Der Boden ist geschrubbt, die Vorräte aufgefüllt. Hunderte Pappkartons stapeln sich im Schiffsbauch bis zur Decke. Darin ist je ein Erste-Hilfe-Set für die Geretteten: ein Handtuch, ein T-Shirt, eine Unterhose, eine Hose, Socken, eine Flasche Wasser, ein Energieriegel. Wenn die Besatzung der Aquarius Flüchtlinge aus dem Meer zieht, müssen sie ihre alten Kleidungsstücke ausziehen, denn meistens sind die voller Benzin und Urin. Die Mischung verätzt die Haut.

Die Aquarius ist derzeit das größte private Seenotrettungsschiff auf dem Mittelmeer, seit Februar 2016 hat die Besatzung mehr als 29.000 Menschen aus den Gewässern vor Libyen gezogen. Sechs Babys wurden an Bord geboren, sieben Kinder wiederbelebt. Doch zurzeit liegt das ehemalige Fischereischutzboot fest vertäut am Betonarm 2C im Hafen von Marseille. Es ist das abgelegenste Dock, nur eine holprige Kopfsteinpflasterstraße führt hierhin. Seit vier Wochen hat die Aquarius keine Flüchtlinge mehr gerettet. Das Schifft macht Zwangspause. 

Denn seit die neue italienische Regierung an der Macht ist, ist die Situation für private Seenotretter auf dem Meer komplizierter geworden. Italien und Malta haben den NGOs verboten, die Geretteten in ihren Häfen abzusetzen. Tagelang irrte die Aquarius im Juni mit mehr als 600 Menschen an Bord übers Meer, bis sie die Geretteten schließlich im spanischen Valencia absetzen durfte. Danach fuhr das Schiff nicht zurück ins Rettungsgebiet sondern weiter nach Marseille, wo die deutsch-französische Hilfsorganisation SOS Méditerranée, die die Aquarius gechartert hat, ein Büro hat. Andere Rettungsboote, etwa die Lifeline oder die Sea Watch, beides Schiffe deutscher Hilfsorganisationen, sitzen in Malta fest und dürfen nicht auslaufen. 

Die Aquarius ist nicht festgesetzt, sie dürfte den Hafen jederzeit verlassen. Aber ein weiteres Problem bereitet den Verantwortlichen von SOS Méditerranée so große Sorgen, dass sie den Dauereinsatz des Schiffs unterbrochen haben: Italien hat die Koordination aller Rettungseinsätze Ende Juni an Libyen übergeben. Die italienische Verteidigungsministerin Elisabetta Trenta hatte am 24. Juni in einem Fernsehinterview gesagt, die libysche Küstenwache sei jetzt einsatzbereit, nachdem die italienische Küstenwache sie ausgebildet und ausgestattet habe.

Flüchtlinge im Mittelmeer - Das Sterben geht weiter Weniger Menschen flüchten in die EU, dennoch fordern Politiker verschärfte Maßnahmen an den Grenzen. Flüchtlingshelfer warnen vor noch mehr Toten. Ein Überblick im Video © Foto: Aris Messinis/AFP/Getty

"Wir steuern auf ein großes Chaos zu"

Alle Meere weltweit sind in search and rescue Zonen aufgeteilt, kurz SAR-Zonen genannt. In jeder Zone hat ein Staat die Verantwortung über die Rettungseinsätze übernommen. Die Voraussetzung dafür, dass er das darf, ist eine rund um die Uhr besetzte Seenotleitstelle. Hier gehen alle Notrufe ein: Die Kapitäne stehen in Kontakt mit den Mitarbeitern der Leitstelle, während sie den Menschen in Seenot helfen. Sie bekommen Anweisungen und handeln danach. So ist es im internationalen UN-Abkommen zur Seenotrettung festgeschrieben.

Für die Einsätze zwischen Libyen und Italien war bisher die Leitstelle in Rom zuständig. Sie bestimmte, welches Schiff die Migranten an Bord nahm und wohin sie gebracht wurden. Seit Ende Juni hat Libyen eine eigene SAR-Zone. Sie geht von der libyschen Küste bis weit hinaus aufs Meer in die internationalen Gewässer. Etwa die Hälfte der Strecke bis zur italienischen Küste ist abgedeckt. Das entspricht also genau dem Gebiet, in dem die meisten Flüchtlingsboote in Seenot geraten. Und deren Rettung organisiert jetzt die neue libysche Leitstelle.

Für Nicola Stalla ist das ein Dilemma. Der junge Italiener steht an Deck der Aquarius in der Sonne, kneift die Augen zusammen. An seinem Hals baumelt ein Funkgerät, er koordiniert die Abläufe während der Rettungsaktionen. Er ist auch derjenige, der den Kontakt zur Leitstelle halten muss, wenn ein Boot in Seenot in Sicht ist. Ein ruhiger, erfahrener Seemann, früher hat er Manöver von großen Frachtschiffen geleitet. Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Nun fragt er sich, wie es weitergehen soll.

Mit den Römern habe die Zusammenarbeit gut funktioniert. "Aber jetzt steuern wir auf ein großes Chaos zu", sagt Stalla. Er bezweifelt, dass die Libyer überhaupt in der Lage sind, komplizierte Rettungsaktionen schnell und sicher anzuleiten. "Wird Rom übernehmen, wenn Tripolis unfähig ist? Und vor allem: Dürfen wir uns anders entscheiden, wenn die Libyer gefährliche Entscheidungen für die Flüchtlinge treffen?"

Denn die libysche Küstenwache geht bei ihren Einsätzen mitunter gewaltsam vor, das belegen Videos und Augenzeugenberichte. Bei einem Aufeinandertreffen von libyscher Küstenwache und dem deutschen Schiff Sea Watch im vergangenen November sind einige Flüchtlinge ertrunken. Die spanische Hilfsorganisation Open Arms hat vor zwei Wochen ein zerstörtes Boot im Meer gefunden, zwei Frauen und ein Kind befanden sich noch auf den Trümmern. Die Hilfsorganisation beschuldigt die libysche Küstenwache, sie zurückgelassen zu haben. Eine Frau und das Kind waren tot.