Die Diskriminierung ethnischer Minderheiten auf dem Wohnungsmarkt nimmt einer Untersuchung zufolge ab. Zwar hätten Menschen mit einem ausländischen Nachnamen weiterhin eine schlechtere Chance auf dem Wohnungsmarkt, sagte die Münchner Soziologin Katrin Auspurg ZEIT ONLINE. "Wir reden hier aber nicht über einen großen Effekt." Für die Bewerbungschancen von Menschen mit Migrationshintergrund seien andere Faktoren wie zum Beispiel das Einkommen oder der soziale Status mindestens genauso relevant oder wichtiger als Diskriminierung.

Gemeinsam mit zwei Kollegen wertete Auspurg, Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, 71 Studien aus, die älteste davon war 1973 erschienen. Sie bezogen sich auf die USA, Kanada und Europa. Zusätzlich führte das Wissenschaftlerteam eigene Untersuchungen durch. Die Soziologen bewarben sich per E-Mail auf Tausende Wohnungen. Die Metastudie wurde veröffentlicht im Journal of Ethnic and Migration Studies (Auspurg et al., 2018).

Für den Zeitraum der Siebziger- bis Neunzigerjahre stellte die Gruppe eine Diskriminierung von knapp 19 Prozentpunkten im internationalen Durchschnitt fest. Das heißt, dass Menschen mit einem Namen der Mehrheitsbevölkerung eine 19 Prozentpunkte höhere Chance als jene mit einem Namen einer ethnischen Minderheit hatten, auf eine Wohnungsbewerbung eine Antwort zu erhalten. Zwischen 1990 und 2008 sank dieser Wert auf 11,7 Prozentpunkte. Danach nahm er weiter ab: Im aktuellsten Untersuchungszeitraum bis 2014 lag die Diskriminierung bei 6,6 Prozentpunkten.

"Das Ausmaß der Diskriminierung wird in der Literatur überschätzt", sagt Auspurg. Trotzdem existiere das Problem: Während ein Bewerber mit einem Nachnamen, der für die Mehrheitsbevölkerung typisch ist, für zwei Antworten fünf Schreiben brauche, seien es bei Angehörigen einer ethnischen Minderheit im Schnitt sechs.

Araber und Muslime seien von der Diskriminierung etwas stärker betroffen als Schwarze; Osteuropäer, Asiaten und hispanische Personen am wenigsten, heißt es in der Studie. Von den untersuchten Ländern wurde in Kanada die geringste Diskriminierung festgestellt.

In der Wissenschaft werden eher Studien mit eindeutigem Ergebnis veröffentlicht

Deutschland schneidet im Vergleich schlecht ab. Hier haben Menschen mit türkischem Nachnamen immer noch eine um zehn Prozentpunkte schlechtere Antwortquote auf Bewerbungsschreiben als jene mit deutschem Namen. Auspurg sagte, dass es sich oft um sogenannte statistische Diskriminierung handele: Vermieter würden bei einem ausländischen Namen eher vermuten, dass die Bewerberin oder der Bewerber wenig Einkommen habe. Wenn in der Bewerbung Angaben zum Einkommen und sozialen Status stünden, nehme die Diskriminierung deutlich ab.

In der Öffentlichkeit sowie in der Wissenschaft würde Diskriminierung stärker wahrgenommen, "unter anderem deswegen, weil sie illegal ist", sagt Auspurg. In Forschungsjournals würden zudem häufig eher Studien veröffentlicht, die ein signifikantes und eindeutiges Ergebnis wie beispielsweise eine hohe Diskriminierung ergeben. Das seien aber oftmals Studien mit geringen Datensätzen, bei denen der gezeigte Effekt häufig auf Zufall beruhe. "In unserer Metastudie haben wir daher Untersuchungen mit hohen Fallzahlen stärker gewichtet als jene mit geringen", sagt Auspurg.

Andere Studien, andere Ergebnisse

Die Studienergebnisse von Auspurg und ihren Kollegen stellen teilweise Schlussfolgerungen anderer Studien infrage. Vor einem Jahr hatten Datenjournalistinnen und -journalisten des Bayerischen Rundfunks und des Spiegels 20.000 Wohnungsbewerbungen mit fiktiven Namen in Deutschland verschickt. "Besonders hart trifft es Wohnungssuchende mit türkischer oder arabischer Herkunft. In jedem vierten Fall, in dem ein Deutscher eine Einladung zu einer Besichtigung erhält, werden sie übergangen", berichteten die Autoren. 

Eine weitere Studie, die im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) vor drei Jahren erstellt wurde, kam zu dem Ergebnis, dass im Wohnungsmarkt rassistische Diskriminierung stattfinde. Während in Telefoninterviews wenig benachteiligt werde, komme es vor allem in persönlichen Bewerbungsgesprächen zu Diskriminierung, hieß es in der Studie. Vor allem bei sichtbarer Religionszugehörigkeit werde benachteiligt. Die Antidiskriminierungsstelle entwickelte einen Leitfaden, der Handlungsmöglichkeiten für Menschen mit Diskriminierungserfahrungen vorstellt.