Kinder, die ohne ihre Väter aufwachsen müssen. Eine junge Polizistin, die erschossen wurde, als sie Mittagspause in der Aprilsonne machte. Zehn Menschen hat der sogenannte Nationalsozialistische Untergrund (NSU) laut Anklage der Bundesanwaltschaft ermordet. Einfach, weil die Opfer nicht in das rechtsextreme Weltbild der Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und mutmaßlich auch von Beate Zschäpe passten. Die Angehörigen blieben fassungslos zurück und wurden teilweise verdächtigt, sie könnten etwas mit dem Mord zu tun gehabt haben. Wir erinnern an die, die vom NSU ermordet wurden.

Enver Şimşek

Enver Şimşek war 38 Jahre alt, als er starb. Laut Anklage war er das erste Opfer des NSU. Der Blumenhändler hatte am 9. September 2000 gerade an einer Nürnberger Ausfallstraße seinen Stand aufgebaut, als er angeschossen wurde. Kunden alarmierten die Polizei, er starb später im Krankenhaus. Şimşek hinterließ seine Frau und zwei Kinder. Sein zum Tatzeitpunkt 13-jähriger Sohn Abdulkerim berichtete 2018 im NSU-Prozess: "Wir hatten Angst, weil er noch lebte, weil wir dachten, die Täter kommen noch mal, um die Tat zu Ende zu bringen. Ich wollte meinen Vater schützen." War Enver Şimşek ein Zufallsopfer, weil er an dem Tag einen Kollegen vertrat, der eigentlich an der Ausfallstraße die Blumen verkaufen sollte? Oder hatten seine Mörder mit höchster Präzision ebendiesen Moment abgepasst? Familie Şimşek weiß es bis heute nicht. Er habe bis zur Aufdeckung des NSU niemandem von dem Mord erzählt, sagte Abdulkerim Şimşek: "Es klingt absurd, aber ich war erleichtert, als ich hörte, dass er von Nazis umgebracht worden war. Die Heimlichtuerei war zu Ende."

Abdurrahim Özüdoğru

Der 49-jährige Abdurrahim Özüdoğru wurde am 13. Juni 2001 in seiner Nürnberger Schneiderei erschossen. Nach dem Mord fotografierten die Täter ihr Opfer. Das Foto ist auch im Bekennerfilm des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zu sehen, das Beate Zschäpe aus Sicht der Ermittler nach der Enttarnung des NSU verschickte. Abdurrahim Özüdoğru hinterließ eine Tochter. Die Polizei ermittelte zunächst, ob der Schneider kriminell gewesen ist. Beamte durchsuchten seine Wohnung mit Drogenspürhunden – sie fanden: nichts. Nach der Durchsuchung berichtete ein Beamter in einem polizeilichem Vermerk von "für Wohnungen von Türken nicht unüblichem Nippes", den er vorgefunden habe.

Süleyman Taşköprü

Nur zwei Wochen später wurde am anderen Ende der Republik, in Hamburg, der 31 Jahre alte Händler Süleyman Taşköprü mit mehreren Kopfschüssen hingerichtet. Er starb am 27. Juni 2001 im Lebensmittelgeschäft der Familie. Tieftraurig sagte Taşköprüs Vater Ali im Prozess aus: "Sie haben mir mein Herz abgerissen!" Die Eltern waren bereits 1970 nach Deutschland gekommen, Süleyman folgte wenig später nach. 1998 übernahm die Familie das kleine Geschäft, es sollte ihr Auskommen sichern. Drei Jahre später starb Süleyman Taşköprü in den Armen seines Vaters, der während der tödlichen Schüsse kurz etwas besorgen war. Süleyman Taşköprü hinterließ eine Tochter.

Habil Kiliç

Der 38 Jahre alte Gemüsehändler wurde am 29. August 2001 ebenfalls in seinem Geschäft erschossen. Er hinterließ seine Frau und seine Tochter. Kiliç hatte sich eine Existenz als Gemüsehändler in München aufgebaut, das Geschäft führte er mit seiner Frau Pinar. Sie herrschte bei ihrer Vernehmung im NSU-Prozess die Hauptangeklagte Beate Zschäpe an: "Können Sie das verstehen? Was die Leute über uns reden?" Bis heute sei sie in psychiatrischer Behandlung, berichtete sie. Ihre Tochter sei der Schule verwiesen worden, weil die Schulleiterin gefürchtet habe, die Täter könnten dort erneut zuschlagen.

Mehmet Turgut

Der 25-Jährige war gerade erst nach Rostock gezogen, als er am 25. Februar 2004 durch drei Schüsse in einem Imbiss starb. In den Akten der Bundesanwaltschaft wird Turgut unter dem Vornamen Yunus geführt, weil er mit seinem Bruder vor der Einreise nach Deutschland die Pässe getauscht hatte. Rund eine Woche nach der Tat schrieb die Mordkommission in einer Pressemitteilung: "Ein ausländerfeindlicher Hintergrund kann derzeit ausgeschlossen werden." Der Betreiber des Imbisses, in dem Turgut als Aushilfe arbeitete, berichtete, er sei wie ein Verdächtiger behandelt worden. 

İsmail Yaşar

İsmail Yaşar stand am 9. Juni 2005 in seinem Nürnberger Dönerimbiss, als ihn mehrere Schüsse trafen. Der 50-Jährige starb am Tatort. Zurück blieb sein 15-jähriger Sohn. Im Zuge der Ermittlungen wurde klar, dass der NSU das spätere Mordopfer ausgespäht haben musste. In einer Liste von Adressen in Nürnberg fand sich eine handschriftliche Notiz, in der das Ziel eingetragen war. Zeugen beschrieben später, dass sie Männer mit Fahrrädern am Imbiss beobachtet hatten – mutmaßlich die NSU-Mitglieder Mundlos und Böhnhardt. Eine Zeugin erkannte sie sogar auf einem Überwachungsvideo aus der Kölner Keupstraße wieder. Das Material wurde ihr jedoch erst fast ein Jahr nach der Tat gezeigt - warum, ist bis heute nicht geklärt.

NSU-Prozess - »Man hätte ihnen möglicherweise auf die Spur kommen können« Fünf Jahre lang hat unser Reporter Tom Sundermann den NSU-Prozess begleitet. Im Video zieht er Bilanz – und fasst zusammen, welche Fragen offen bleiben. © Foto: Christof Stache / Getty Images