Beate Zschäpe zupft ihren Schal zurecht. Dann ordnet sie umständlich das Papier in ihren Händen, holt tief Luft und sortiert noch mal das Papier. Es wirkt, als müsste sie Anlauf nehmen, sich überwinden, bevor sie die letzten Sätze sagt, die in der Öffentlichkeit von ihr zu hören sein werden. Für die nächsten Jahre, Jahrzehnte, wahrscheinlich für immer.

Dienstagvormittag, 10.20 Uhr, Oberlandesgericht München. Beate Zschäpe hält ihr Schlusswort im Prozess gegen die Beschuldigten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Es ist der allerletzte Akt vor dem Urteil, das am Mittwoch der kommenden Woche verkündet werden soll, nach fünf Jahren Verhandlung. "Hoher Senat, heute möchte ich meine Chance der letzten Worte nutzen", liest sie vor, mit dieser hohen Stimme und mit ihrem starken Thüringer Dialekt.

Zschäpe sagt, sie habe "gravierende Fehler gemacht", sie könne nichts mehr beitragen "als diese Worte des aufrichtigen Bedauerns". Entsetzt sei sie gewesen, und sie entschuldige sich "für das Leid, das ich verursacht habe". Neu ist wenig davon. Bereits im September 2016 hatte sie sich in einem sehr knappen Statement selbst im Prozess geäußert. Die Botschaft damals: Die Angeklagte fühle sich moralisch mitschuldig an den zehn Morden, zwei Bombenanschlägen und 15 Raubüberfällen, die ihre Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verübt hatten. Aber sie sei keine Mittäterin im juristischen Sinne.

Zschäpe arbeitet an ihrem Image

Dieser Botschaft hat Zschäpe an diesem Tag nichts hinzuzufügen. Was also meint sie mit einer "Chance"? Dass an einer Verurteilung zu lebenslanger Haft, möglicherweise mit besonderer Schwere der Schuld und Sicherungsverwahrung, noch etwas zu ändern ist – praktisch undenkbar. Eher schon, dass Zschäpe glaubt, sie könne aus eigener Kraft ein anderes Bild von sich in der Öffentlichkeit zeichnen.

Doch damit liegt Zschäpe, wie mit mehreren anderen Entscheidungen in diesem Verfahren, daneben. Fünf Jahre Prozess, korrigiert durch eine Selbstdarstellung in fünf Minuten? Welche Fantasterei muss dahinterstecken. Schwer zu erahnen, wie weit sich Zschäpe von der Realität entfernt hat, der Realität vor den Mauern des Untersuchungsgefängnisses.

Es scheint noch immer, als begreife die Angeklagte das Verfahren als einen Prozess, den sie selbst steuern kann. So, wie sie ganz offensichtlich stets mit großem Selbstbewusstsein ihr Leben gestaltet hatte, ohne sich von anderen Entscheidungen diktieren zu lassen. So ordnen Anklage und Opfervertreter Zschäpes Zusammenleben mit ihren Weggefährten Mundlos und Böhnhardt ein. Doch dies ist ein Gerichtsverfahren. Hier ist Zschäpe zwar die Hauptdarstellerin, doch die Regie hat ein anderer.

Noch einmal Opfer sein dürfen

Zschäpe behauptet, sie wäre im NSU der schwache Teil gewesen. Nun wolle sie "nur noch ein Leben ohne Angst und Abhängigkeit führen". Ein Leben ohne Angst hätten sich auch die Angehörigen der NSU-Opfer gewünscht, die bis zur Enttarnung der Terrorgruppe fürchteten, der Mörder ihres Ehemanns oder Vaters könnte sich auch noch die Familie vornehmen. In diesen letzten Worten aber möchte Zschäpe noch einmal Opfer sein dürfen.

Dabei kam alles, was sie zu diesem Verfahren beigetragen hat, sehr spät. Eine erste Aussage machte Zschäpe im Dezember 2015 – ein Schriftsatz, den sie von ihrem Verteidiger Mathias Grasel vorlesen ließ. Da dauerte das Verfahren bereits zweieinhalb Jahre. Die Angehörigen der Opfer waren enttäuscht, dass die Angeklagte nicht einmal bereit war, selbst zu sprechen.