Genua - Die schwierige Suche nach den Verunglückten Die italienische Feuerwehr hat die eingestürzte Brücke mit Luftaufnahmen dokumentiert. Sie zeigen, wie mühevoll die Suche nach Überlebenden ist. © Foto: Vigili del Fuoco

Bei dem Einsturz einer Autobahnbrücke im norditalienischen Genua sind mindestens 42 Menschen ums Leben gekommen. Das sagte der Staatsanwalt Francesco Cozzi dem Fernsehsender RaiNews24. Nach Angaben der Präfektur sind unter den Toten auch drei Kinder im Alter von acht, zwölf und 13 Jahren. Demnach gibt es 16 Verletzte, der Zustand von zwölf Menschen sei kritisch. Die Einsatzkräfte hätten in der Nacht "ohne Pause" nach Verschütteten gesucht, sagte Innenminister Matteo Salvini.

"Man kann nicht wissen, ob es weitere Überlebende gibt", sagte ein Vertreter der Feuerwehr, Emanuele Gissi. Die Suche werde mehrere Tage andauern. Die leicht zugänglichen Bereiche seien bereits durchsucht werden. Nun würden größere Betontrümmer verräumt, um die Suche auch auf schwer erreichbare Orte auszuweiten. Etwa 400 Mitglieder der Berufsfeuerwehr seien im Einsatz.

Am Dienstagmittag war das vierspurige Polcevera-Viadukt – auch Morandi-Brücke genannt – auf der Autobahn A10 auf einem etwa 100 Meter langen Stück eingestürzt. Lastwagen und Autos stürzten etwa 45 Meter in die Tiefe und wurden teils unter Betontrümmern begraben. Unter der Brücke, die 1967 fertiggestellt worden war, befinden sich ein Industrie- und Gewerbegebiet, Gleisanlagen und auch einige Wohnblocks. Viele Gebäude wurden vorsichtshalber geräumt. Nach Angaben des Verkehrsministerium sind rund 400 Menschen zeitweise obdachlos.  

Die italienische Regierung will nun den Autobahnbetreiber Autostrade per l'Italia zur Rechenschaft ziehen. Zunächst müsse die Führung des Unternehmens zurücktreten, forderte Verkehrsminister Danilo Toninelli. Außerdem prüfe die Regierung die Auflösung des Vertrags mit der Firma sowie Bußgeldforderungen in Höhe von bis zu 150 Millionen Euro. "Autostrade per l'Italia war nicht in der Lage, die Verpflichtungen aus dem Vertrag zur Verwaltung der Infrastruktur zu erfüllen", sagte Toninelli dem staatlichen Sender RAI 1.

Innenminister Matteo Salvini machte die mangelnde Instandhaltung der Brücke für das Unglück verantwortlich. Die Verantwortlichen müssten für das Desaster bezahlen – "alles bezahlen, teuer bezahlen", sagte er. Tatsächlich gab es immer wieder Kritik am Betreiber, vornehmlich aber vor allem für mutmaßlich kostspielige Instandhaltungsarbeiten. Das Unternehmen wies diese Kritik stets zurück und bemängelte Kontrollen seitens der Behörden.

Salvini kritisierte in dem Interview zudem die Defizitregeln der EU. Kosten, die für die Sicherheit ausgegeben werden, "dürfen nicht nach den strengen (…) Regeln berechnet werden, die Europa uns auferlegt", sagte der rechtspopulistische Politiker dem Sender Radio24. "Immer muss man um Erlaubnis fragen, um Geld auszugeben", sagte er. Davon dürfe aber nicht die Sicherheit auf den Straßen, bei der Arbeit und in den Schulen, "in denen immer mal wieder die Decken einstürzen", abhängen.

300 Brücken in Italien sind marode

Nach Recherchen der Tageszeitung La Repubblica sind derzeit in ganz Italien etwa 300 Brücken und Tunnel in einem maroden Zustand. Grund dafür sind demnach die veraltete Infrastruktur und die lückenhafte Instandhaltung. Der frühere Verkehrsminister Graziano Delrio verwahrte sich allerdings, das Unglück in Genua für politische Spekulationen zu missbrauchen. Dies sei respektlos gegenüber den Opfern, sagte er laut italienischen Medien.

Dem Verkehrsministerium zufolge muss die Unglücksbrücke in Genua jetzt komplett abgerissen werden. Das werde "schwerwiegende Auswirkungen" auf den Verkehr haben und so Probleme für Bürger und Unternehmen bringen. Die A10 gilt als wichtige Verbindungsstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei.

Luigi Di Maio, der italienische Vizeregierungschef und Chef der Fünf-Sterne-Bewegung, wollte sich am Mittwochvormittag gemeinsam mit Verkehrsminister Toninelli ein Bild am Unglücksort machen. Innenminister Salvini wird am Nachmittag dort erwartet.