Nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua hat deren Betreiber Autostrade per l'Italia Zahlungen von 500 Millionen Euro zugesagt. Das Geld soll für den Wiederaufbau der Autobahnbrücke sowie für Hilfe an die Stadt Genua verwendet werden. Beim Überschlagen der Folgekosten des Unglücks "kommt man schnell auf eine halbe Milliarde Euro", sagte der Unternehmenschef Giovanni Castellucci bei einer Pressekonferenz. Diese Summe stünde ab Montag bereit.

Italiens Regierung lehnte umgehend ab. "Um ganz klar zu sein: Der Staat wird von Autostrade keine Almosen annehmen", schrieb Vizeministerpräsident Luigi Di Maio auf Facebook. Die Regierung macht Autostrade für den Einsturz verantwortlich. Sie hatte ein Verfahren eingeleitet, um der privaten Betreibergesellschaft ihre Lizenz zu entziehen; daran werde sie festhalten, schrieb Di Maio.

Während eines Unwetters war ein großer Teil der Morandi-Brücke zusammengebrochen. Etwa 30 Fahrzeuge stürzten 45 Meter in die Tiefe; nach neuesten Erkenntnissen kamen 43 Menschen ums Leben. Ermittler untersuchen, ob das Bauwerk wegen statischer Mängel oder schlechter Wartung eingestürzt ist. Castellucci wies die Verantwortung für den Brückeneinsturz von seiner Firma: "Wir denken nicht, dass die Voraussetzungen vorliegen, Verantwortung für ein Ereignis zu übernehmen, dessen Ursache zunächst noch ermittelt werden muss."

Angehörige blieben Trauerfeier demonstrativ fern

Unterdessen gedachte das Land der Opfer mit einer Trauerfeier in Genua und rief einen nationalen Trauertag für die Toten aus. Staatspräsident Sergio Mattarella, der ebenfalls daran teilnahm, forderte die Behörden auf, die Sicherheit der italienischen Straßen zu garantieren. Er verneigte sich im Ausstellungszentrum Fiera di Genova vor den mit Blumen überhäuften Särgen und sprach den Angehörigen Trost zu. An der Feier nahmen auch Regierungschef Giuseppe Conte und mehrere Minister teil. Einige der Hinterbliebenen blieben aus Zorn auf die Verantwortlichen fern.

Unternehmenschef Castellucci entschuldigte sich dafür, nicht genügend Mitgefühl für die Opfer gezeigt zu haben. Er versprach, den Familien der Opfer und jenen etwa 600 Menschen zu helfen, die infolge des Unglücks ihre Häuser verlassen mussten. Die Gebäude, die teils unterhalb der Brücke stehen, müssen nach Behördenangaben abgerissen werden. Seine Gesellschaft könne eine neue Brücke in acht Monaten bauen, sobald die nötigen Genehmigungen vorlägen, sagte Castellucci.

Mit der Morandi-Brücke verlor Genua eine wichtige Verbindung zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt. Außerdem gehörte sie zur A10 und damit zu einer der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Italiens.

Letzter Vermisster tot aufgefunden

Vier Tage nach dem Einsturz der Brücke fanden Helfer am Samstag die Leiche des letzten Vermissten. In den Trümmern seien die sterblichen Überreste eines Arbeiters aus Genua entdeckt worden, sagte ein Feuerwehrsprecher. Zuvor hatten die Helfer weitere Leichen entdeckt. Dem Sprecher zufolge fanden sie unter einem Betonblock das Auto eines Ehepaares aus Turin, das mit seiner neunjährigen Tochter unterwegs gewesen war. Es sei jedoch zunächst nicht möglich, festzustellen, wie viele Leichen sich in dem Wagen befänden.

Die vierspurige Morandi-Brücke im Westen der norditalienischen Stadt war am Dienstag während eines Unwetters auf einer Länge von mehr als 200 Metern eingestürzt. Offiziell identifiziert waren bis Samstag 40 Todesopfer, drei Leichen müssen noch über forensische Untersuchungen identifiziert werden. Am Abend starb ein rumänischer Lastwagenfahrer, der bei dem Einsturz schwer verletzt worden war.

Deutsche Brücken besser kontrollieren

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer versprach nach dem Einsturz, das Kontrollsystem in Deutschland zu verbessern. Künftig sollten die Tragfähigkeit und der Zustand des Bauwerks entscheidend sein, sagte der CSU-Politiker der Bild am Sonntag. "Bislang gilt eine Brücke schon in schlechtem Zustand, wenn sie kleine Schlaglöcher hat oder Sprossen an Brückengeländern fehlen, ohne dass dies eine Gefahr darstellt."

Deutschland habe aber schon scharfe Kontrollen. "Unsere Bürger können beruhigt sein", sagte Scheuer weiter. Grundsätzlich würden Brücken alle drei beziehungsweise sechs Jahre mit einer Einfach- und Hauptprüfung von Experten detailliert untersucht, zudem jedes Jahr kontrolliert und halbjährlich beobachtet. "Deutschland liegt in Sachen Brücken-Monitoring im internationalen Vergleich nach der Schweiz auf Platz zwei." Bei der Sanierung hätten derzeit etwa 2.500 Brückenkonstruktionen "hohe Priorität", ergänzte Scheuer. "Für die sanierungsbedürftigen Brücken stehen 2018 extra rund 1,3 Milliarden Euro zur Verfügung."