Der NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München ist beendet. Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wurde des zehnfachen Mordes für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt. Richter Manfred Götzl stellte die besondere Schwere der Schuld fest, ordnete aber keine Sicherungsverwahrung nach der Haft an.

Auch die vier Mitangeklagten Ralf Wohlleben, André Eminger, Holger Gerlach und Carsten Schultze erhielten Haftstrafen, Eminger jedoch eine deutlich niedrigere als von der Staatsanwaltschaft gefordert. Gegen Ende des Prozesses sagte Richter Manfred Götzl, Emingers Untersuchungshaft sei nicht mehr verhältnismäßig, er komme frei.

Sowohl die Verteidiger Zschäpes als auch Wohllebens kündigten Revision an. Darüber muss nun der Bundesgerichtshof befinden.

Für die Angehörigen der Opfer, für Politiker und diverse Organisationen ist der Abschluss des NSU-Prozesses trotz der Haftstrafen eine Enttäuschung: Viele Fragen seien offengeblieben, es sei auch anzuzweifeln, dass der NSU allein aus dem sogenannten Trio aus Beate Zschäpe sowie den beiden verstorbenen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bestanden haben soll. Weitere Aufklärung sei notwendig. Auf Twitter forderten zahlreiche Menschen: #KeinSchlussstrich.

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Sybille Klormann
Tom Sundermann war jahrelang für ZEIT ONLINE im Gerichtssaal. Er kommentiert den heutigen letzten Prozesstag mit den Worten: "Wer die Ausmaße des Verfahrens monströs nennt, der hat es nicht verstanden. Monströs waren die Taten des NSU. Monströs war das Ziel, das hinter dem Terrorismus steckt: Einwanderer so zu verschrecken, dass sie lieber das Land verlassen."

Vor wenigen Tagen hat Sundermann auch noch einmal eindrücklich geschildert, wie er den Prozess und insbesondere die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wahrgenommen hat.


Maximilian Heim
Bizarre Situation: Während nach und nach die Prozessbeteiligten das Gericht verlassen, stehen sich Polizisten und Demonstranten auf dem Vorplatz unverändert gegenüber – getrennt nur von einem großen Banner.

Allerdings ist die Stimmung wieder gelassener, viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehen auch die paar Schritte zur Bühne der Kundgebung zurück. Nichts spricht hier für weitere Unruhe oder gar eine Eskalation. Wäre auch ein unwürdiger Abschluss dieses sehr ernsthaften Protesttags in München.
Ann-Kristin Tlusty

Für die Angehörigen der Opfer und ihre Anwälte ist der Ausgang des NSU-Prozesses frustrierend. Die Strafen gegen Ralf Wohlleben und André Eminger seien "sehr, sehr milde", sagte der Nebenklageanwalt Mehmet Daimagüler dem Bayerischen Rundfunk. Er möchte eine Revision der Urteile prüfen.

Wohlleben wurde für die Beschaffung der Mordwaffen zu zehn Jahren Haft verurteilt. Eminger erhielt ein Strafmaß von zweieinhalb Jahren, weil er lediglich wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, nicht aber wegen Beihilfe zur NSU-Mordserie schuldig gesprochen wurde. Der Untersuchungshaftbefehl gegen ihn wird aufgehoben. Für beide Helfer hatte die Anklage zwölf Jahre Haft gefordert.

Elif Kubaşik, Witwe des durch den NSU ermordeten Mehmet Kubaşik, kommentierte das Strafmaß beiden Angeklagten ironisch: "Vielen Dank an das Gericht für diesen weiteren schweren Schlag durch das milde Urteil vor allem gegen die Angeklagten Eminger und Wohlleben."

Caro Keller vom antifaschistischen Bündnis NSU Watch bezeichnete das Urteil als einen "Schlag ins Gesicht für die Angehörigen der vom NSU Ermordeten und die Überlebenden des NSU-Terrors". Es handele sich dabei um eine "Einladung an die terroristische Neonaziszene". Sie könnte nun dort weitermachen, wo der NSU im Jahr 2011 aufgehört habe.

Auch auf einer Kundgebung vor dem Gebäude des Oberlandesgerichts äußerte sich Kritik an den geringen Strafmaßen. "Selbst ein Steinwurf bei G20 wird härter bestraft", sagte ein Redner in Anspielung auf das Urteil von André Eminger. Im Nachklang der Hamburger G20-Proteste war ein 30-Jähriger, der einen Stein geworfen hatte, zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt worden.

Maximilian Heim
Auf dem Vorplatz des Gerichts kommt es nun doch noch zu Unruhen. Handgemenge zwischen einigen wenigen Demonstranten und Polizisten. Skandiert wird: "Nazis morden, der Staat macht mit – Der NSU war nicht zu dritt!."
Aktuell stehen sich Polizisten und Demonstranten gegenüber, die Stimmung ist aber nicht mehr – wie eben für einen Moment – offen aggressiv. 
Sybille Klormann
Sybille Klormann
"Der NSU war nicht zu dritt", skandieren Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude.
Maximilian Heim
Versammlungsleiter Claus Sasse geht von rund 300 Teilnehmern bei der Kundgebung vor dem Gericht aus. Für den am frühen Abend geplanten Demonstrationszug hofft er, dass sich noch Hunderte Menschen anschließen.
Sasses persönliches Fazit reiht sich ein in die Reihe der meisten Reaktionen auf die Urteile: "Es bleibt die Wut, dass sich die These von den Einzeltätern auch im Urteil niederschlägt. Aber das waren nicht nur drei Durchgeknallte mit ein paar guten Freunden. Sondern das war ein Netzwerk aus Nazimördern."

Als Eindruck bleibt: Vor der Tür war das ein lauter, beharrlicher, nachdenklicher Tag. Was alle Rednerinnen und Redner vereint: Sie wollen auch in Zukunft nicht lockerlassen.
Claus Sasse
Claus Sasse  
Ann-Kristin Tlusty
ZEIT-Redakteurin Özlem Topçu kommentiert den Applaus zum Ende der Urteilsverkündung:
Tom Sundermann
Richter Götzl bedankt sich zum Abschluss bei den regelmäßigen Besuchern und den Journalisten – und allen, die die Durchführung der Verhandlung ermöglicht haben, wie er es formuliert.
Beate Zschäpe packt ihre Sachen zusammen. Der NSU-Prozess ist vorbei.
Tom Sundermann
Damit ist die Verhandlung beendet – und der NSU-Prozess als Ganzes.

Das Urteil gegen die fünf Angeklagten:


Beate Zschäpe erhält lebenslange Haft, die besondere Schwere der Schuld wird festgestellt. Richter Manfred Götzl verhängt jedoch keine Sicherungsverwahrung wie von der Bundesanwaltschaft gefordert.


Ralf Wohlleben muss zehn Jahre in Haft wegen Beihilfe zum Mord.


Carsten Schultze wurde wegen desselben Delikts zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt.


Holger Gerlach hat wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung eine Strafe von drei Jahren erhalten.


André Eminger muss wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zwei Jahre und sechs Monate in Haft.


Nach einigen rechtlichen Hinweisen des Richters ist dann Schluss: "Die Hauptverhandlung ist geschlossen."