Immer mehr Deutsche mit türkischen Wurzeln fühlen sich laut einer Studie sehr stark mit der Türkei verbunden – weniger von ihnen sagten das über Deutschland. Charakteristisch sei ein sogenanntes Integrationsparadoxon, sagte Hacı-Halil Uslucan bei der Vorstellung einer neuen Studie des Zentrums für Türkeistudien in Essen.

Demnach empfinden sich gerade die objektiv besser Integrierten häufig als nicht zugehörig, weil sie besonders sensibel für gesellschaftliche Diskriminierung seien. Problematisch sei, dass jeder zweite Türkeistämmige die türkische Regierung und Migrantenorganisationen als Interessenvertreter wahrnehme. Von der Bundesregierung hingegen fühlen sich lediglich 37 Prozent vertreten.

Die Zahl der Türkischstämmigen, die sich eher der Türkei denn Deutschland verbunden fühlen, steige laut dem Wissenschaftler seit 2010. In der jüngsten repräsentativen Befragung gaben 61 Prozent an, sich sehr stark der Türkei zugehörig zu fühlen, nur 38 Prozent sagten das über Deutschland.

Auch in der Nachfolgegeneration sei die Verbundenheit zur Türkei noch stark. Uslucan führt das unter anderem auf überhitzte Türkei-Debatten in Deutschland, das Werben der türkischen Regierung sowie Diskriminierungserfahrungen von Menschen zurück, die sich häufig als "Pass-Deutsche" abgelehnt fühlten.

Das jüngste Beispiel für Integrationshürden und heimatliche Zerrissenheit der Deutschtürken sei der Fußballer Mesut Özil, sagte Uslucan. Özil ist nach massiver Kritik an einem Foto, das ihn mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in London kurz vor der Weltmeisterschaft in Russland zeigte, aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten. Er wies auf seine Verbundenheit zum Land seiner Vorfahren hin – und darauf, dass er in Deutschland im Zuge der Kritik von einem großen Teil der Gesellschaft rassistisch behandelt wurde.