Nach dem Brückeneinsturz in Genua hat Italiens Vizeministerpräsident Luigi Di Maio mit einer Verstaatlichung der Autobahnen gedroht. Wenn die Betreiber der Autobahnen nicht in der Lage seien, ihre Aufgabe richtig zu erfüllen, dann müsse der Staat die Autobahnen übernehmen, sagte Di Maio. Die Betreiber der Autobahnen hätten mehr in die Sicherheit investieren sollen, als sich über die Dividenden Gedanken zu machen.

Die italienische Regierung hatte bereits am Vortag den Autobahnbetreiber für den Brückeneinsturz verantwortlich gemacht und will ihm die Lizenz entziehen. Das Unternehmen habe Milliarden Euro an Mautgebühren eingenommen, das Geld aber nicht wie vorgesehen eingesetzt, kritisierte Innenminister Matteo Salvini. Die Firma Autostrade wies den Vorwurf zurück. Die aus den Sechzigerjahren stammende Brücke sei gemäß den gesetzlichen Vorgaben alle drei Monate kontrolliert worden, teilte das Unternehmen mit.

Der Autobahnbetreiber teilte außerdem mit, er habe zwischen 2012 und 2017 mehr als eine Milliarde Euro jährlich in die Sicherheit und Instandhaltung investiert. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Katastrophe kein zufälliges Unglück war.

Brückeneinsturz in Genua - Anwohner erheben schwere Vorwürfe Bei dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua sind Dutzende Menschen gestorben. Einige der Anwohner vermuteten schon länger, dass die Brücke einstürzen könnte. © Foto: MARCO BERTORELLO/AFP/Getty Images)

Die EU-Kommission stellte klar, dass die Morandi-Brücke Teil eines europäischen Fernstraßennetzes gewesen sei und habe deshalb besonderen Prüf- und Sicherheitsauflagen der EU unterlegen. Verantwortlich für die Umsetzung seien die italienischen Behörden. Die Kommission wies zudem erneut Aussagen Salvinis zurück, wonach Brüsseler Sparvorgaben für die marode Infrastruktur des Landes mitverantwortlich sein könnten. EU-Staaten könnten politische Prioritäten im Rahmen der geltenden Haushaltsregeln selbst festlegen, wiederholte ein Sprecher.

Aktie von Autobahnbetreiber gibt nach

Der wichtigste Betreiber der italienischen Autobahnen bekommt die Reaktion der rechtspopulistischen Regierung finanziell zu spüren. Die Aktie der Dachgesellschaft von Autostrade per l'Italia, Atlantia, war im Mailänder Handel am Donnerstag zunächst so volatil, dass kein klarer Preis ausgegeben werden konnte und der Handel ausgesetzt wurde.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa lag der theoretische Absturz der Aktie verglichen mit dem Schlusskurs vom Dienstag – 23,54 Euro – bei 21,4 Prozent. Gemäß den Börsenregelungen wird der Handel ausgesetzt, wenn eine Aktie mehr als zehn Prozent an Wert einbüßt oder gewinnt. Atlantia gehört dem italienischen Modekonzern Benetton.

Die italienische Regierung hatte bereits am Mittwoch gedroht, Schritte zu ergreifen, um die Genehmigung für den Autobahnbetrieb zu widerrufen. Atlantia teilte vor Börsenbeginn mit, für ein solches Vorgehen seien bestimmte Befunde nötig, darunter die Feststellung, dass das Unternehmen einen spezifischen Fehler begangen habe, sowie eine Ursache für den Einsturz. 

Rettungskräfte suchen weiter nach Verschütteten

Derweil suchen Rettungskräfte mithilfe von Baggern und Kränen weiter nach Verschütteten in den Trümmern der eingestürzten Autobahnbrücke. Bis Donnerstagmorgen wurden keine weiteren Opfer entdeckt, sagte ein Feuerwehrsprecher. Die Helfer suchten weiter nach Hohlräumen unter den Trümmern, in denen sich Menschen befinden könnten.

"Es könnte noch 10 bis 20 vermisste Personen geben", sagte der leitende Staatsanwalt Francesco Cozzi der Nachrichtenagentur Ansa. Angesichts der verstrichenen Zeit sei es "wenig wahrscheinlich, Überlebende zu finden", zitierte Ansa den Regionalpräsidenten Giovanni Toti.

Die Präfektur korrigierte laut Ansa die Zahl der offiziell bestätigten Toten auf 38. Der Polizei liegen allerdings noch mehrere Vermisstenmeldungen vor. Spezialisten arbeiteten daran, die Trümmer in große Betonblöcke zu zerschneiden und mit Kränen abzutragen. So können Spürhunde in den Schutt geschickt werden. Die Arbeit sei sehr gefährlich, da die Trümmer und auch der noch stehende Rest der Autobahnbrücke instabil seien, sagte der Feuerwehrsprecher.

Die vierspurige Morandi-Brücke im Westen von Genua war am Dienstag auf einer Länge von mehr als 200 Metern eingestürzt. Lastwagen und Autos fielen rund 45 Meter in die Tiefe und wurden teils unter Betontrümmern begraben.

Die italienische Regierung verhängte nun einen zwölfmonatigen Ausnahmezustand in der Hafenstadt. Damit werden unter anderem finanzielle Hilfen für die mehr als 630 Anwohner erleichtert, die nach dem Einsturz ihre teilweise unter der Brückenkonstruktion liegenden Wohnhäuser verlassen mussten. Auch ein Tag der Staatstrauer ist geplant. Er soll am Samstag, dem Tag der Trauerfeier für die Todesopfer stattfinden.