Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer fürchtet ein Erstarken der rechten Szene, nachdem der NSU-Waffenbeschaffer Ralf Wohlleben aus dem Gefängnis entlassen wurde. "Er ist ein Held in der Szene. Er hat stets geschwiegen. Wir werden aber ein besonderes Auge auf ihn haben", sagte Kramer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Dem MDR Thüringen sagte Kramer, die Entlassung Wohllebens werde in den entsprechenden Neonazigruppen als Erfolg gewertet.

In der Vergangenheit habe es in rechtsextremen Kreisen immer wieder Solidaritätsveranstaltungen gegeben, bei denen Geld für Wohlleben und seine Familie gesammelt worden sei, berichtet der Sender und bezieht sich dabei auf Aussagen Kramers. Ob Wohlleben nach seiner Haftentlassung nun von Verfassungsschutzämtern beobachtet wird, wollte der Verfassungsschutzpräsident dem MDR nicht sagen.

Die Urteile im NSU-Prozess waren vor einer Woche gesprochen worden. Der Mitangeklagte Wohlleben wurde wegen Beihilfe zum Mord zu zehn Jahren Haft verurteilt. Bereits seit sechs Jahren und acht Monaten saß er in Untersuchungshaft – und kam an diesem Mittwoch frei. Wohlleben war nach Überzeugung des Oberlandesgerichts München der Beschaffer der Pistole vom Typ Česká, mit der die Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos neun Migranten erschossen. In seinen Aussagen vor Gericht bestritt Wohlleben eine Mitverantwortung an den Morden.

Obwohl das Gericht ihm das nicht glaubte, machte es mit der Verurteilung zu zehn Jahren Haft statt der von der Anklage geforderten zwölf Jahre den Weg für die jetzige Haftentlassung frei. Ob – und falls ja, wann – er für das restliche Drittel noch einmal ins Gefängnis muss, ist nicht abzusehen und entscheidet sich frühestens, sobald das Urteil rechtskräftig wird. Auch dafür ist noch kein Termin abzusehen, nach Einschätzung von Experten dürfte das nicht vor dem Jahr 2020 der Fall sein.

"Bittere" Folge einer "überraschend milden Strafe"

Aus Sicht des Anklägers Jochen Weingart war Wohlleben der "Chef-Unterstützer" des NSU. Außerdem war Wohlleben auch in Thüringen NPD-Funktionär. Seine Person galt als Beleg für die Überlappung der rechtsextremen Partei und der Neonaziszene.

Gamze Kubaşık, die Tochter des 2006 in Dortmund erschossenen Händlers Mehmet Kubaşık, nennt die Freilassung "bitter". Sie treffe besonders, dass sich nun neben dem zu einer überraschend milden Strafe von zweieinhalb Jahren verurteilten Neonazi André E. mit Wohlleben ein zweiter der "maßgeblichen NSU-Unterstützer draußen von der Neonaziszene feiern" lasse, sagte Kubaşıks Anwalt Sebastian Scharmer.

Wohlleben wurde während des Prozesses wie ein Märtyrer in der rechten Szene gefeiert und mit Geldspenden unterstützt. Immer wieder besuchten mit ihm befreundete Neonazis den NSU-Prozess und tauschten von der Besuchertribüne Grüße mit ihm und André E. aus.

Wohllebens Verteidiger hielten in seinem Auftrag zudem ein Plädoyer, das gespickt war mit rechtem Gedankengut und Zitaten von Adolf Hitler. Schon während der Beweisaufnahme hatten Wohllebens drei Verteidiger immer wieder provoziert. Zum Eklat kam es, als etwa Verteidiger Olaf Klemke in einem Antrag wegen der Flüchtlingskrise vor einem drohenden "Volkstod" der Deutschen warnte.

Sicherheitsbehörden rechnen damit, dass Wohlleben nun nach Sachsen-Anhalt zieht. Das Innenministerium in Magdeburg teilte auf Anfrage mit, Wohllebens Frau und die gemeinsamen Kinder hätten dort ihren Wohnsitz. Die Behörden bereiteten sich darauf vor, dass auch Wohlleben dorthin gehen werde. Sachsen-Anhalt befinde sich in enger Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern. Weitere Details, auch zum genauen Wohnort von Wohllebens Familie, nannte das Ministerium nicht.