ZEIT ONLINE: Inwiefern sind wir alle Teil des Systems?

Ogette: Die meisten Menschen wachsen mit der Vorstellung auf, Rassismus sei ausschließlich so etwas wie damals in der NS-Zeit oder jetzt in Chemnitz. Das halte ich für eine unzulängliche Definition. Rassismus ist eine Diskriminierungsform von vielen und geht weit über individuelle Beleidigungen hinaus. Ich verstehe Rassismus als Vorurteil plus die Macht, dieses Vorurteil durchzusetzen. Das Vorurteil begründet sich bei Rassismus auf der Annahme, dass Nicht-Weißsein eine unerwünschte Abweichung von der Norm ist und die Norm bedroht, aber auch in ihrer Existenz bestätigt. Und mit Macht meine ich gesellschaftliche Privilegien, zum Beispiel auf dem Bildungsmarkt, auf dem Arbeitsmarkt, im Rechtssystem. Sich solcher Privilegien im Alltag bewusst zu werden, ist ein wichtiger Anfang.

ZEIT ONLINE: Und das vermitteln Sie in Ihren Antirassismustrainings?

Ogette: Ja. Wir wären schon einen ganzen Schritt weiter, wenn alle begreifen würden, dass wir alle rassistisch sozialisiert sind, also dass wir Rassismus von klein auf gelernt haben, zum Beispiel durch stereotype Bilder in Kinderbüchern oder Filmen. In einem rassistischen System aufzuwachsen und zu leben, bedeutet für Schwarze Menschen und People of Colour, den eigenen Wert, die eigene Existenz permanent infrage gestellt zu bekommen. In den Workshops schauen wir dann auf die Entstehungsgeschichte des Rassismus und inwiefern wir von ihm geprägt sind.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren die Leute auf diese Auseinandersetzung?

Ogette: Ich arbeite im Team mit meinem Mann Stephen Lawson. Wir arbeiten in der Regel auf Einladung, das heißt: Die Bildungseinrichtungen, Verbände oder Firmen, zu denen wir kommen, wollen sich damit auseinandersetzen. Manchmal wurde das Training aber auch verordnet und wir sitzen vierzig Menschen mit verschränkten Armen gegenüber. Da helfen dann Perspektivwechsel; wenn Menschen lernen, wie nachhaltig traumatisierend rassistische Äußerungen und Situationen für kleine Kinder sind. Es spielt keine Rolle, ob Erzieherinnen etwas bewusst getan haben oder nicht. Wenn sie das verstanden haben, setzt sich oft etwas in Bewegung. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass Menschen erst mal in ihrem eigenen Schmerz gehört werden wollen. Viele haben selbst diskriminierende Erfahrungen gemacht, weil sie zum Beispiel weiblich, homosexuell, arm oder dick sind. Alle Menschen haben Diskriminierung erlebt. Eine Kombination aus Perspektivwechsel und Wissensvermittlung führt oft dazu, dass die Abwehrhaltung sich auflöst.

ZEIT ONLINE: Und dann?

Ogette: Interessanterweise ist die Abwehr oft weniger stark als die Emotionalität, die später eintritt. Wir wollen politische und soziale Konstrukte oft nur mit dem Kopf analysieren, aber das Thema Rassismus betrifft im Kern unser Selbstbild, also die Frage, wie wir gesehen werden wollen. Das ist aufwühlend. Viele werden dann traurig, fühlen sich ohnmächtig und unsicher. Ich bemühe mich dann, Menschen an die Hand zu nehmen und sie durch den Prozess zu begleiten. Was hilft, ist zu verstehen, dass alle Menschen, die sich mit Rassismus auseinandersetzen, durch diesen Prozess gehen, und dass diese Emotionalität strukturell ist, also alle betrifft. Unsicherheit ist nichts Schlechtes. Ich sage immer: Verunsicherung heißt, dass etwas in Bewegung ist, und dass man auf dem Weg zu etwas Besserem ist.

ZEIT ONLINE: Was steht am Ende eines solchen Prozesses?

Ogette:  Mein Ziel ist es, dass die Leute nicht mit Scham oder Schuld herausgehen, sondern mit einem Gefühl von Verantwortung. Wir alle können nichts für die Welt, in die wir hineingeboren wurden. Aber jede und jeder kann Verantwortung übernehmen und diese Welt mitgestalten.

ZEIT ONLINE: Kämen Sie mit dieser Botschaft auch bei einschlägigen Rechtsradikalen durch?

Ogette: Mein Ansatz basiert auf dem gemeinsamen Konsens, nicht rassistisch sein zu wollen, auf der Vision einer rassismusfreien Gesellschaft. Es gibt Kollegen, die sich auf Präventionsarbeit spezialisiert haben und auf Deradikalisierung. Das ist wichtig, aber nicht mein Fokus. In rechten Kontexten wäre meine Herangehensweise daher vorerst wirkungslos.