Vor dem Karl-Marx-Kopf in Chemnitz fegt ein Kehrwagen die Reste des Demozuges weg. Es sei weniger los als sonst, sagt eine Frau im Vorbeigehen. Die Menschen und die Kameras stehen wieder ein paar Hundert Meter weiter vor den Blumen und Grabkerzen. Hier wurde der 35-jährige Daniel H. getötet, auf dem Bürgersteig vor einem Bürogebäude.

"Es sollte ein Trauermoment sein, und der wurde von beiden Seiten instrumentalisiert", sagt Andreas M. Er hält eine weiße Rose in der Hand und wartet in einer Ecke auf einen Moment, in dem ihn keine Kamera dabei filmt, wie er sie niederlegt. "Die Jagd auf Dunkelhäutige kann nicht sein", sagt seine Begleitung Sofia U., "aber ich kann verstehen, dass die Bevölkerung aufgebracht ist. Die sollen endlich mal was tun."

Die, das sind für Menschen wie Sofia U. Politik und Polizei. Was, das ist ein härteres Vorgehen gegen kriminelle Ausländer — so sagen es viele in der Chemnitzer Innenstadt. Es hat sich das Gefühl breitgemacht, gewisse Menschen könnten tun und lassen, was sie wollten. Die zwei Tatverdächtigen kommen aus Syrien und Irak. Die Hintergründe dieser Tat sind allerdings noch ungeklärt.

Die große Empörung bleibt aus

Chemnitz ist in den vergangenen Tagen zu einem Symbol geworden: für Bilder von Tausenden Neonazis und Hooligans aus ganz Deutschland, die den Gegendemonstranten zahlenmäßig um ein Vielfaches überlegen sind und teilweise Menschen durch die Straßen jagen. Für eine überforderte Polizei, die später eine Fehleinschätzung der Lage und einen Personalmangel einräumt. Und für eine entfesselte Wut auf Ausländer und vermeintliche Ausländer.

Außerhalb von Chemnitz sind viele Menschen schockiert über die rechte Gewalt. Selbst der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, in einer Regierung mit der rechtspopulistischen FPÖ, twitterte: "Ich bin erschrocken über die neonazistischen Ausschreitungen in Chemnitz." Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, was man dort gesehen habe, "darf in einem Rechtsstaat keinen Platz haben". Videoaufnahmen zeigten Hetzjagden, Zusammenrottungen, Hass, sagte Merkel. CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer rief die breite Mitte der Gesellschaft auf, sich rechter Gewalt entgegenzustellen, "nicht nur in Sachsen, sondern überall in Deutschland".

Auf den Straßen der Chemnitzer Innenstadt scheint die große Empörung an diesem Morgen aber auszubleiben. Stattdessen wiegeln die meisten ab, einige reden die rechten Krawalle klein. An der Ecke des Stadthallenparks, wo die Polizei Mühe hatte, die Demonstrationszüge zu trennen, sagt Sabrina S.: "Das war keine rechte Demo. Das waren Leute, die ihre Wut rauslassen wollten." Und die Hitlergrüße? "Man kann nicht alle über einen Kamm scheren", sagt sie – und fordert mehr Sicherheit für die Innenstadt. Alleine ginge sie nach 22 Uhr nicht mehr los. Gestern habe ein Ausländer sie mit Pfefferspray bedroht, bis sie ihm klarmachen konnte, sie sei kein Nazi. Die junge Frau ist dunkelblond, Chemnitzerin.

Hotelgäste stornieren Zimmer

Isa D. hat am Abend der Demo seinen türkischen Imbiss früher geschlossen. "Bis gestern habe ich hier so etwas noch nicht gesehen", sagt er. Erschrocken sei er gewesen, als er zu Hause im Fernsehen sah, wie 200 Leute aufeinander zurannten, nur wenige Meter von seinem Imbiss entfernt. Die Polizei hätte die Leute, die mit dem Zug anreisten, nicht reinlassen sollen, sagt er. "Die Rechten wollen Chemnitz und Deutschland schlechtmachen, mittlerweile reden andere Länder schlecht über Deutschland." Seine Kinder in Karlsruhe hätten Angst um ihn. Die Rezeptionistin in einem Hotel erzählt, dass gerade erst ein Gast anrief, um wegen der Ausschreitungen sein Zimmer zu stornieren.

Vor dem kleinen Mahnmal für Daniel H. gibt auch Frank Heinrich Interviews, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Chemnitz. "Wir sind sprachlos, wenn Menschen sich mitreißen lassen und einem Mob anschließen", sagt er. Gleichzeitig ist er nicht glücklich über das, was die Medien jetzt über seine Stadt schreiben. "Die Bürger reden von No-go-Areas, und 50 Meter weiter sitzen die Leute im Café", sagt Heinrich. "Das waren fünf Minuten, als die Böller und die Flaschen flogen." Er glaubt, die Polizei habe die Lage im Griff gehabt. Es ist, als redeten alle Beobachter von verschiedenen Städten.

Sie alle eint jedoch das Gefühl, dass ihre Probleme nicht gehört werden und dass es unsicherer wird in der Stadt. "Das Wutpotenzial ist da, also müssen wir reagieren", sagt der CDU-Politiker Frank Heinrich. Es müsse neue Gesprächsformate geben. Am Donnerstag wird Ministerpräsident Michael Kretschmer für so ein Format in die Stadt kommen, zum Sachsengespräch. Er will dort mit der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig von der SPD diskutieren. Das Gespräch war lange geplant, jetzt ist es dringlich. Die Gruppierung Pro Chemnitz hat für denselben Tag erneut zu einer Demonstration aufgerufen. Wie die Stadt bestätigte, wurde für Donnerstag eine Kundgebung am Stadion für 500 Personen angemeldet.

Hinweis: In einer früheren Version stand, es habe Bilder gegeben "von Tausenden Neonazis und Hooligans aus ganz Deutschland, die Menschen durch die Straßen jagen". Richtig ist: Es kamen Tausende Neonazis und Hooligans, aber nicht alle davon jagten Menschen. Wir haben die Stelle entsprechend ergänzt.