Die Insel platzt – Seite 1

Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporterinnen und -reporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

© ZEIT ONLINE

Die Schlange von Usedom, das klingt nach einem wilden Meeresungeheuer aus einer alten Inselsage. Furchteinflößend für Kinder, aber nur ein Fantasiegebilde, wie das Monster von Loch Ness.

Leider ist sie etwas sehr Reales, wenn sie auch keine Menschen frisst. Im Sommer, während der Hochsaison, schlängelt sie sich immer wochenends und zunehmend auch werktags über die Straßen der Insel. Ihre Glieder sind einzelne Autos, die sich in Spitzenzeiten auf bis zu 20 Kilometern vor den Brücken stauen, die nach Usedom führen. In ihnen: Menschen, die Urlaub machen wollen und stattdessen stundenlang unter Blechdächern schwitzen. Wer eine Woche auf Usedom bleibt, verbringt schnell zehn Urlaubsstunden im Stau. Mit jedem Sommer, in dem die Schlange wieder gewütet hat, fragen sich mehr Touristen und Einheimische: "Wie viele Urlauber verträgt diese Insel eigentlich noch?" 

Eine von ihnen ist Kristin Wegner, geboren und aufgewachsen in Ahlbeck auf Usedom. "Als Kind zu DDR-Zeiten habe ich da noch auf den Straßen gespielt, das wäre heute undenkbar", sagt die 39-Jährige. Ihr Bioladen im Dörfchen Libnow liegt direkt an der B110, einer der beiden Inselzufahrten. Von ihrem Verkaufstresen hat sie beste Aussicht auf den Dauerstau. "Es ist schon seit mehr als zehn Jahren problematisch, aber seit fünf oder sechs Jahren ist es jetzt wirklich unerträglich", sagt Wegner, die für die Grünen im Kreistag sitzt. "Und es ist nicht absehbar, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändert."

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Diesen Eindruck hat auch der Stefan Weigler, Bürgermeister von Wolgast, dem 12.000-Einwohner-Städtchen an der anderen Zufahrt zur Insel. Weiglers Büro liegt ungefähr so dicht an der Bundesstraße wie Wegners Bioladen, und auch Weigler erlebt "den Wahnsinn", wie er das nennt, von Tag zu Tag neu. "Sie können unsere Stadt am Wochenende mit dem Auto praktisch nicht durchqueren", sagt er.

Weigler kennt die Computermodelle, die es von der Ortsumgehung mitsamt neuer Brücke nach Usedom gibt. Und Weigler weiß auch, dass das Vorhaben bereits seit 1992 im "Bundesverkehrswegeplan" auftaucht. Aber wann hier die Bagger anrollen? "Fragen Sie mich besser was anderes", sagt er. Der Schweriner Verkehrsminister habe voriges Jahr öffentlich versprochen, im Juli 2018 würden endlich die Planungsunterlagen für die acht Kilometer Ortsumgehung mitsamt neuer Brücke ausgelegt: "Aber jetzt ist August. Und natürlich wurde nichts ausgelegt."

Vielleicht rollen die Bagger auch deswegen nicht an, weil sich auch so mancher in den zuständigen Ministerien fragt, ob man die Urlauber so aus der Staufalle herausholen kann. Zwar steigen die Übernachtungszahlen auf der Insel noch immer Jahr für Jahr moderat an, zwar werden immer noch neue Ferienquartiere – vom Ferienhaus bis zur Bettenburg – fertig, aber inzwischen stellen nicht mehr nur Grüne wie Kristin Wegner die Nachhaltigkeitsfrage. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) formuliert es so: "Die Entwicklung der Insel Usedom sollte nicht durch den weiteren Aufbau von Übernachtungskapazitäten erfolgen, sondern durch Qualitätsverbesserungen." Klasse statt Masse – diese Forderung ist in der Tourismusbranche an der Ostsee relativ neu. Nach der Wende kannten hier alle nur eine Richtung: mehr, mehr, mehr Betten für mehr, mehr, mehr Touristen.

"Es gibt auch die ganz normalen Leute mit ganz normalen Berufen"

Touristen auf der Seebrücke Ahlbeck © Julius Schrank für ZEIT ONLINE

Weniger Touristen werden in den nächsten Jahren wohl kaum auf die Insel kommen, denn die Quartiere sind nun ja einmal da – auch wenn das Wachstum womöglich an seine natürlichen Grenzen gestoßen ist. "Aber so, wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben", sagt Bürgermeister Stefan Weigler und meint damit weniger die Touristen als die Einheimischen. Denn auf der Insel und dem nahen Festland wird ein Problem immer virulenter: Die Bevölkerung wendet sich in Scharen von der Politik ab. Bei der letzten Landtagswahl zog aus dem Wahlkreis, zu dem weite Teile Usedoms und die Stadt Wolgast gehören, ein Kandidat der AfD als direkt gewählter Abgeordneter in den Schweriner Landtag ein. Ralph Weber, ein Juraprofessor aus dem nahen Greifswald, der selbst für AfD-Verhältnisse ein Rechtsaußen ist und der schon Schlagzeilen wegen rechter Grenzüberschreitungen machte, als die AfD noch gar nicht existierte. Erst vorige Woche sagte Weber auf einer Demonstration in Rostock den Satz: "Ein überfremdetes Volk, in dem das eigene Blut nicht mehr mehrheitsfähig ist, kann niemand mehr reparieren."

Das Gefühl, vergessen zu werden

Diesem Ralph Weber gaben also 2016 mehr als ein Drittel aller Wähler, 35,3 Prozent, ihre Stimme. Es ist das höchste Ergebnis, das jemals ein AfD-Direktkandidat bei einer Landtagswahl in Deutschland einfuhr. In einigen Orten auf der Insel kam Weber sogar auf über 50 Prozent der Erststimmen. Natürlich hat das nicht nur mit dem Dauerstau zu tun, aber die sich permanent verschlechternde Verkehrssituation verstärkt ein wiederum hochpolitisches Gefühl, das viele hier schon länger haben: langsam vergessen zu werden.

Weigler kann Minuten damit verbringen, aufzuzählen, was in Wolgast in den vergangenen Jahren alles geschlossen wurde: Bis 1994 war der Ort Kreisstadt, danach verlor er alle paar Jahre eine wichtige Behörde wie Polizei oder staatliche Ämter. 2015 machte das Amtsgericht dicht, das seit dem Mittelalter nahezu ununterbrochen existiert hatte. "Damals sind hier über 1.000 Leute auf die Straße gegangen – für ein Gericht, mit dem die meisten vorher noch nie zu tun hatten", sagt Weigler. Als ein Jahr später in Wolgast Teile des Krankenhauses abgewickelt wurden, eskalierte die Situation. In der Stadt und auf der Insel entstand ein Bürgerbündnis, in dem lokale Honoratioren – Ärzte, Rechtsanwälte, CDU-Politiker – mit Rechtsextremen paktierten und für das Krankenhaus kämpften: "Da ist etwas entglitten", sagt der parteilose Weigler heute, und: "Ich kann die Leute verstehen. Die haben das Gefühl, dass sich in Schwerin oder Berlin keiner für sie interessiert. Ich kenne viele vernünftige Leute, die die AfD und Herrn Weber gewählt haben. Ich heiße das nicht gut, aber ich kann ganz sicher sagen, dass das keine Nazis sind. Die sind einfach nur frustriert."

Die ganz normalen Leute

Auch Kristin Wegner kennt Menschen, die AfD gewählt haben: "Zum Teil sind das sehr nette Leute. Ich finde das schwer erträglich, aber ich verdamme die nicht. Die haben einfach das Gefühl, dass es so nicht weitergeht." Es sei eben nicht so, dass alle auf der Insel vom Tourismus profitierten: "Es gibt auch die ganz normalen Leute mit ganz normalen Berufen. Und deren Tagesablauf wird im Sommer praktisch lahmgelegt, weil die Straßen unpassierbar sind." Manche ihrer Stammkunden, von denen ihr Geschäft außerhalb der Saison abhängig sei, könnten im Sommer nicht zu ihr kommen, "weil die ansonsten zwei Stunden im Auto sitzen für eine Strecke, die sonst 20 Minuten dauert".

Neben dem Bau der neuen Umgehungsstraße, mit dem sich inzwischen selbst viele Grüne anfreunden können, gibt es vielleicht noch eine umweltverträglichere Idee, wie man die Insel entlasten könnte. Einer ihrer Urheber ist Günther Jikeli, ein Zugezogener. Bald, nachdem er 2009 aus Köln nach Usedom kam, stieß er auf die Reste einer alten Bahnstrecke, die Berlin und Usedom bis zum Kriegsende 1945 in etwa zwei Stunden Fahrtzeit verband. Weil die Nazis die große Brücke über das Stettiner Haff sprengten, wurde die Strecke zu DDR-Zeiten nicht wieder aufgebaut. Wer heute mit der Bahn in die Inselhauptstadt Heringsdorf fahren will, muss mindestens dreieinhalb Stunden einplanen. "Dabei gäbe es eine Strecke, mit der man viel schneller wäre als mit dem Auto", sagt Jikeli. Die Trasse sei noch vorhanden, man müsse nur Gleise darauf legen und die Brücke wieder aufbauen.

Jikeli, SPD-Mitglied, wirbt seit Jahren für diesen Plan. Das Mittelteil der alten Brücke, ein technisches Denkmal, ragt bei Karnin immer noch mitten aus dem Wasser. Alle paar Wochen fährt ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn, der die Ruine immer noch gehört, mit einem Boot dorthin und prüft, ob das Metallgerippe noch stabil ist. 25.000 Euro kostet das die Bahn pro Jahr.

"Es ist ein Trauerspiel"

Eine der zwei Hauptstraßen Usedoms, die B111 (nahe Koserow) © Julius Schrank für ZEIT ONLINE

Weniger als 100 Millionen Euro würde der Wiederaufbau der Bahnstrecke kosten, schätzt Jikeli. Wenige Kilometer führen heute durch polnisches Gebiet, weshalb hohe EU-Förderung zu erwarten wäre. "Nur die Bahn kann die Probleme auf der Insel lösen", sagt Günther Jikeli. "Hier geht es um den Transport von Massen und dafür braucht man ein Massentransportmittel." Die Bahn steht dem Vorhaben aufgeschlossen gegenüber. Vielleicht hat sie gelernt aus der Häme, die ihr im vergangenen Jahr entgegenschlug, als sie ankündigte, einen Linienbus von Berlin auf die Insel zu schicken.

Seinen eigenen Parteifreunden auf Bundesebene hat Jikeli das Wiederaufbauprojekt, für das es auf der Insel auch einen eigenen Verein gibt, schon schmackhaft machen können. "Aber im Land gibt es massiven Widerstand", klagt Jikeli und mutmaßt: "Die machen sich Sorgen, dass die neue Strecke den neuen Containerhafen im polnischen Swinemünde attraktiver macht und deutschen Seehäfen schadet." 

Auch die Züge sind überfüllt

Tatsächlich wird das Projekt in Schwerin kritisch gesehen. Die Sache mit dem Schutz der deutschen Seehäfen ist offiziell kein Thema, wohl aber die Kosten. Zwar würden die Baukosten wohl fast vollständig vom Bund getragen. Aber wäre die Strecke fertig, müsse das Land den Zugverkehr über die neue Strecke bezahlen – und das, sagen SPD-Verkehrspolitiker, werde es nicht tun. "Macht keine Querschüsse", warnte Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) seine Genossen auf Usedom schon vor Jahren, die geplante neue Brücke bei Wolgast und den Wiederaufbau der Eisenbahnstrecke "gegeneinander auszuspielen".

Wie die Realität ist, erleben in diesen Tagen alle Reisenden, die aus Berlin versuchen, an die Ostsee zu fahren. Nicht nur die Straßen, auch die Züge aus der Hauptstadt ans Meer sind so überfüllt, dass sich in den vergangenen Wochen die Berichte über Menschen häuften, die am Bahnsteig zurückbleiben mussten, weil die Züge einfach niemanden mehr aufnehmen konnten. "Fahrgäste, die noch keinen Fahrschein gekauft haben, wählen bitte eine andere Verbindung", steht regelmäßig in der App der Deutschen Bahn hinter den Wochenendzügen zur Ostsee. Auf Nachfrage räumt die Bahn ein, die überfüllten Züge seien "leider kein Einzelfall". Eine Lösung des Problems sei nicht zu erwarten, weil das Land Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr Regionalzüge bestelle und im Fernverkehr die Zugkapazitäten fehlten. "Es ist ein Trauerspiel", sagt Jikeli.

"Das kann ich niemandem erklären"

Schließlich ist die Verstopfung Usedoms auch ein ökonomisches Problem. Wegen der ständigen Staus, sagt Stefan Weigler, würden Unternehmen seiner Stadt den Rücken kehren. Neulich erst habe ihm ein Agrarbetrieb erzählt, dass er sein Getreide ab sofort nicht mehr im Wolgaster Stadthafen umschlage, sondern 30 Kilometer entfernt. "Jetzt fahren die Landwirte mit ihren Traktoren durchs halbe Land, um dem Stau zu entgehen, und produzieren dabei neue Staus", sagt Weigler. Wenn alles gut laufe, komme die neue Umgehungsstraße für Wolgast im Jahr 2026. "Das ist dann 34 Jahre nach Beginn der Planungen, fast ein halbes Menschenleben. Das kann ich niemandem erklären." Dann muss Weigler los, der Verkehrsminister kommt zu Besuch. Weigler wird ihm genau dasselbe erzählen. "Aber ich erzähle ihm das auch schon zum gefühlt hundertsten Mal."

Und was macht Ralph Weber, der AfD-Abgeordnete? Der lud seine Anhänger neulich zur Hauptverkehrszeit am Samstag zur Demonstration auf der überlasteten Bundesstraße in Wolgast ein. Rund zehn Minuten lang sollte der ohnehin stockende Verkehr komplett gestoppt und damit ein Zeichen gesetzt werden, so der AfD-Plan. Das war offenbar selbst den Einheimischen zu bunt. Nur 50 Anhänger kamen, weitaus weniger als das normalerweise bei AfD-Veranstaltungen in Wolgast der Fall ist. Und trotzdem sagte selbst ein Polizist, der die Veranstaltung absicherte: "Man würde sich wirklich wünschen, dass es nicht bloß immer nur die AfD ist, die hier so etwas organisiert. Die haben nämlich leider recht." Wen er denn vor zwei Jahren gewählt habe, fragt man da. Die Antwort: Schweigen.