Der FDP-Chef Christian Lindner hat die #MeTwo-Debatte über Rassismus im Alltag als einseitig kritisiert. Es gebe in Deutschland "seit Langem eine Alltagsdiskriminierung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, vor allem aus der Türkei", sagte Lindner den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Zu dieser Debatte gehört aber ein zweiter Aspekt. In der türkeistämmigen Gemeinschaft gibt es eine Geringschätzung freiheitlicher Werte. Bemühungen, sich zu integrieren, werden vernachlässigt."  

Die auf Twitter unter #MeTwo geführte Debatte sollte sich daher dieser doppelten Frage widmen: "Einerseits müssen wir uns als aufnehmende Gesellschaft der Realität stellen, dass wir nicht so offen, tolerant und liberal sind, wie wir das selber immer von uns sagen und glauben", sagte Lindner. "Auf der anderen Seite muss es eine klare Ansage geben, dass wir in Deutschland freiheitliche Werte haben, zu denen wir offensiv stehen: Wir sind genauso stark wie Erdoğan. Auch wir kämpfen für unsere Werte – aber es sind andere Werte. Auf unsere Toleranz kann man sich nicht berufen, wenn man sie von innen aushöhlen will."

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet hält die #MeTwo-Debatte hingegen für hilfreich. Die geschilderten Erfahrungen seien "nur ein Bruchteil dessen, was wirklich geschieht", sagte der CDU-Politiker der Bild am Sonntag. "Deutschland als Ganzes ist kein rassistisches Land." Aber die #MeTwo-Debatte auf Twitter zeige, "dass wir im Zusammenleben respektvoller miteinander umgehen müssen," sagte Laschet.

Der Geist sei aus der Flasche

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat sich besorgt über eine zunehmende Diskriminierung von Menschen mit ausländischen Wurzeln gezeigt. "Deutschland hat ein Rassismusproblem, das lässt sich nicht leugnen", sagte er dem Berliner Tagesspiegel am Sonntag. Das wachsende Misstrauen und die Ablehnung von Menschen mit Migrationshintergrund bedrückten ihn sehr. "Die deutsche Mehrheitsgesellschaft darf unser Rassismusproblem nicht länger ignorieren oder verharmlosen", forderte Weil.

Auch die Politik trage für die Entwicklung Verantwortung. "Politik muss Sicherheit und Vertrauen vermitteln. Dies sei der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel anfangs nicht gelungen. Die Überforderung des Staates in der Flüchtlingskrise habe viele Menschen verunsichert und es "rechtspopulistischen Brandstiftern letztlich leicht gemacht, aufzuhetzen und die Gesellschaft zu spalten", sagte Weil. Damit sei damals "ein Geist aus der Flasche" gelassen worden.

Unter #MeTwo schildern Menschen im Internet ihre Erlebnisse mit Alltagsrassismus. Auslöser war der Rücktritt des Fußballspielers Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft. Özil hatte in seiner Rücktrittserklärung Rassismuserfahrungen beklagt und unter anderem kritisiert, Funktionäre des Deutschen Fußball-Bundes hätten seine türkischen Wurzeln nicht respektiert.

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hat unterdessen seine Äußerung über Fußballprofi Mesut Özil verteidigt, wonach der "Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs" nichts zur Integrationsfähigkeit in Deutschland aussage. "Die Debatte ist wichtig, aber ich finde eben nicht, dass ein Fußballprofi die richtige Bezugsperson dafür ist", sagte Maas der Mitteldeutschen Zeitung (Samstagsausgabe).

Die Diskussion der vergangenen Wochen zeige, dass die Realität in Deutschland vielschichtiger sei. Es gebe "zahlreiche Menschen mit Migrationshintergrund, die in verschiedenster Weise mit Ausgrenzung und Anfeindungen konfrontiert" seien, sagte der Außenminister. "Damit müssen wir uns ernsthaft auseinandersetzen." Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte Maas für seine Äußerung kritisiert und diese als "dumpfe Kommentare" und "schlicht und einfach unerträglich" bezeichnet.