Mansur Seddiqzai unterrichtet an einem Gymnasium in Dortmund. Für ZEIT ONLINE schreibt er vor allem über seine Erfahrungen als Lehrer für Islamischen Religionsunterricht. Diesmal berichtet er zur Abwechslung von einer eigenen Erfahrung: der Geburt seiner Tochter.

Meine Tochter wurde kurz nach Silvester geboren, damit wurde sie das lokale Neujahrskind. Die Lokalzeitung zeigte ein Bild von ihr und meiner erschöpften Frau, darunter ein paar Worte zu der Kleinen. Der Artikel erschien auch online. Keine 24 Stunden später wünschte sich eine Person hinter dem Pseudonym Gnadenlose Ausrottung "Rattengift für ihre Parasitenbrut". Ein anderer namens Kammerjäger ergänzte: "Die Nachgeburt haben wir gesehen – aber wo ist jetzt das Baby?" Ein Dritter mutmaßte, ob das Kopftuch der Kleinen wohl im Uterus hängen geblieben sei. Das Kopftuch meiner Frau und unsere Namen hatten sie wohl getriggert. Wir erstatteten Anzeige bei der Polizei, die den Staatsschutz aktivierte und gegen die Babyhasser ermittelte. Die Server, auf denen die Foren operierten, waren aber im Ausland und deutsches Recht endet offenbar an nationalen Grenzen. Der Staat wollte, konnte uns aber nicht schützen. In welche Welt wurde meine Tochter da geboren?

Im Krankenhaus verbrachte meine Frau zwanzig Stunden in den Wehen, und ich spielte sämtliche Schreckensszenarien eines werdenden Vaters durch. Meine Freude über das neue Leben lag nah an der Angst vor dem Tod von Frau und Kind. Als ich die Kleine endlich in den Armen hielt, war alles vergessen. Ich hatte Tränen in den Augen. Die Ärztin registrierte meinen Gefühlsausbruch, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte: "Das nächste Mal wird es bestimmt ein Junge." Wie bitte?, antwortete ich. Sie entschuldigte sich und schob nach, dass sie leider viele Väter erlebe, die bei der Geburt ihrer Mädchen enttäuscht wären und deswegen weinten. Selbst im schönsten Moment meines Lebens musste mir jemand in Erinnerung rufen, dass ich in den Augen vieler immer noch der primitive Orientale bin, der Mädchen hasst. 

Söhne als begehrtes soziales Kapital

Leider war ihr Vorurteil nicht völlig abwegig. Denn Kränkungen und Sticheleien kamen auch von anderer Seite. Mein Vater zeigte sich zur Geburt unserer Tochter außergewöhnlich großzügig. Er schenkte uns 500 Euro, beließ es jedoch nicht bei der schönen Geste. "Wenn es ein Junge gewesen wäre, hätte ich dir doppelt so viel gegeben!", sagte er. Andere Familienmitglieder fragten scherzhaft, ob ich mir nicht einen Sohn gewünscht hätte. Vor allem den Tanten, die sich mit ihren Söhnen schmücken, schien diese Frage wichtig. Jedes Mal betonte ich dann, dass ich glücklich über eine Tochter sei. Sie nickten, fragten beim nächsten Zusammentreffen aber wieder nach. Gerade in privaten Momenten erlebe ich diese uralte Frauenfeindlichkeit.

Söhne sind in vielen muslimischen Familien ein begehrtes soziales Kapital, Mädchen hingegen nicht. Die Beschneidung ist ein Familienfest, bei dem der Penis völlig frei von Scham im Zentrum steht. Beginnt ein Mädchen zu menstruieren, geschieht das Gegenteil. Ihre körperliche Veränderung wird zum Geheimnis zwischen Mutter und Tochter, ohne Fest und Geschenke. Der Körper des Mädchens tritt in den Hintergrund, er wird als schützenswert erklärt und somit unsichtbar. Der männliche Körper hingegen wird zelebriert. Auch in diese Ungerechtigkeit wurde meine Tochter geboren. Meine Frau und ich werden daran nichts ändern können, so sehr wir uns einen Mentalitätswandel wünschen. Wir bringen unserer Tochter aber bei, dass sie kein mangelhaftes Wesen ist und dass sie sich vor nichts und niemandem verstecken muss.

Die Angriffe im Internet hörten nicht auf. Die Zeitung löschte zwar alle Beleidigungen und Todeswünsche, rechtsextreme Foren hatten das Foto aber längst aufgegriffen. Sie hetzten gegen die Geburt einer weiteren "Fremden" und sprachen vom "Geburtendschihad". Der Gedankengang vieler Verschwörungstheoretiker: Der wilde Moslem kann zwar angeblich nichts, aber er soll erstaunlich gut Kinder zeugen. Der gute Deutsche hingegen sei so zivilisiert, dass er nicht mal mehr das Primitivste hinkriegt, nämlich sich zu vermehren. Am Ende soll aber die deutsche Frau für den Niedergang der Nation verantwortlich sein, weil sie lieber studiert, arbeitet und frei ist, als das Volk durch eine große, blond-blauäugige Kinderschar am Leben zu erhalten. Die Flüchtlinge wurden dann in den Augen der Verschwörungstheoretiker von Angela Merkel persönlich als Katalysator für diese Entwicklung ins Land gelassen. Irgendwann soll dann der Tag X kommen und die Bundesrepublik mutiert zum Bundeskalifat.

Wo Rassisten und Islamisten sich ähneln

Interessanterweise sind rechte Verschwörungstheoretiker, latente Rassisten, Islamisten, aber auch viele konservative Muslime sich in einem Punkt sehr nahe: ihrer Geringschätzung gegenüber Frauen. Wie man es dreht: Immer soll die Frau schuld sein an Missständen in der Gesellschaft, egal ob Angela Merkel, die deutsche Mutterschaftsverweigerin oder die gebärfreudige Muslimin. Die Internetkommentare gegen meine Frau waren auch wesentlich feindseliger als diejenigen gegen mich. Je präsenter Frauen sind, desto größer der Abwehrreflex – von allen Seiten.

Am Ende half uns nicht die Polizei, sondern die Rechtsabteilung einer Zeitung. Sie erwirkte bei Google, dass alle Links mit dem Namen unserer Tochter zu rechten Seiten gelöscht wurden. Wir lernten einen weiteren Trick: Schneller als eine Anzeige wegen Aufrufs zur Gewalt geht es, wenn die Zeitung die Urheberrechte an unseren Bildern geltend macht. Das klappte tatsächlich, auch wenn nicht alle Inhalte gelöscht wurden.

Inzwischen ist meine Tochter vier Jahre alt. Sie liebt Superhelden und Prinzessinnen, und sie verteidigt sich lautstark, sobald ihr eine Ungerechtigkeit widerfährt – egal ob gefühlt oder tatsächlich. In ihrer Welt muss man nicht betonen, dass Mädchen vieles "auch" können. Der Glaube, dass die Geschlechter ungleich viel wert sind, ist nur anerzogen. Man kann ihn aberziehen. Manchmal verfalle ich aber in alte Muster und erkläre ihr, dass Mädchen alles schaffen können, "genauso wie Jungs". Dann schaut sie mich mit ihrem altklugen Blick an, stemmt die kleine Hand in die Hüfte und erwidert entnervt: "Das weiß ich doch, Baba!" Das ist doch eine gute Grundlage für die Kämpfe, die noch auf sie warten.