Als Neonazis in Chemnitz am Sonntag eine Polizeikette durchbrachen und eine Hetzjagd auf vermeintliche Migranten begannen, lief Rola Saleh nicht weg. Die 40-Jährige blieb stehen und rief: "Rassisten! Das ist Rassismus!" Eine gegen Hunderte – aber nicht lang. "Ein riesengroßer Kerl" sei auf sie zugekommen, habe sie geschubst und angefangen, sie zu schlagen. "Danach kam ein Polizist und hat mich weggeschickt. Gegen den Angreifer hat er nichts gemacht", erinnert sich Saleh.

Rola Saleh ist Sozialarbeiterin, in dem Verein AGIUA unterstützt sie Jugendliche mit Migrationshintergrund. Nun sitzt sie aber in einem Garten, in den vergangenen Tagen ging sie nur selten zur Arbeit. Sie fühlte sich nicht gut. "Es ist keine Angst, ich kann es einfach nur alles nicht fassen", sagt sie mit Tränen in den Augen. "Ich will es nicht wahrhaben." Die Tränen blinzelt sie schnell wieder weg. Saleh hat es sich zur Aufgabe gemacht, gefasst zu bleiben und eine Stimme für andere Migranten zu sein. Eine Stimme zu haben, sei jetzt besonders wichtig, denn das Zeichen, das von Polizei und Landesregierung ausgehe, laute: "Ihr seid auf euch allein gestellt. Euch wird niemand helfen."

Gerne wäre Saleh auch zum Sachsengespräch mit Ministerpräsident Michael Kretschmer gekommen, im Chemnitzer Stadion stellte er sich den Fragen und Anliegen der Bevölkerung. Mit dem Aufmarsch, den die Rechten gleichzeitig angekündigt hatten, ist Saleh das aber zu unsicher. "Kein Migrant wird dahin gehen, wenn Neonazis vor der Tür stehen", sagt sie. Stattdessen wird sie einer blonden Freundin einen Zettel mitgeben. Darauf steht eine dringende Bitte an den Ministerpräsidenten: Kretschmer solle endlich die Sorgen der Geflüchteten ernst nehmen. Und dafür sorgen, dass sie wieder sicher auf die Straße gehen können.

"Für die werde ich immer ein Kanake sein"

Auch Mohammed Osman übt sich darin, Fassung zu bewahren und pragmatisch zu bleiben. Der 30-Jährige betreibt in der Innenstadt das libanesische Bistro El-Mina. Vor der Tür sitzen viele junge Leute. Gerade bei alternativen Jugendlichen und migrantischen Familien hat sich Osmans Bistro zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt. Beim Spontanaufmarsch am Sonntag dachte er erst, die Polizei räume das Stadtfest. Doch dann hörte er die Rufe. Die Neonazis seien zum Glück in die andere Richtung abgebogen. Für diejenigen, die da marschieren, seien alle Ausländer gleich, sagt Osman: "Ich kann machen, was ich will. Für die werde ich immer ein Kanake sein."

Osman sagt, er zahle Steuern und sei froh darüber, in Deutschland zu leben. Aber momentan gehe die Angst um. Am Montag habe er seinen Laden vor dem Aufmarsch geschlossen und die Überwachungskamera auf die Fenster gerichtet. Zum Glück sei nichts passiert. Doch seine Mitarbeiter hätten nun Angst, auf die Straße zu gehen. "Abends bitten sie mich, sie mit dem Auto nach Hause zu fahren", sagt Osman. "Ich möchte nicht, dass die Stadt kaputtgeht und nicht, dass die Demokratie kaputtgeht."

Benjamin Schumann, Flüchtlingssozialarbeiter im Sächsischen Flüchtlingsrat, berät jene, die ihre Fassung nicht mehr bewahren können. Gerade meldeten sich viele Geflüchtete, die bei den Demonstrationen angegriffen wurden, berichtet er. "Viele verstehen die Vorgänge nicht, wissen nicht, was das eigentlich für Aufmärsche sind", sagt Schumann. Viele wünschten sich, möglichst schnell den Ort zu verlassen. Neuerdings werde er häufiger gefragt, ob man seine Kinder noch in die Schule schicken könne. Dann ist es Schumann wichtig, die Leute so weit aufzubauen, dass sie wieder am Alltagsleben teilnehmen können.