Die deutsche Journalistin und Übersetzerin Meşale Tolu hat nach monatelanger Haft und einer anschließenden Ausreisesperre die Türkei verlassen und ist in Stuttgart angekommen. Bei ihrer Ankunft am Flughafen äußerte die 34-Jährige ihre Sorge über die Situation in der Türkei: "Ich bin zwar heute hier, aber Hunderte Kollegen und Kolleginnen, Oppositionelle, Anwälte, Studenten, 70.000 Studenten sind immer noch inhaftiert, sind immer noch nicht frei."

Sie könne sich "nicht wirklich über die Ausreise freuen", sagte Tolu vor Journalisten im schwäbischen Leinfelden-Echterdingen, denn sie wisse, "dass sich in dem Land, in dem ich eingesperrt war, nichts verändert hat".

Wegen Vorwürfen der Terrorpropaganda und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung hatte die türkische Justiz Tolu 16 Monate lang festgehalten. Die Journalistin, die aus Neu-Ulm stammt und für die linke Nachrichtenagentur Etha arbeitet, war im Frühjahr 2017 als Unterstützerin der linksradikalen Partei MLKP angeklagt und gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn in Untersuchungshaft gebracht worden. Sieben Monate später durfte Tolu im Dezember 2017 das Gefängnis verlassen, die Justiz sprach jedoch ein Ausreiseverbot für sie aus. Tolu hat die Vorwürfe, für die sie mit bis zu 20 Jahren Haft bestraft werden könnte, stets bestritten. Nach ihrer Ankunft sprach Tolu von einer "Kette der Ungerechtigkeit".

"Ich bin einfach erst mal ein bisschen mutig"

Erst vor wenigen Tagen war ihre Ausreisesperre aufgehoben worden. Tolus Ehemann, Suat Çorlu, der ebenfalls angeklagt ist, muss weiterhin in der Türkei bleiben. Der Prozess gegen die beiden wird dort fortgeführt, die Verhandlung soll am 16. Oktober weitergehen. Tolu kündigte an, für den Prozess wieder in die Türkei zu reisen. Mit einer erneuten Festnahme rechne sie nicht: "Natürlich ist es eine willkürliche Herrschaft, die regiert, die wieder alles machen kann. Aber ich denke, ich bin einfach erst mal ein bisschen mutig."

Nach offiziellen Angaben sind in der Türkei derzeit sieben weitere Deutsche aus "politischen Gründen" in Haft.