Hitlergrüße, Gewalt und Hetzjagden: Aus Chemnitz gab es in den vergangenen Tagen erschreckende Bilder. Noch erschreckender waren sie vermutlich für all jene, die nicht in das Weltbild der Rechtsextremen passen. Wie umgehen damit? Tupoka Ogette, geboren 1980 in Leipzig, ist studierte Afrikanistin und Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie arbeitet als Trainerin, Beraterin und Keynote-Speakerin zum Thema Rassismus.

ZEIT ONLINE: Frau Ogette, Sie helfen seit vielen Jahren Menschen im Umgang mit Rassismus. Was würden Sie den Menschen in Chemnitz raten?

Tupoka Ogette: Es kommt darauf an, wen Sie meinen. Viele Schwarze Menschen und People of Colour haben gerade Angst, fragen sich, ob und wo sie überhaupt noch auf die Straße gehen können, ob sie ihre Kinder in die Kita und Schule bringen sollen. Ihnen kann ich nur raten, sich Verbündete zu suchen und sich Gutes zu tun. Die Forschung zeigt, dass bereits Alltagsrassismus traumatisierende Folgen hervorrufen und sogar posttraumatische Belastungsstörungen wie Depressionen und Ängste auslösen kann, aber auch körperliche Symptome wie Neurodermitis und Asthma. Schwarze Menschen und People of Colour erleben den Rassismus ja nicht erst seit Chemnitz. Sie erleben ihn seit ihrer Geburt in Form von Ausschluss, Übergriffigkeiten und Mikroaggressionen. Wenn dann auch eine reale, körperliche Gefahr direkt vor der eigenen Haustür hinzukommt, dann kann das eine Retraumatisierung bedeuten. In so einer Situation gut auf sich aufzupassen, ist besonders wichtig.

ZEIT ONLINE: Am Montag empfahl die Opferberatung RAA Sachsen "Migrant_innen, die Innenstadt großflächig zu meiden", am Donnerstag beim Sachsengespräch kamen ungewöhnlich wenige Personen of Colour. Ist das nicht auch eine Kapitulation vor den Rechten?

Ogette: Viele Menschen in meinem Umfeld sind überzeugt, dass man kämpfen und Gesicht zeigen muss. Aber auch Angst ist ein Thema. Wenn Menschen das Risiko auf sich nehmen und zum Beispiel in die Gegendemonstration gehen wollen, dann finde ich das gut und wichtig. Aber niemand sollte sich aus politischen Gründen gezwungen fühlen, alleine oder gar mit Kindern in so eine Demonstration zu gehen. Wir sind ja nicht unbedingt Märtyrerinnen und Märtyrer. Ich persönlich entscheide mich momentan dafür, morgen noch lebend aufzuwachen und meinen Kampf an anderer Stelle fortzusetzen.

ZEIT ONLINE: Was können Menschen tun, die selbst nicht unmittelbar von Rassismus betroffen sind?

Ogette: Jetzt wäre der Moment für weiße Menschen, Gesicht zu zeigen. Das kann man auf unterschiedliche Weise tun – Gesicht zeigen heißt ja nicht nur, auf die Straße zu gehen und Neonazis anzubrüllen. Man kann das auch im Alltag tun in Gesprächen mit Nachbarn, Freundinnen, Lehrern, mit der eigenen Familie. Da kann man klar Position beziehen und zeigen, dass man nicht Teil der schweigenden Mehrheit ist. Die Geschichte zeigt ja, dass eine schweigende Mehrheit mindestens genauso gefährlich sein kann wie eine kleine gewaltbereite Gruppe. Schweigen ist Zustimmung. Und Schweigen oder Wegsehen belastet auch Schwarze Menschen und People of Colour, die sich oft von weißen Menschen nicht gehört fühlen zu diesem Thema. Ein starkes Zeichen wäre hingegen, auf sie zuzugehen, zu schauen, wie es ihnen geht, zu fragen, was sie brauchen, bei Bedarf Hilfe anzubieten.

ZEIT ONLINE: Viele werden sagen: Aber das alles hat ja nichts mit mir zu tun, warum soll ich etwas tun oder mich distanzieren? Auch führende Politiker, wie der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, kritisieren Pauschalurteile. Was sagen Sie dazu?

Ogette: Wir lernen oft, dass Rassismus etwas mit Vorsatz zu tun hat und mit Schlechtsein gleichzusetzen ist. Deshalb distanzieren sich die meisten von jedem Hinweis auf rassistisches Verhalten oder rassistische Äußerungen. Sie wollen gar nichts mit dem Wort zu tun haben. Allein das Aufzeigen von Rassismus führt zu großer Abwehr. Menschen hören dann lediglich einen Vorwurf: Du bist schlecht und abtrünnig. Dabei ist Rassismus ein Konstrukt, das uns alle betrifft. Keiner schaut von außen drauf, wir sind alle Teil des Systems. Deswegen müssen wir alle etwas tun.