Am 69. Geburtstag von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) wurden 69 Afghanen auf einen Schlag nach Kabul abgeschoben. So viele wurden nie zuvor in einem Sammelflug aus Deutschland in das von Bürgerkrieg erschütterte Land ausgeflogen. Als die Maschine Anfang Juli aus München in Kabul landete, stieg auch Mirwais Hashimi aus. Er lebte bis zu seiner Abschiebung in Bayreuth. Im Interview mit ZEIT ONLINE sagt der 19-Jährige, er hätte niemals in dem Flugzeug sein dürfen, weil er psychisch krank sei. Zudem habe er auch gegen keine Gesetze verstoßen. Auf Nachfrage bei der Regierung von Oberfranken heißt es dazu jedoch: "Zum Zeitpunkt der Abschiebung war die Beschränkung auf Straftäter, Gefährder und hartnäckige Identitätsverweigerer für Abschiebungen nach Afghanistan aufgehoben." Und jetzt? Hashimi hält sich immer noch in Kabul auf. Über die Deutschen denkt er, sie seien ein hilfsbereites Volk. Doch die Bundesregierung habe doppelte Standards, wenn es um Flüchtlinge aus Afghanistan gehe.

ZEIT ONLINE: Herr Hashimi, über die Abschiebung von gleich 69 Flüchtlingen nach Afghanistan wurde in Deutschland viel diskutiert. Wie haben Sie den Tag der Abschiebung erlebt?

Mirwais Hashimi: Es war morgens, 7.20 Uhr, ich wollte gerade zur Schule gehen. Plötzlich klingelte es an der Tür. Mein Zimmergenosse öffnete sie und rief mir zu: "Mirwais, die Polizei will zu dir!" Die Beamten traten ein und sagten mir: "Wir haben einen Beschluss. Wir müssen Sie zurück nach Afghanistan schicken. Sie haben 20 Minuten Zeit, um Ihre Sachen zu packen." Ich war schockiert und packte meine wichtigsten Dinge ein. Die Polizei brachte mich dann ins Polizeipräsidium. Das passierte alles an einem Dienstag, am Mittwoch (4. Juli 2018, Anmerkung der Redaktion) saß ich bereits mit 68 meiner Landsleute in einem Flugzeug nach Afghanistan.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie sich Chancen ausgerechnet, in Deutschland bleiben zu können?

Hashimi: Zumindest hatte ich mir nicht vorgestellt, dass die Abschiebung so schnell durchgezogen wird. Mein Asylantrag wurde vorher aber tatsächlich abgelehnt. Auch meine Klage vor dem Verwaltungsgericht wurde abgelehnt. Trotzdem hielt ich an meinem Widerspruch fest, meinem Rechtsanwalt hatte ich dafür bereits 800 Euro gezahlt. Er sagte, dass ich jetzt nur noch eine Chance hätte, nicht abgeschoben zu werden, wenn das Gericht anerkennt, dass ich krank bin.

ZEIT ONLINE: Woran leiden Sie?

Hashimi: Ich habe psychische Problem, ich bekomme auch Medikamente. Zudem muss ich abends Schlaftabletten nehmen. Mein Vater wurde von den Taliban in Afghanistan ermordet. Er war Landwirt und unterstützte Gulbuddin Hekmatyār, den Anführer der Islamischen Partei. Nachdem die Taliban ihn getötet hatten, schickte mich mein großer Bruder nach Europa – er selbst floh nach Kabul, dann weiter in die Stadt Masar-e Scharif. Ein Leben im Versteck vor den Taliban ist aber nicht erträglich, es ging meiner Familie so schlecht, dass sie schließlich in den Iran flohen. All das zu vergessen war sehr schwer für mich und hat mich krank gemacht. Als mein Asylantrag abgelehnt wurde, ist es noch schlimmer geworden. Wegen meiner psychischen Leiden war ich in ärztlicher Behandlung und hatte auch schon einen Termin beim Neurologen für den 21. August bekommen.

ZEIT ONLINE: Wurde Ihnen gesagt, warum Sie abgeschoben werden?

Hashimi: Nein. Immer wieder habe ich mir die Frage aber gestellt. Über meine Abschiebung hatte mich weder mein Rechtsanwalt, noch die Polizei informiert. Ich hatte am 4. Juli sogar noch einen Termin bei der Botschaft von Afghanistan in München. Ich wollte einen Antrag für einen afghanischen Pass stellen. Man sagte mir, wenn ich einen Reisepass habe, dann bekomme ich auch eine Arbeitserlaubnis und kann in Deutschland arbeiten. Und meine Chance würden sich erhöhen, in Deutschland bleiben zu können.

ZEIT ONLINE: Flüchtlingsaktivisten von Pro Asyl und der Bayerische Flüchtlingsrat kritisierten, dass unter den 69 abgeschobenen auch Personen waren, die in Deutschland eine Ausbildungsstelle hatten und somit als integriert gelten. Seit wann sind sie in Deutschland gewesen?

Hashimi: Ich bin 2015 nach Deutschland gekommen. Ich war damals 16 Jahre alt, deshalb bekam ich auch einen Betreuer an meine Seite. Er half mir anfangs mit Behördengängen. Eine Arbeit hatte ich nicht, da ich zur Schule ging. Mittlerweile war ich in der 9. Klasse – und bis zu meiner Abschiebung war mein Betreuer für mich da, wenn ich ihn brauchte.

ZEIT ONLINE: Haben sie in Deutschland je Straftaten begangen?

Hashimi: Nein. Ich habe nie gegen deutsche Gesetze verstoßen.

ZEIT ONLINE: Wo in Afghanistan leben sie derzeit und wie kommen sie zurecht?

Hashimi: Die ersten drei Wochen war ich in einem Hotel im Zentrum von Kabul untergebracht, es wurde von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zur Verfügung gestellt. Ich habe mein Zimmer mit einer anderen Person geteilt. Insgesamt waren 16 der aus Deutschland mit mir abgeschobenen Afghanen dort untergebracht. Niemand von denen hat eine Familien oder Bekannten zu denen sie hier können. Mir geht es nicht anders. Meine Familie ist ja mittlerweile im Iran.