In der Stadt zu arbeiten und auf dem Land zu leben, bietet sich meiner Ansicht nach für Journalisten besonders an, denn man kommt aus dem gesunden Staunen nicht raus, weder hier noch da. Immer wieder wundert man sich aufs Neue über die Wichtigkeiten auf der einen, die Themen auf der anderen Seite. Man lernt, dass beide Milieus Recht und Berechtigung haben und dass ein Staat diese produktive Spannung braucht, Erdung und Vision, Schöpfung und Deutung. Woran es im Moment aber bedenklich mangelt, ist eine zuverlässige Übersetzungsarbeit zwischen diesen beiden Welten. Jede Seite hält sich zunehmend für die maßgebliche.

Ein Bauer hier im nördlichen Schleswig-Holstein sagte mir neulich: "Die Stadt entscheidet über das Land. Ist das eigentlich noch demokratisch?" Wenn er zum Beispiel, erzählte er, ein Desinfektionsspray auf eine Schürfwunde an einem seiner Tiere aufsprühen wolle, müsse er dazu seit Kurzem den Tierarzt holen.  

Die Stadtbewohner nähmen die Welt doch nur aus ihrer Perspektive wahr, als abgasgeschwängert und überfüllt, deshalb wählten so viele aus schlechtem Gewissen die Grünen, und dann wucherten "dieses Misstrauen und diese Unterstellungen" gegenüber Leuten wie ihm, eine verdächtige Sicht auf Landbewohner, die sich in immer schärferen Vorschriften äußere. Da fragt er sich, was diese Gesetzgeber eigentlich glaubten, wie er drauf sei? "Ich habe meinen Beruf gelernt, und ich will meinen Tieren nichts Schlechtes."

Arrogante Teilblindheit

Natürlich ist es nicht so einfach. Die Stadt entscheidet nicht blind und selbstgerecht über das Land. Gewählt wird schließlich überall, und fast 70 Prozent aller Deutschen leben in Orten, die weniger als 100.000 Einwohner haben. Allerdings bleibt die Frage berechtigt, ob gerade an Gesetzgebungsorten, vor allem in Berlin, eine Sozialdynamik herrscht, die diese Vielfalt der Lebenswelten noch angemessen widerspiegelt. Ob, anders gesagt, Politiker, Journalisten und Akademiker sich noch genug Mühe machen, das Land, das sie repräsentieren, abbilden und deuten sollen, jenseits ihres eigenen Gravitationsfeldes gründlich genug zu erforschen. Jede Gemeinschaft schließlich erzeugt ihre eigene Schwerkraft. Kommt aber noch ein besonderes Sendungsbewusstsein, ein Avantgardegefühl hinzu, wächst die Gefahr der arroganten Teilblindheit.

Besonders fiel mir dieser gedankliche Kollektivismus während meiner Zeit als Korrespondent in Brüssel auf. Nicht nur viele Diplomaten, sondern auch Verbandsrepräsentanten und sogar Journalisten begriffen sich, einmal in der EU-Hauptstadt angekommen, plötzlich weniger als nationale oder wirtschaftliche Interessenvertreter, oder, im Fall der Reporter, als distanzierte Beobachter, sondern immer auch als Botschafter und Fackelträger einer immer engeren europäischen Integration. Die Leute "verbrüsselten", oft schlicht weil sie zu einer städtischen Gruppe gehören wollten, die sich mehrheitlich für eben dieses Projekt begeisterte.

Gibt es in Deutschland etwas Ähnliches, eine "Berlinisierung" von Politik und Journalismus? Eine Art heiligen Projektgeistes, gespeist aus einem jahrelangen Hauptstadthype, der zum Herabschauen auf Nichtberliner neigt? Wie gesagt, nichts gegen eine intellektuelle Avantgarde, die braucht es. Nur eine Avantgarde, die sich selbst genug ist, die braucht es weniger.

Natürlich hat unser Viehbauer im Prinzip kein Problem damit, dass möglichst wenige Medikamente und Antibiotika gespritzt werden. Er hat nur ein Problem damit, dass die Leute, die ihn repräsentieren sollen, so ein finsteres Bild von ihm haben. Die wenigsten Bauern, die ich kenne, haben auch ein Problem mit Vegetarismus und Veganismus als persönlich-moralische Entscheidung. Womit sie allerdings ein Problem haben, ist, wenn damit eine politisch-moralische Herabwürdigung ihrer Arbeit und – nicht selten – der Leistungen von Generationen einhergeht.

Klar, über die Moral der Tiernutzung, über unnötiges Leid und auch über die große Grundsatzfrage "Dürfen wir das?" muss geredet werden. Aber je tiefer das Gefühl der Spaltung sitzt, desto wichtiger werden Stil und Ton. Gibt man der anderen Seite den Eindruck, dass man sie zunächst einmal versteht, statt sie zunächst einmal zu verurteilen, redet es sich produktiver. Die #MeTwo-Kampagne der letzten Tage war ein wunderbares Beispiel dafür, wie viel Gemeinschaftsgeist sich wecken lässt, wenn jeder etwas mehr begreift, wie es ist, ein anderer zu sein. Deutschland braucht mehr von diesen Blickwechseln, zwischen allen seinen Schichten.