Soll es in Deutschland ein verpflichtendes Dienstjahr für alle geben? Wer diese Idee diskutiert, sollte auch zurückblicken: Was haben die Männer und Frauen in der Bundeswehr, beim Zivildienst oder beim Freiwilligen Sozialen Jahr erlebt, als es die Wehrpflicht noch gab? Hat es sie zu anderen Menschen gemacht oder vor lauter Stumpfsinn bloß um den Verstand gebracht? Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ZEIT ONLINE berichten. 

"Die Freizeit schien endlos"

Marcus Gatzke, Zivildienst

Seit meinem Zivildienst weiß ich, wie man 20 Kilogramm Kartoffelsalat in einer waschzubergroßen Schüssel zubereitet, wie Frikadellen außen kross und innen zart werden und wie ein Frankfurter Kranz gebacken wird. Klaus, seinerzeit Küchenchef im Haus Hammerstein, hat mir Kochen beigebracht. Keine Haute Cuisine, sondern ordentliche Hausmannkost. Was in so einer Erholungs- und Fortbildungseinrichtung der Lebenshilfe eben auf den Tisch kommt. Klaus war beinhart als Chef. Es wackelten schon mal die Töpfe an der Wand, wenn er durch die Küche bellte, weil ihm irgendetwas nicht schnell genug ging. Dafür gab es im Anschluss Kuchen satt für die insgesamt fünf Zivis im Haus. 

Dass ich nicht zur Bundeswehr gehen würde, wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Mein Vater hat als Jugendlicher an der Ostfront gekämpft. Seine Kriegserlebnisse haben seine Kinder geprägt. Keiner seiner drei Söhne hat den Dienst an der Waffe angetreten, was Willi, als Erwachsener Sozialdemokrat durch und durch, immer auch ein wenig stolz gemacht hat. 

Noch heute sorgt bei mir der Gedanke an die 15 Monate als Ersatzdienstleistender für ein breites inneres Grinsen. Ein silberner klappriger VW Polo, Baujahr 77, keine Miete und jeden Monat ungefähr 600 bis 700 Mark auf dem Konto. Was will man mit 19 mehr? Die Freizeit schien endlos, trotz der teilweise anstrengenden Schichten in der Küche. Nach getaner Arbeit ging es ein ums andere Mal mit ein paar Bier, anderen Zivis und einem Ruderboot raus auf die Wuppertalsperre, an der Haus Hammerstein liegt. Es war eine gute Zeit, um ein klein wenig erwachsener zu werden.

"Wie ich waren die meisten gegen ihren Willen hier"

Holger Wiebe, Wehrdienst

Zur Bundeswehr wollte ich eigentlich nie. Zivildienst leisten allerdings auch nicht unbedingt, Totalverweigerung oder Gebrechen vortäuschen kamen ebenfalls nicht infrage. Doch im Oktober kam der Einberufungsbefehl: Am 1. Januar 1995 sollte ich in der Uckermark-Kaserne in Prenzlau antreten und meinen zwölfmonatigen Wehrdienst verrichten. Sofort schrieb ich dem Kreiswehrersatzamt, dass ein Irrtum vorliegen müsse, ich wäre ja noch fast drei Jahre in meiner Lehre und könne logischerweise erst danach zum Bund. Stimmte so leider nicht, für eine Zurückstellung musste ein Drittel der Lehrzeit absolviert sein. Hieß also: Lehre abbrechen und nach Prenzlau zum ABC-Abwehrbataillon 805.

Meine Kumpels (in etwa gleichen Teilen untauglich, Zivis oder beim Bund) lachten schon: "Eingezogen im Januar, das sind die drei Ms: Metzger, Maurer, Mörder!" Tatsächlich waren in meiner Kompanie fast ausschließlich Arbeitslose, gerade aus der Haft entlassene oder aus dem Job gezogene Männer, meist schon Mitte 20. Abitur hatten drei, genauso viele kamen, wie ich, aus West-Berlin. Kompaniechef war ein Rheinländer, die restlichen Offiziere waren ehemalige Soldaten der NVA.

Gleich am ersten Abend gab es einen Vorgeschmack auf die kommenden zwölf Monate: eine Prügelei zwischen einem glatzköpfigen Neonazi und "Zecke", einem linken Leipziger. Zecke hatte mit 13 die Schule abgebrochen, um auf dem Hof seiner Eltern Meerschweinchen und Kaninchen zu schlachten und daraus Hunde- und Katzenfutter zu machen. Die beiden rauften sich eine Weile auf dem Flur, bis sie lädiert in ihre Stuben zurückkehrten. Folgen hatte der Vorfall für die beiden keine, so wie auch alle weiteren Vergehen in den ersten Wochen nicht geahndet wurden.

Am besten kam ich mit dem Schützen Schäfer klar, er wohnte ebenfalls im Süden Berlins und nahm mich freitags mit nach Hause und am Sonntagabend zurück nach Prenzlau. Vor dem Wehrdienst hatte er als Baggerfahrer und Türsteher gearbeitet. Er war Kickboxer und ein echtes Kraftpaket – in einer Nacht schaffte er es, ohne fremde Hilfe den Trabbi des Obergefreiten B. so aufzuschaukeln, dass er aufs Dach kippte.  

Wie ich waren die meisten gegen ihren Willen hier. Allen fehlte es an Motivation und an Disziplin. Sachbeschädigung, Prügeleien, unerlaubte Abwesenheiten: Strafen wurden, wenn überhaupt, nur auf Bewährung ausgesprochen. Stattdessen versuchten unsere Ausbilder, uns durch Gewaltmärsche und tagelange Biwaks (Truppenübungen mit Übernachtung im Freien) die Energie für jeglichen Unsinn zu nehmen. Drei Übernachtungen in einem Erdloch bei minus 15 Grad führten bei mir zu einer fiebrigen Erkältung, nach Hause durfte ich aber nicht. Zu viele Kameraden hatten zuvor versucht, eine Krankschreibung zu erschummeln. Einige Tricks gab es da, zum Beispiel mit einer Mischung aus Wasser, Pfeffer und Chilipulver zu gurgeln (Rachenentzündung) oder sich eine halbe Stunde mit einem Esslöffel auf ein und dieselbe Stelle auf dem Unterarm zu klopfen, was zu einem großen Bluterguss führte. Highlight: Der Gefreite P. ließ sich von einem Freund mehrfach auf Nase und Jochbein schlagen, um einen Überfall vorzutäuschen.

Wir versuchten, jegliche Arbeit zu vermeiden. Ich erinnere mich, wie wir zu dritt zu einer großen Fahrzeughalle gefahren wurden, um sie auszufegen. Wir fanden dort drei Besen vor, die wir sofort zerbrachen. Als wir nach zwei Stunden abgeholt wurden, zuckten wir nur mit den Schultern: "Entschuldigung, wir konnten hier nix machen, Material kaputt."

Nach einem halben Jahr hatten sich fast 150 Disziplinarverfahren innerhalb der Kompanie angesammelt, ein paar hatten sich bereits T-Shirts mit "Verbrecherkompanie" drucken lassen. Am Ende des Jahres waren es 275, angeblich unrühmlicher Rekord bei der Bundeswehr. Krasse Höhepunkte waren die Zerstörung einer Kegelbahn (am ersten und zugleich letzten gemeinsamen Freizeitevent) sowie die Verhaftung zweier Gefreiter, die nach einem erfolglosen Banküberfall in die Kaserne flüchteten und sich bei der Verhaftung so heftig wehrten, dass der Flur einem Trümmerfeld glich. Sämtliche Vitrinen, Bilder und Glaselemente waren zerstört, einer der Täter lag in einer Lache aus Blut und Erbrochenem. In seinem Bein steckte ein Messer.

Zumindest eine Sache hat mir mein Wehrdienst gebracht: Der Einstieg ins Berufsleben fiel mir nicht schwer. Ich wusste, dass selbst nach dem längsten Tag im Büro mein Bett auf mich wartete – und kein Erdloch.

"Ich lebte in einer Parallelgesellschaft"

Sören Götz, Anderer Dienst im Ausland

Nach dem Abi wollte ich weit weg, etwas ganz anderes sehen. Also bewarb ich mich für das Weltwärts-Programm und ging für ein Jahr nach Malawi, ein kleines Land in Südostafrika. Das hätte ich mir auch als Zivildienst anrechnen lassen können, aber ich war ohnehin ausgemustert worden. In Malawi arbeitete ich an einem College, an dem Grundschullehrer ausgebildet wurden. Ich hielt Rechner instand, half Lehrerinnen und Lehrern mit IT-Problemen und gab den Studierenden Computerunterricht.

Ich hatte mir vorher ausgemalt, wie schnell ich die Landessprache Chichewa lernen und wie viele malawische Freunde ich finden würde. Je länger ich da war, desto weniger glaubte ich daran. Ich wohnte mit zwei deutschen Freiwilligen zusammen, wir reisten viel, auch in die Nachbarländer, und feierten mit anderen Freiwilligen.

Jetzt konnte ich verstehen, warum sich einige Einwanderer in Parallelgesellschaften zurückziehen: Ich lebte plötzlich selbst in einer. Auch die Entwicklungshelfer und weißen Geschäftsleute, die schon seit Jahren in Malawi lebten, sprachen kaum Chichewa und fuhren von einem Expat-Barbecue zum nächsten. Doch obwohl sie das Land und seine Menschen so schlecht kennen, sind sie diejenigen, die die wichtigen Entscheidungen treffen und das Geld verteilen. Seitdem ich das gesehen habe, zweifle ich am Sinn klassischer Entwicklungshilfe.

Ich bekam auch einen Eindruck davon, wie es ist, aufgrund seiner Hautfarbe in Schubladen gesteckt zu werden. Am ersten Tag gab man uns den Schlüssel zum Computerraum, den selbst altgediente Lehrer nur unter Aufsicht betreten dürfen. Als ob Weiße grundsätzlich vertrauenswürdiger wären. Ständig fragten mich Leute, ob ich einen Job für sie hätte – dabei kam ich frisch von der Schule. Kolonialismus, bevormundende Entwicklungshilfe und die kulturelle Dominanz des Westens haben offenbar dazu geführt, dass viele Malawier noch immer mit dem Bild aufwachsen, Weiße seien bessere oder zumindest mächtigere Menschen. Für uns waren diese positiven Vorurteile befremdlich. Ich kann nur erahnen, wie schlimm es für Schwarze in westlichen Ländern sein muss, denen die gegenteiligen, negativen Vorurteile entgegengebracht werden.

Wieder zurück in Deutschland nahm ich an Antirassismustrainings teil. Ich engagierte mich mit anderen Weltwärts-Rückkehrern dafür, dass auch Menschen aus dem Globalen Süden für Freiwilligendienste nach Deutschland kommen können. Das Jahr in Malawi war bisher das prägendste in meinen Leben.

"Ich wurde gebraucht, das hatte ich vorher nie gefühlt"

Ferdinand Otto, Zivildienst

Selten in meinem Leben habe ich so hart arbeiten müssen, körperlich und emotional, wie in meinen neun Monaten Zivildienst an einem Münchner Kinderkrankenhaus. Morgens um fünf klingelte bisweilen der Wecker, manchmal kam der Feierabend erst spät in der Nacht. Betten machen, Frühstück richten, Babys füttern, hinter Dreijährigen über den Flur jagen, während die Mama einkaufen geht – ich war vom ersten Tag an überfordert. Ich will keinen Moment davon missen. 

Manchmal waren es existenzielle Erfahrungen, durch die mich der Zivi geformt hat. Ein Kind sterben zu sehen, das vergisst man nicht mehr. Viel öfter aber war es das Alltägliche, das mich staunen machte. Die Fantasie von Kindern, die im Spiel jedes Krankenzimmer in eine Piratenhöhle verwandeln. Die Dankbarkeit der Kleinen, wenn man sich voll und ganz auf sie einlässt. Ich kam mir wahnsinnig wichtig vor. Da waren plötzlich Babys, die sich darauf verließen, dass ich sie richtig fütterte und wickelte. Ich wurde gebraucht, das hatte ich vorher nie gefühlt. 

Nie war ich, das Akademikerkind aus dem Mittelschichthaushalt, derart gezwungen, meine Komfortzone und meine soziale Blase zu verlassen. In meinem Abijahrgang gab es wenige Arbeiterkinder und noch weniger mit Migrationshintergrund. Auf Station hörte ich plötzlich Afghanisch, Türkisch, Arabisch, Farsi und Afrikaans. Ich trank Kaffee mit Bauarbeitern und Müllmännern und rauchte mit Pfarrern, Heroinabhängigen und Landwirten. 

Vor allem aber hat mich der Zivi einen Riesenrespekt gelehrt vor denen, die diesen Beruf bis zur Rente machen. Ich bewundere meine Kolleginnen von damals, die noch eine Stunde früher aufstehen mussten als ich, um in Fürstenfeldbruck oder Rosenheim in die Bahn zu springen, weil schon vor zehn Jahren der Münchner Mietmarkt zu irre war für Kinderkrankenschwestern. Und diese Schwestern stehen dann trotzdem noch jeden Morgen mit einem Lächeln vor dem Bett ihrer kleinen Patienten. Wie machen die das? So eine Begeisterung, so viel Wärme habe ich selten erlebt. 

"Ich musste mich zum ersten Mal im Leben wirklich integrieren"

Dirk Peitz, Wehrdienst

Ich war einer von nur zwei Leuten mit Abitur unter knapp 80 Real- und Hauptschülern, das war am ersten Tag meines Wehrdienstes schon eine seltsame Erkenntnis. Die drei Monate Grundausbildung in dieser Luftwaffenkompanie im Frühherbst 1990, so verstand ich später, waren ein soziales Experiment an mir selbst. Vor knapp drei Jahrzehnten gab es den Begriff der Filterblase noch nicht, doch war meine gerade geplatzt: Als Mittelschichtssprössling und Bürgerkind bekam ich sehr plötzlich eine Ahnung davon, wie anders soziale Hintergründe, Sehnsüchte und Zukunftsvorstellungen Gleichaltriger sein konnten. 

Die Bundeswehr, so verstand ich es, konfrontierte mich mit gesellschaftlichen Realitäten, die ich, der Wohlbehütete, vorher nicht zur Kenntnis hatte nehmen müssen. Ich fühlte mich dann sehr allein zwischen all diesen anderen jungen Männern. Doch aus dem Weg gehen konnte ich ihnen nicht, dafür waren wir einfach zu eng zusammengepfercht. Ich musste mich zum ersten Mal im Leben wirklich in eine Gruppe integrieren: Das, dachte ich später, war vermutlich der wesentlichste Dienst, den die Bundeswehr mir im Tausch für ein Jahr meines Lebens erwies. 

Und sie gab mir eine Ahnung vom Krieg und von der Möglichkeit des Tötens – mir, der sich damals als Pazifist und jede Form von Gewalt ablehnender Linker begriff und nur durch komplizierte Verwicklungen zum Wehrdienstleistenden geworden war. Ich hielt dann bald zum ersten Mal eine Waffe in der Hand und das Widersinnige trat ein: Es stellte sich heraus, dass ich gut war im Schießen, sehr gut sogar. Schlimmer noch, es machte mir auf beängstigende Weise Spaß. 

Im vierten Monat meiner Dienstzeit, Januar 1991, begann der Zweite Golfkrieg. In der Kaserne, in die ich nach der Grundausbildung versetzt worden war, waren auch US-Verbände stationiert. Wir deutschen Wehrdienstleistenden beobachteten, wie amerikanische Soldaten in Busse verfrachtet wurden. Ihre Einheit würde verlegt, hieß es, an den Golf. Ich schaute den wegfahrenden Bussen hinterher und war mit einem Mal froh, ein deutscher Wehrdienstleistender zu sein. Die würden niemals wieder in einen Krieg geschickt werden, dachte mein 19-jähriges Ich.

"Ich wünschte, mich hätte jemand zum Zivildienst gezwungen"

Luisa Jacobs

Mein Bruder hat es versucht. Er hat versucht, mich davon zu überzeugen, mir ein Jahr Zeit zu nehmen und raus in die Welt zu gehen. Damit meinte er nicht Schildkröten retten in Mexiko. Er meinte raus aus der Welt, die nach dem Elitegymnasium eigentlich nur die Eliteuni kennt. Wenn du es nicht für die Schildkröten tust, tu's für dich, hat er gesagt.

Heute finde ich, er hat recht. Ich schrieb mich trotzdem sofort fürs Politikstudium in Heidelberg ein. Mein Bruder ist eben mein Bruder. Dem konnte ich widersprechen. Außerdem war ich verliebt und wollte gar nicht raus aus meiner Welt, in der ich mich so gut auskannte.

Dann kamen die Jungs aus meiner Stufe nach ein paar Monaten aus der Behindertenwerkstatt, dem Krankenhaus und dem Schullandheim wieder und ihre Welt hatte sich verändert. Meine nicht. Sie hatten sich in die Herzen grantiger Hausmeister geschlichen und gelernt, wie man erhobenen Hauptes "Ich bin ein dicker Tanzbär" singt. Ich drückte mich vor meiner ersten Hausarbeit in politischer Theorie und wünschte, mich hätte auch jemand gezwungen. Jemand mit mehr Autorität als mein Bruder. Dann könnte ich jetzt schöne Geschichten von der Schutzstation Wattenmeer auf Amrum erzählen.

"Sie haben am Ende Ihrer Ausbildung die Lizenz zum Töten"

Sascha Venohr, Wehrdienst

Laut Einberufungsbescheid ging es mit meinem Wehrdienst direkt nach dem Abitur Anfang Juli 1993 los. Zu den Panzergrenadieren ins hessische Knüllgebirge. Schwarzenborn hieß das Örtchen. Kurze Zeit später lernte ich den Spruch "Der liebe Gott in seinem Zorn, schuf die Bundeswehr und Schwarzenborn". Und verstand ihn. Drei Monate Grundausbildung mit Drill und martialischen Sprüchen wie "Sie haben am Ende Ihrer Ausbildung die Lizenz zum Töten". Dazu der überraschend frühe Moment, als man mir und den anderen jungen Soldaten jeweils ein G3-Schnellfeuergewehr mit 20 Schuss scharfer Munition zu Übungszwecken übergab. Mit der Wehrpflicht einhergehend wurde dem jungen Menschen quasi automatisch die Reife zum Führen einer Waffe attestiert. Was mir übrigens schon damals auffiel, war, dass die Ausrüstung einen sehr bescheidenen Eindruck machte. "Einsatzbereit" sah anders aus.

Mir war schnell klar, dass der Ton und auch die Umgebung dieser sogenannten "kämpfenden Truppe" bei den Panzergrenadieren nicht meine Welt waren. Im Rückblick absurde Wochen mit viel Schlamm im Gesicht. Diese persönlichen Grenzerfahrungen möchte ich aber nicht missen.

Nach meiner Grundausbildung wurde ich in einen Brigadestab versetzt. Dort verrichtete ich für die finalen neun Monate in der für Personalthemen zuständigen S1-Abteilung meinen Dienst. Konkret: Ich war für das Pflegen und Auswerten von Datenbanken rund um Personalthemen wie Abkommandierungen und Versetzungen zuständig. Als Abiturient brachte ich zwar umfangreiche Computerkenntnisse mit, musste aber mehrere Wochen eingeführt und eingearbeitet werden. Dabei habe ich viele Dinge gelernt, die mir sogar heute noch als Datenjournalist helfen. Dann war meine Dienstzeit um, ich nahm mein Wissen mit und der nächste Wehrpflichtige begann und das Ausbildungsprogramm von vorn.

"Wir hatten auch zwei echte Neonazis"

Oliver Fritsch, Wehrdienst

Ich hab sie seitdem nicht mehr gesehen, die Jungs, mit denen ich gemeinsam "diente", meine "Kameraden". Doch irgendwie sind sie noch da. Der Zimmermann aus Ahrweiler, den ich wegen seines rheinischen Akzents erst gar nicht verstand, den er so stolz sprach. Der schüchterne Thüringer, den ersten Ossi, mit dem ich näher zu tun hatte. Oder den ulkigen Typen aus Frankfurt, der immer sehr viel Geld bei sich trug, das er ganz sicher nicht auf legale Art verdient hatte. Wir hatten auch zwei echte Neonazis, einer davon mit täglich gepflegter Glatze. Die waren, wie soll man sagen, gut integriert in unsere Leidensgenossenschaft. Unsere Batterie (wie Kompanien in der Artillerie heißen) war ein recht guter Querschnitt von Deutschlands jungen Männern.

Klar, es gab sinnloses Waffen- und Schuheputzen, zudem Alkoholorgien – und beim Bund lacht man über andere Witze als in der Bundestagsfraktion der Grünen. Doch meine Wehrpflicht als Panzerfahrer bei der Panzerartillerie in Wetzlar war auch ein gutes Kontrastprogramm zu meiner restlichen Zeit am Gymnasium, in der Universität und im Journalismus.

Wir haben ja auch politische Diskussionen geführt, etwa über den Jugoslawienkrieg, der damals begann, und was er für uns Wehrpflichtige bedeuten könnte. Über die Anschläge von Hoyerswerda und Lichtenhagen oder die Affenlaute in Fußballstadien. Wenn ich heute über aktuelle Themen nachdenke, diskutiere, schreibe, Özil, AfD, Trump oder, jetzt wieder, den Sinn von Pflichtjahren, frage ich mich manchmal, wie meine Kameraden von damals das sehen würden.

Und dann war da noch das Dauerthema in der Stube: das Verhältnis von denjenigen, die vom "Gymmi" kommen und studieren wollen, zu denjenigen, die Handwerker oder Bauarbeiter waren. Ich habe begriffen, dass die ein sehr feines Gespür dafür haben, ob jemand sie ernst nimmt oder auf sie herabschaut. Diese Lehre waren die zwölf Monate wert.

"Licht fiel auf das Bett von Frau Möller. Neben ihr saß eine Katze"

Tobias Dorfer, Zivildienst

Mit meinem AWO-Fiesta fuhr ich zu Frau Möller* und ging noch einmal Tims Worte durch. Manchmal braucht sie länger im Bad oder hat noch nicht gefrühstückt. Dann müssten wir uns beeilen, damit sie schnell zu ihrer Stelle in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen kam und ich zur nächsten Kundin.

Es war meine erste Woche als Zivi im Mobilen Sozialen Dienst. Die ersten Tage waren Tim und ich die Tour zusammen gefahren: 8 Uhr Morgentoilette bei Herrn Strauß, dann zu Frau Möller und schließlich bei Frau Waldmann Frühstück machen. 20 Minuten pro Besuch. Nun war Tim mit seiner Freundin im Urlaub und ich alleine. Bei Herrn Strauß war alles gut gelaufen. Seine Frau hatte die Windel gewechselt und mir hübsche Mädchen aus ihrer Verwandtschaft ans Herz gelegt. Gemeinsam hatten wir den älteren Herrn dann in den Rollstuhl gesetzt.

Ich war in Gedanken noch bei den beiden, als ich an Frau Möllers Türe klingelte. Nichts. Ich wartete kurz. Klingelte wieder. Nichts. Ich ging ins benachbarte Altersheim, das die Wohnanlage betreute und rief nach einer Schwester.

Wir öffneten die Türe und sahen in ein abgedunkeltes Zimmer. Die Jalousien waren einen Spaltbreit geöffnet und ein Lichtstrahl fiel auf das Bett, in dem Frau Möller lag. Neben ihr saß eine Katze. Wir machten Licht, gingen ans Bett und die Pflegerin fühlte den Puls. Nichts. Frau Möller war in der Nacht gestorben.

Ich hatte nie zuvor einen toten Menschen gesehen. Mit zittrigen Fingern wählte ich die Nummer meines Chefs. Willst du den Rest des Tages freinehmen, fragte er gleich. Ich dachte an Frau Waldmann, die schon auf ihren Kaffee wartete und an die 20 alten Menschen, die Essen auf Rädern bestellt hatten. Einen Ersatz für mich zu finden, hätte den Zeitplan komplett kollabieren lassen. Alles okay, sagte ich. Ich mache weiter.

Wenn ich heute vom Zeitdruck in der Pflege lese und darüber, dass Menschen einsam sterben, denke ich an diesen Tag und daran, wie wichtig und prägend ich den Zivildienst empfand. Weil er uns jungen Männern ermöglichte, etwas über Zuwendung und das Leben zu lernen; auch wenn oder gerade weil wir mit dem Tod konfrontiert waren.

*Namen geändert

"Irgendwann vergeht mir die Lust an der Militanz"

Milan Ziebula, Freiwilliges Soziales Jahr

Ein Junge von ungefähr 15 Jahren steht breitbeinig vor mir. Stämmiger Nacken, Vokuhila, ironisches Grinsen. "English teacher, you are beautiful!", ruft er. Ein paar seiner Klassenkameraden erheben sich und bilden einen Kreis um uns und ich fühle mich bedroht. Es sind meine ersten fünf Unterrichtsminuten als Freiwillige in der Don-Bosco-Schule für irakische Geflüchtete christlichen Glaubens.

Kleine, versiffte Klassenräume mit bis zu 50 Kindern, kaum Lehrmaterial und zum Mittagessen nur Chips und Schokoriegel – die Schule im Zentrum von Istanbul ist eine Notlösung. Die Familien der Schüler warten auf ein Visum für die USA, Schweden oder Australien. Manche drei Monate, andere vier Jahre.

Gemurmel im Klassenraum. "Sit down! All of you!", sage ich gereizt. Ein Mädchen hebt die Schultern, als verstehe sie nicht, während ein Junge seiner Sitznachbarin die Finger verdreht. Ich ringe nach Luft und starte eine Namensrunde. Der Junge mit Vokuhila heißt Ischo und wiederholt die Lobpreisung "You are beautiful", mehrmals. Ich bin überhaupt nicht cool mit der Situation.

Als ich mit 18 das Abitur gemacht habe, wollte ich unbedingt Menschen einer anderen Kultur kennenlernen. Doch hier vor der Klasse habe ich Angst, vor den laut Arabisch sprechenden Jugendlichen, ihrer harten Gestik. "Sie kennen kaum blonde Frauen. Die gibt es selten im Irak", erklärt mir der Sportlehrer Ninos in der Pause. Er ist selbst Geflüchteter und arbeitet hier ehrenamtlich. "Es fehlt ihnen der Halt. Die Lebenssituation, die Zukunft, die Schule, alles ist Chaos für sie." Streng müsse ich sein, rät er.

In den nächsten Wochen zwinge ich die Jugendlichen mit eiserner Disziplin, die neuen Vokabeln im Chor aufzusagen. Wir beginnen, uns aneinander zu gewöhnen. Irgendwann vergeht mir die Lust an der Militanz, ich gehe mit meinen Schülern Volleyball spielen.

Je länger ich der Sprache meiner Schüler lausche, umso weniger aggressiv empfinde ich sie. Seitdem ich sie mit "Merhaba" begrüße und mit "Shabab" (Leute) anspreche, bemühen sie sich, Englisch mit mir zu reden. Ischo fordert zum orientalischen Kreistanz auf. Geduldig weist er mich in die Schrittfolge ein. Ich lasse die Angespanntheit fallen, fühle mich wohl als Teil der sich drehenden Kette.

"Nach wenigen Metern krallte sie sich an die Wand und schrie 'Hilfe!'"

Hasan Gökkaya, Zivildienst

"Herr Hasan, Herr Hasan, ich brauche meinen Saft, aber jetzt sofort!" – gefühlt 1.000 Mal habe ich diesen Satz gehört, als ich 2004 meinen Zivildienst in einem Altersheim in Bremen leistete. Wenn Frau S., gebrechlich, stur, ungeheuer anstrengend, Ende 70, mir das zurief, stand ich morgens hundemüde in der Küche. Meine Aufgabe war es, Frau S. und den etwa 20 anderen Seniorinnen und Senioren auf Station 5 das Leben im Altersheim ein Stück angenehmer zu machen. Dazu musste ich ihnen das Frühstück zubereiten, später das Mittagessen verteilen, Wasserflaschen in ihre Zimmer tragen, mich um Kaffee und Kuchen am Nachmittag kümmern. 

Manchmal wurde es noch anstrengender, zum Beispiel wenn Frau B., Ende 70, klein und schlecht auf den Beinen, wieder einmal ihr Zimmer verließ. Nach wenigen Metern krallte sie sich an die Wand und schrie "Hilfe!", jedes Mal. Ich brach dann meine Arbeit ab, ohnehin genug um die Ohren, schnappte mir einen Rollator und huschte zu ihr. Sie versprach, es nie wieder zu tun, und sie log, jedes Mal. 

Als Abiturient von 19 Jahren war ich plötzlich mitten im Arbeitsleben, ausgerechnet in der Welt der Pflege. Der Zivildienst zwang mich zu einer Arbeit, auf die ich keine Lust hatte. Ich wusste, dass ich studieren wollte. Ich brauchte kein "Jahr der Orientierung". Ich war sauer, dass ich ein Jahr verlor. Erst am Ende merkte ich, dass ich auch etwas gelernt hatte.

Zum Beispiel, was es bedeutet, im hohen Alter hilflos zu sein. Ich verstand, dass für die meisten Bewohner die Einsamkeit viel, viel schlimmer war als der gebrechliche Körper. Alte Leute sind in Heimen den Pflegekräften ausgeliefert. Umso wichtiger ist es, spätestens dann unter guten Menschen zu sein. Ich habe seit meinem Zivi großen Respekt vor den vielen Pflegerinnen und Pflegern, die täglich körperlich und psychisch große Leistungen vollbringen. Seit dem Zivi horche ich auf, wenn zu Recht über die miesen Arbeitsbedingungen von Pflegekräften diskutiert wird, weil es an Geld und Personal mangelt. Zudem bin ich sensibler für den letzten Teil des Lebens geworden, das Altsein. Das schafft kein Studium.

"Die Gedanken werden träge und der Puls schlägt gegen Null"

Ruben Donsbach, Zivildienst

Ab einem gewissen Grad der Langeweile dehnt sich die Zeit und leiert aus. Die mangelnde Spannung überträgt sich auf den Körper und entzieht den Gliedern ihre letzte Kraft. Selbst die Gedanken werden träge und der Puls schlägt gegen Null. In diesem Zustand der allmählichen Verdämmerung stand ich am Tresen im Freizeitheim und öffnete eine Flasche Cola für einen Stammgast. Er war vielleicht 15 Jahre alt, seine Hose war baggy, um seine Mundwinkel zeichnete sich noch der Abdruck einer Bong. Er wollte mir etwas sagen, aber die Buchstaben fügten sich nicht zu Wörtern, die Wörter nicht zu Sätzen, die Sätze nicht zu Sinn.

Ich wandte mich von ihm ab und schaute in den länglichen, in Siebzigerjahre-Grün-und-Brauntönen gestrichenen Raum, der sich vor mir wie ein Trapez ins Nirgendwo zu verflüchtigen schien. Dort hinten standen die Kickertische, an denen ein paar Jugendliche den Ball laufen ließen und in unregelmäßigen Abständen mit einem dumpfen Stoß im Tor versenkten, hinter ihnen begann schon bald das Nichts. Ich wusste nicht mehr, wie ich hierhergekommen war, was ich getan, wer über mich verfügt und mich in dieser leisen Vorhölle zum Dienst geschickt hatte.

Täglich wiederholte sich eine sehr einfache Routine: aufschließen, Cola, Kicker, abschließen. Aus den Begegnungen hier entstanden keine Freundschaften, durch die unzähligen Repetitionen der einfachsten Tätigkeiten erreichte ich weder Perfektion noch einen inneren Zustand der Ruhe. Ich war einfach. Ich verging einfach. Knapp 20 Jahre später ist nichts geblieben von diesem Zivildienst. Außer dieser immer gleiche Tag, die immer gleichen Farben, die Stille, ein Abdruck, der kaum noch zu sehen ist.