Die russische Protestgruppe Pussy Riot hat eine spektakuläre Protestaktion mit vier Flitzern beim Finale der Fußballweltmeisterschaft für sich reklamiert. Vier als russische Polizisten verkleidete Aktivistinnen und Aktivisten rannten am Sonntagabend in der zweiten Halbzeit des Endspiels zwischen Frankreich und Kroatien auf das Spielfeld und sorgten damit für eine kurze Unterbrechung. Pussy Riot teilten auf ihrer Facebookseite mit, dass sie mit der Aktion auf die Missachtung von Menschenrechten in Russland aufmerksam machen wollten. Im Stadion befand sich auch der russische Präsident Wladimir Putin. 

Die Protestaktion war kurz in der internationalen TV-Übertragung des Finales zu sehen. Die Moskauer Behörden hielten sich weitgehend bedeckt zu dem Fall. Das Innenministerium bestätigte Agenturen zufolge die Festnahme von drei Frauen und einem Mann. Ihnen wurde am Sonntagabend der Verstoß gegen Zuschauerrechte und das illegale Tragen von Polizeiuniformen vorgeworfen. Wie die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete, drohen ihnen Strafzahlungen von umgerechnet etwa 158 Euro oder 160 Sozialstunden. Pussy-Riot-Mitglied Olga Kurachjowa sagte, sie sei an dem Platzsturm beteiligt gewesen und werde nun auf einer Polizeistation festgehalten.

Video von Polizeiverhör löst Kritik aus

Die Polizei nachm die Aktivisten in Gewahrsam. Im Internet kursiert ein Video, in dem das Verhör von zwei Aktivisten zu sehen gewesen sein soll. Dem russischen regierungskritischen Portal meduza.io zufolge fragt darin ein Verhörer, der nicht zu sehen ist, wo sie die Uniformen herhätten. "Gemietet", sagt einer der Festgenommenen. Der Verhörer darauf verärgert: "Gemietet? Manchmal bedauere ich es, dass wir nicht das Jahr 37 haben. Manchmal bedauere ich es einfach." 1937 war die Zeit des sogenannten Großen Terrors unter Sowjetdiktator Josef Stalin. Die Phase war geprägt von Massenfestnahmen und Deportationen. Hunderttausende Menschen waren betroffen. Viele wurden erschossen oder kamen in Arbeitslager (Gulags). Das Video war bisher nicht unabhängig zu verifizieren.

Pussy Riot wurden 2012 mit ihrem Protest gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin weltbekannt, als drei Aktivistinnen nach einem "Punk-Gebet" in einer Kirche verhaftet wurden. Sie wurden wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" verurteilt, später aber begnadigt.

Pussy Riot fordern mehr politischen Wettbewerb

Die vier Flitzer waren in ihrem uniformähnlichen Dress fröhlich winkend mitten im Finale auf den Platz gelaufen, wo sie von Ordnern niedergerungen wurden. Der argentinische Schiedsrichter Néstor Pitana schien die Flitzer im ersten Moment nicht zu bemerken, stoppte die Partie dann aber doch für kurze Zeit. Einer Aktivistin gelang es, mit Frankreichs Superstar Kylian Mbappé abzuklatschen. Unklar war, ob die Uniformen den Mitgliedern dabei halfen, in das streng gesicherte Stadion zu gelangen.

Der kroatische Abwehrspieler Dejan Lovren zeigte sich erbost. Lovren schubste einen Mann und half einem Ordner, ihn vom Feld zu bekommen. "Ich war wirklich sauer, weil wir in dem Moment eine gute Figur gemacht haben", sagte er. "Wir haben guten Fußball gespielt und dann kam die Störung. Ich bin wütend geworden und habe den Typen geschnappt und mir gewünscht, ich könnte ihn aus dem Stadion werfen."

Die Flitzeraktion nannten sie: "Der Polizist kommt ins Spiel". "Vier Mitglieder von Pussy Riot im Finale der Fußball-WM", hieß es in dem Schreiben der Gruppe. Die Aktivisten forderten darin unter anderem, dass politische Gefangene freigelassen werden und dass es keine Festnahmen bei Kundgebungen mehr gibt. Zudem schrieben sie, das Land brauche mehr politischen Wettbewerb. 

Pussy Riot ging auch auf den Fall des Aktivisten Oleh Senzow ein, der wiederholt die russische Annexion der Krim 2014 scharf kritisiert hatte. Er wurde 2015 wegen Terrorverdachts zu 20 Jahren Haft verurteilt. Senzow hat die Anschuldigungen zurückgewiesen und befindet sich seit Mitte Mai im Hungerstreik.

"Was wird passieren, wenn die WM vorbei ist?"

Die Aktion trübt zum Ende der von den russischen Organisatoren und dem Weltverband Fifa überschwänglich gefeierten WM ein wenig die Organisation des Turniers. Die Fifa hatte das Turnier als die beste WM aller Zeiten bezeichnet. Präsident Wladimir Putin sagte nach dem Finale, Russland könne stolz sein. Viele ausländische Fans hätten nun Russland kennengelernt und ihre Meinung über das Land geändert. "Auch das ist ein wichtiges Ergebnis", sagte Putin. 

Kritiker haben immer wieder betont, dass das Feiern der ausländischen Fans und die Lockerheit der Polizei und Behörden im Umgang mit ausgelassenen Fans auf den Straßen nur vorübergehende Erscheinungen seien. Daran knüpften Pussy Riot mit einem Video nach der Aktion an. "Lieber Freund, du weißt wahrscheinlich, dass Russland kein Rechtsstaat ist", sagte eine Aktivistin, deren Gesicht von einer Maske bedeckt war. Eine andere ohne Maske las vor: "Die WM ist großartig. Sie hat gezeigt, wie die Polizisten in Russland sein können. Aber was wird passieren, wenn es vorbei ist?"

Kroatische Fans in Stuttgart festgenommen

Frankreich gewann zum zweiten Mal die Fußballweltmeisterschaft. Im Endspiel gegen Kroatien setzten sich die Franzosen in Moskau mit vier zu zwei Toren durch und holten damit nach 1998 erneut den Titel. In Paris strömten nach dem Abpfiff Tausende auf die Prachtstraße Champs-Élysées. Auch in anderen französischen Städten feierten Hunderttausende Fußballfans den Sieg.

In Stuttgart wurden 55 kroatische Fans bei Feiern vorläufig festgenommen. Sie hätten die Weisungen der Polizei nicht befolgt und auch Pyrotechnik eingesetzt, sagte eine Polizeisprecherin. Fünf Polizisten erlitten bei dem Einsatz leichte Blessuren. In der Innenstadt verfolgten etwa 7.000 kroatische Fans das Endspiel ihrer Nationalmannschaft gegen Frankreich. In Baden-Württemberg leben mehr als 100.000 kroatische Staatsbürger. 

In Frankreich ist es neben den Jubelfeiern über den Sieg der französischen Nationalelf am Abend auch zu Ausschreitungen und teils schweren Unfällen gekommen. Während Hunderttausende Fans auf der berühmten Prachtmeile Champs-Élysées in Paris feierten, zerstörten Dutzende Jugendliche die Fensterscheiben eines Geschäfts auf dem Boulevard. Dabei kam es zu Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften. Auch in anderen französischen Städten gab es Ausschreitungen, darunter in Lyon, Marseille, Strasbourg und Rouen. Überdies gab es mehrere schwere Unfälle am Rande der WM-Feiern, darunter in Frouard nahe der ostfranzösischen Stadt Nancy. Dort wurden drei Kinder schwer verletzt, als sie während der Siegesfeiern von einem Motorrad angefahren wurden.