Die 177 Migranten an Bord der Diciotti befinden sich mittlerweile seit Stunden im Hafen der sizilianischen Stadt Catania, dürfen das Schiff aber weiterhin nicht verlassen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk teilte mit, die Menschen benötigten dringend Hilfe. Sie seien "misshandelt und gefoltert worden und sind Opfer des Menschenhandels", twitterte die UNHCR-Sprecherin in Italien, Carlotta Sami. "Sie haben das Recht darauf, Asyl zu beantragen. Das ist ein fundamentales Recht, kein Verbrechen." 

Am vergangenen Donnerstag waren die Flüchtlinge in der Such- und Rettungszone Maltas geborgen und auf das Schiff der italienischen Küstenwache gebracht worden. Die Italiener brachten 13 Menschen, die dringend medizinisch versorgt werden mussten, auf die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa. Die anderen Migranten sollten von der Besatzung der Diciotti nach Malta gebracht werden, was ihnen die dortige Regierung jedoch verweigerte.

Salvini wartet auf "Antworten aus Europa"

Schließlich löste der italienische Verkehrsminister Danilo Toninelli von der Fünf-Sterne-Bewegung an diesem Montag die Blockade des Schiffs und erteilte die Erlaubnis für die Einfahrt in den Hafen von Catania auf Sizilien. Dort allerdings ist die Hafenbehörde und damit Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega indirekt für sie zuständig. Der Rechtspopulist will die Menschen nicht an Land gehen lassen, solange es keine "Antworten aus Europa" – also Zusagen zur Aufnahme der Menschen durch andere EU-Länder – gibt, wie es aus Kreisen des Ministeriums hieß.

Kurz bevor das Schiff den sizilianischen Hafen anlaufen durfte, hatte die Regierung in Rom die EU-Kommission dazu aufgefordert, andere Mitgliedsstaaten auszumachen, die die im Meer Geretteten aufnehmen. Italien beklagt sich seit Längerem, dass es in der Europäischen Union die Hauptlast der Migration trage. Seit 2014 erreichten mehr als 650.000 Migranten die italienische Küste.

EU-Staaten haben laut Salvini ihre Versprechen gebrochen

Sowohl Italien als auch Malta hatten in den vergangenen Wochen mehrmals ad hoc mit anderen EU-Staaten die Verteilung der Menschen ausgehandelt. Auch Deutschland beteiligte sich daran. Vergangene Woche hatte Malta das Flüchtlingsrettungsschiff Aquarius erst nach tagelanger Irrfahrt einlaufen lassen, nachdem mehrere EU-Staaten die Aufnahme der 141 Flüchtlinge an Bord zugesagt hatten.

Salvini warf Deutschland, Portugal, Spanien, Irland und Malta vor, ihre Versprechen gebrochen zu haben. Bislang habe nur Frankreich seine Verpflichtung erfüllt und 47 Migranten aufgenommen, die Mitte Juli mit rund 400 anderen in Italien an Land gingen. Dies hatte die Regierung in Rom ebenfalls erst erlaubt, nachdem die EU-Partner zugesagt hatten, je 50 – beziehungsweise im Fall von Irland 20 – Migranten aufzunehmen.   

Auf Twitter drohte Salvini erneut damit, Flüchtlinge in das Bürgerkriegsland Libyen zurückzuschicken. "Entweder Europa beginnt damit, ernsthaft seine Grenzen zu schützen und die aufgenommenen Flüchtlinge zu verteilen – oder wir beginnen, sie in die Häfen zurückzubringen, von denen aus sie gestartet sind", schrieb Salvini. Italien habe seine Pflicht "schon getan, und was zu viel ist, ist zu viel".