Die türkische Regierung hat die wöchentlichen Demonstrationen der sogenannten Samstagsmütter verboten, die seit Jahrzehnten Aufklärung über ihre verschwundenen Angehörigen verlangen. Innenminister Süleyman Soylu begründete das Verbot mit angeblichen Verbindungen zu einer "Terrororganisation", wie die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. "Hätten wir etwa die Augen davor verschließen sollen, wenn Mutterschaft von einer Terrororganisation ausgenutzt wird?", sagte Soylu der Nachrichtenagentur.

Die Regierung wolle der "Ausbeutung und dem Betrug" ein Ende setzen, sagte der Minister weiter. Erstmals seit Jahren hatte die Polizei am Samstag wieder eine Veranstaltung der Frauen aufgelöst, die sich jede Woche in Istanbul versammeln. Istanbuler Behörden begründeten das Vorgehen mit angeblichen Verbindungen zur verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Zudem sei die Kundgebung nicht angemeldet worden.

Zwischen 1999 und 2009 Proteste ausgesetzt

Fast 50 Menschen wurden festgenommen und inzwischen wieder freigelassen. Unter ihnen war auch die 82-jährige Emine Okac, eine der Anführerinnen der Bewegung. Die Samstagsmütter wollen an das Schicksal ihrer Angehörigen erinnern, die in der Türkei in den 80er und 90er Jahren festgenommen wurden und seither verschwunden sind.

Aktivisten werfen der Regierung seither vor, den Verbleib der Verschwundenen nie untersucht zu haben. Seit Mai 1995 gehen die türkischen Frauen daher wöchentlich friedlich auf die Straße. Zwischen 1999 und 2009 mussten sie ihre Demonstrationen aussetzen, da die Polizei die Versammlungen regelmäßig auflöste.

Als die Angehörigen verschwanden, war die Türkei in einer konfliktreichen Zeit: 1984 begann im Südosten des Landes der bewaffnete Kampf der PKK gegen die türkische Regierung. Zudem wurden nach dem Militärputsch 1980 zahlreiche politische Aktivisten festgenommen.