenburg-Vorpommern zurück in den Landkreis Lüneburg, zurück nach Niedersachsen.

Es war eine Wiedervereinigung im Mikrokosmos, einmalig in der Historie der Bundesrepublik. Rund ein Dutzend andere ostdeutsche Gemeinden wollten nach der Wende ebenfalls westdeutsch werden, gelungen ist es nur dem Amt Neuhaus. Seit 1689 hatte der Landstrich am Ostufer der Elbe zu Lüneburg und Hannover gehört, bevor die Alliierten diese Einheit im Juli 1945 beendeten und das Amt der sowjetischen Zone zuschlugen.

Viele Neuhauser fühlten sich von da an doppelt fremd im eigenen Land: als unfreiwillige Bürger der DDR und als Zwangsmecklenburger. Als die Mauer fiel, forderten sie "Zurück nach Lüneburg" und hissten die selbst genähten Niedersachsenfahnen. "Mit der Rückgliederung sind wir dahin zurückgekehrt, wo wir hingehören", sagt Ebeling. "Damit haben wir das wiederhergestellt, was in Freiheit gewesen ist", sagt der damalige niedersächsische Innenminister Gerhard Glogowski.