Italien hat 29 Minderjährigen an Bord der Diciotti erlaubt, an Land zu gehen. Das teilte ein Staatsanwalt aus dem sizilianischen Agrigent mit. Zuvor hatte sich die Staatsanwaltschaft im Rahmen von Ermittlungen wegen möglicher Freiheitsberaubung an Bord des Schiffs der italienischen Küstenwache ein Bild von der Lage der insgesamt 177 Flüchtlinge gemacht.

Die Menschen harrten am Mittwoch den zweiten Tag in Folge auf der Diciotti im Hafen von Catania in Sizilien aus. Italiens Innenminister Matteo Salvini hatte die EU am Sonntag aufgefordert, Mitgliedsstaaten zu finden, die bereit sind, Migranten aufzunehmen. Erst dann dürften die Flüchtlinge von Bord gehen. Der Chef der in Teilen rechtsextremen Partei Lega drohte gar, die Geretteten zurück nach Libyen bringen zu lassen, wenn keine europäische Lösung zustande komme.

Auf das Vorgehen der Staatsanwaltschaft reagierte Salvini nun mit Zustimmung. "Es gibt an Bord der 'Diciotti' 29 Kinder?", schrieb er auf Facebook. "Sie dürfen von Bord gehen. Jetzt. Auch wenn Brüssel schläft."

Deutschland wartet ab

Die Bundesregierung zögert unterdessen mit einer möglichen Übernahme der Migrantinnen und Migranten. Die Europäische Kommission wandte sich mit einem Aufnahmeersuchen auch an Deutschland, eine Entscheidung darüber sei aber noch nicht getroffen, hieß es aus dem Bundesinnenministerium.

Deutschland stehe zwar grundsätzlich zu seiner "humanitären Verantwortung im Rahmen der europäischen Solidarität", sagte eine Sprecherin. Die Bundesregierung erwarte aber, dass sich auch andere Mitgliedsstaaten an einer Aufnahmeaktion beteiligten: "Solidarität kann keine Einbahnstraße sein."

Protest am Hafen

Salvini machte sich auf Twitter über Demonstranten lustig, die im Hafen von Catania mit Bannern wie "Lasst uns menschlich bleiben" gegen seine harte Haltung protestierten. "Die 'sehr zahlreichen' Demonstranten, die immer noch Migranten aufnehmen wollen, sind in Catania angekommen… Soll ich ihnen einen Kuss schicken?", schrieb er zu einem Bild, das etwa 20 Demonstranten in dem sizilianischen Hafen zeigt, und versah den Tweet mit einem Kuss-Emoji. Zudem kritisierte er einen Vertreter der Küstenwache, der den Umgang mit den von der Diciotti aufgenommenen Flüchtlingen als peinlich bezeichnet hatte.

Nach tagelangem Streit mit Malta hatte Italien Anfang der Woche dem Schiff erlaubt, in Catania anzulegen. Salvinis harte Haltung wird vom Koalitionspartner Fünf Sterne kritisiert. Parlamentspräsident Roberto Fico von den Fünf Sternen schrieb auf Twitter, man müsse den Migranten erlauben, das Schiff zu verlassen. "Sie können nicht länger an Bord festgehalten werden." In Brüssel forderte eine Sprecherin der EU-Kommission, alles daran zu setzen, dass die Menschen die Diciotti sicher verlassen könnten.

Italien beklagt sich seit Längerem, dass es in der Europäischen Union die Hauptlast der Migration trage. Seit 2014 erreichten mehr als 650.000 Menschen die italienische Küste.