"Wenn wir gewinnen, bin ich Deutscher, und wenn wir verlieren, bin ich ein Migrant!" Dieser Satz hat mich stundenlang beschäftigt. Egal, was man über Mesut Özil und sein Erdoğan-Foto denkt – dieser Satz von einem deutschen Nationalspieler und Fußballweltmeister im Jahr 2018 ist ein Armutszeugnis für unser Deutschland.

Ich habe mit vielen Menschen über diesen Özil-Satz gesprochen. Menschen wie Özil, Deutsche mit Migrationshintergrund. Sie kommen aus der Türkei oder aus den arabischen Ländern. Sie leben hier. Sie gehören hierhin. Sie arbeiten hier. Sie empfinden Liebe für dieses Land und seine Menschen. Doch oft fühlen sie sich, als wären sie nicht gut genug für die Deutschen. Ihre Loyalität steht ständig auf dem Prüfstand, ihre Zugehörigkeit wird hinterfragt. Denn ihr Herz schlägt nicht nur für Deutschland, sondern auch für das Land ihrer Eltern und ihrer Großeltern. Hier sind sie die ewigen "Ausländer" – und in der Heimat ihrer Eltern sind sie die ewigen "Deutschen".

Diese Menschen fühlen sich durch Özils Worte vertreten. Sie verstehen ganz genau, was er meint. Sie haben es selbst schon erlebt. "Er hat uns aus dem Herzen gesprochen", sagen mir einige. Und sie offenbaren noch mehr.

Eine kopftuchtragende, integrierte, berufstätige Mutter muss sich wegen ihres Kopftuchs immer wieder erklären. Ihre Tochter muss sich in der Schule deswegen immer wieder rechtfertigen und sich Fragen gefallen lassen wie: "Musst du denn bald die Schule verlassen, um zu heiraten?"

Ein Uniabsolvent findet immer noch keinen Job, obwohl sein Abschluss besser ist als der seiner deutschen Kommilitonen.

Solltest du Mehmet oder Abdul heißen, dann vergiss es, eine Wohnung zu finden – oder aber warte monatelang darauf.

Als Araber mit Hipsterbart bist du plötzlich ein Salafist

Lass dir als Araber einen Hipsterbart wachsen, und du bist plötzlich der Salafist.

Wenn du in einer Gruppe bist, in der die Mehrheit deutsch ist, vertrittst du in den Augen der anderen dauernd das Land deiner Eltern und bist nicht deutsch genug, um dazuzugehören.

Ein Kollege berichtete vor Monaten von einer AfD-Demo und wurde daraufhin gefragt, wie es sein kann, dass ein deutscher Sender Ausländer beschäftigt. 

Das ist die Realität vieler Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland. Dass es auch Integrationsverweigerer gibt, ist mir klar, aber was ist mit denen, die sich hier integrieren wollen oder gar integriert haben?

Theo Zwanziger, ehemaliger DFB-Präsident, sagte nach Özils Rücktrittserklärung: "Durch Fehler der Kommunikation ist etwas passiert, das bei Migranten nie passieren darf: Sie dürfen sich nie als Deutsche zweiter Klasse fühlen." Aber genau so fühlen sie sich.