Chemnitz - So erlebten Reporter die Ausschreitungen Die Polizei ist gegen die rund 5.000 rechten Demonstranten nicht angekommen. Das zeigen Aufnahmen von Reportern, die mit Helm und Sicherheitspersonal unterwegs waren. © Foto: Thomas Victor

In der sächsischen Stadt Chemnitz ist Ende August ein 35-jähriger Mann gewaltsam gestorben. Der Tatverdacht gegen einen Iraker konnte sich nicht erhärten. Ein anderer Tatverdächtiger befindet sich in Haft, nach einem weiteren wird gefahndet.

Was geschah am 26. August 2018 in Chemnitz?

In einer ersten Pressemitteilung der Polizei Sachsen vom 26. August hieß es, in der Nacht zu Sonntag habe es gegen 3.15 Uhr eine tätliche Auseinandersetzung "mehrerer Personen unterschiedlicher Nationalitäten" gegeben. Drei Männer hätten dabei teils schwere Verletzungen erlitten. Einer von ihnen – ein 35-jähriger Chemnitzer – starb später im Krankenhaus. Polizeibeamte nahmen infolge der Tat zwei Männer fest: den 22-jährigen Iraker Jussif A. und den 23-jährigen Syrer Alaa S. 

Der sächsische Polizeipräsident Jürgen Georgie konkretisierte am 28. August auf einer Pressekonferenz, es habe sich um eine Auseinandersetzung zweier Männergruppen gehandelt, in deren Verlauf schließlich Messer eingesetzt wurden. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, die Täter hätten nicht in Notwehr gehandelt

Am 18. September teilte die Staatsanwaltschaft mit, bei der Tat seien zwei Messer benutzt worden. Eines habe man trotz intensiver Suche bislang nicht gefunden. Staatsanwaltssprecherin Ingrid Burghart sagte, mehrere Indizien hätten zunächst in der Gesamtschau den dringenden Tatverdacht gegen den Iraker begründet. Beide Beschuldigte seien nach der Auseinandersetzung geflüchtet. Zwischen dem Tatort und dem Ort der Festnahme sei eines der Messer gefunden worden, sodass davon auszugehen gewesen sei, dass sie es auf Flucht weggeworfen hätten. Es gebe jedoch keine Zeugen, die gesehen hätten, dass der Iraker mit einem Messer zugestochen habe. Auch gebe es auf dem Messer keine DNA-Spuren des Irakers, so Burghart. Am Nachmittag des 18. September wurde Jussif A. freigelassen.

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Was wissen wir über die Tatverdächtigen?

Jussif A. wurde direkt nach dem Tod von Daniel H. festgenommen. Drei Wochen saß der Mann in Haft, bevor sein Anwalt Ulrich Dost-Roxin am 18. September mitteilte, sein Mandant komme frei. Die Staatsanwaltschaft in Chemnitz bestätigte, dass der Haftbefehl aufgehoben wurde. Gegen A. hätten keine belastenden Zeugenaussagen oder Beweise vorgelegen.

Weiter sagte eine Sprecherin, die Staatsanwaltschaft gehe davon aus, dass der mutmaßliche Syrer Alaa S. und ein noch immer flüchtiger dritter Tatverdächtiger, der Iraker Farhad A., an dem Tötungsdelikt beteiligt waren.

Alaa S. war ebenfalls am Sonntag, dem 26. August 2018, vorläufig festgenommen worden. Der Vorwurf lautete auf gemeinschaftlichem Totschlag. Das Bundesinnenministerium teilte mit, Alaa S. sei im September die Anerkennung als Flüchtling gewährt worden. Seine Angaben zur Identität würden überprüft.

Seit Dienstag, den 4. September, fahnden die Ermittler nach einem dritten Verdächtigen, einem Asylbewerber aus dem Irak. Es sei Haftbefehl erlassen worden, eine öffentliche Fahndung sei angeordnet, sagte der sächsische Generalstaatsanwalt Hans Strobl im sächsischen Landtag. Bei dem Verdächtigen handele es sich um den 22-jährigen Farhad Ramasan A., teilte die Polizei mit. 

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Was sagen die Tatverdächtigen?

Am 14. September, knapp zwei Wochen nach der Tat, äußerte sich Jussif A. erstmals über seinen Anwalt Dost-Roxin. Dieser teilte mit, keine der im Haftbefehl benannten Beweismittel wiesen "nur im Geringsten auf eine Tatbeteiligung" seines Mandanten hin. Der Haftbefehl hätte gar nicht ausgestellt werden dürfen, so der Anwalt. Vielmehr gebe es eine Zeugenaussage, die Jussif A. entlaste, teilte Dost-Roxin mit.

Der NDR berichtete am selben Tag über zwei Schilderungen des Tathergangs: von einem unbeteiligten Zeugen sowie von Jussif A., der am 6. September beim Leiter der Rechtsabteilung der irakischen Botschaft ausgesagt habe. Demnach habe der Iraker angegeben, dass er mit Farhad A. und Alaa S. an dem Samstagabend vor der Tat eine Shisha-Bar in Chemnitz besucht und gegen 2:30 Uhr zu einem Döner-Imbiss gegangen sei. Unterwegs hätten sie eine Gruppe von Männern und Frauen getroffen, darunter auch Daniel H.

Farhad A. sei zu der Gruppe gegangen, um nach Feuer zu fragen. Die Männer hätten gestritten, Jussif A. habe versucht, zu schlichten. Dann seien beide Gruppen weitergelaufen. Im Anschluss seien aus dem Döner-Imbiss weitere Bekannte gekommen und hätten nach dem Anlass des Streits gefragt. Daraufhin seien Farhad A. und mehrere der anderen Männer erneut zu der Gruppe von Daniel H. gegangen. Dann sei es zu einer heftigen Auseinandersetzung und der Messerstecherei gekommen. Er selbst, Jussif A., sei daran nicht beteiligt gewesen, er habe mehrere Meter abseits gestanden.

Der unabhängige Zeuge, den der NDR ebenfalls zitiert, habe angegeben, dass Jussif A. tatsächlich mehrere Meter abseits stand, als der Streit ausbrach. Er sagte laut Protokoll der Polizei, dass es zum Streit zwischen Farhad A. und Daniel H. gekommen sei. Daraufhin seien Alaa S. und zwei weitere Bekannte aus dem Döner-Imbiss zum Geschehen geeilt und gemeinsam mit Farhad A. auf Daniel H. und dessen Bekannte losgegangen.

Die Angaben konnten von dem Botschaftsmitarbeiter nicht überprüft werden, auch von Polizei und Staatsanwaltschaft liegt keine Bestätigung vor. Nur der Verdacht gegen Jussif A. konnte sich nicht erhärten: Er kam am 18. September frei.

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Wer ist das Opfer?

Der 35-jährige Tischler Daniel H. starb am Sonntag an den Folgen seiner Verletzungen. Er hinterlässt eine Frau und ein Kind. Es gibt keine Hinweise darauf, dass er einer rechten Gruppe angehörte oder mit einer solchen sympathisierte.

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Warum ist der Haftbefehl publik?

Auf rechten Seiten wurde wenige Tage nach der Tat eine Kopie des Haftbefehls gegen einen der Hauptverdächtigen verbreitet. Das Dokument wurde von einem Justizbeamten aus Dresden publik gemacht. Es enthält Angaben zum Tatverdächtigen: Name, Adresse und Details zur Tat werden darin genannt. Die sächsische Landesregierung sieht darin eine Straftat, die Staatsanwaltschaft Dresden ermittelt wegen "Verletzung von Dienstgeheimnissen und einer besonderen Geheimhaltungspflicht gemäß Paragraf 353 b Strafgesetzbuch".

Das Papier wurde mit einigen Schwärzungen unter anderem von der rechtspopulistischen Gruppe Pro Chemnitz, einem AfD-Kreisverband, dem bayerischen AfD-Abgeordneten Stephan Protschka, einem Bremer Bürgerschaftsabgeordneten sowie Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann weiterverbreitet.

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Welche Falschmeldungen kursieren?

In sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Gerüchte über die Täter und den Tathergang. Eines der hartnäckigsten bezieht sich auf eine Frau, die in der Tatnacht geschützt werden sollte oder gar vergewaltigt wurde. Der sächsische Polizeipräsident Georgie und auch die Landesregierung haben angegeben, dass es sich dabei um eine Falschmeldung handelt.

Auch eine Zeugin der Tat, die Frau eines der überlebenden Opfer, trat dieser Darstellung entgegen. Die Freie Presse zitiert sie mit der Aussage, es sei bei dem Streit zwischen den beiden Gruppen um Zigaretten gegangen.

Berichte, neben Daniel H. sei ein weiteres Opfer an den Folgen seiner Verletzungen gestorben, sind ebenfalls falsch.

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