Eigentlich sollte es unnötig sein, auf Selbstverständliches hinzuweisen. Doch in diesen Tagen, in denen Rechtsradikale regelmäßig in Chemnitz demonstrieren, den Hitlergruß zeigen, Menschen jagen und eine freie Berichterstattung beeinträchtigen, in denen Alexander Gauland von der AfD das als normal bezeichnet und Bürgerinnen und Bürger offen der rechten Hetze und dem Pöbel applaudieren, erscheint es zwingend, genau das zu tun. Sätze zu schreiben wie: Der Rechtsstaat funktioniert.

Denn das tut er. Das Urteil im Kandel-Prozess zeigt es. Das Landgericht verurteilte an diesem Montag den aus Afghanistan stammenden Abdul D. wegen Mordes. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Abdul D. seine damalige Ex-Freundin heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen – in diesem Fall Eifersucht – getötet hat.

Die Tat liegt schon mehrere Monate zurück; es war kurz nach Weihnachten 2017, als das 15-jährige Mädchen in einem Drogeriemarkt von ihrem Ex-Freund angegriffen wurde. Die Beziehungstat wurde schnell instrumentalisiert und als Symbol für eine verfehlte Flüchtlingspolitik genommen. Auch in Kandel protestierten rechtspopulistische Gruppen, gab es Ausschreitungen. Bis heute gibt es Kundgebungen, die in der Größe und Gewalttätigkeit nicht mit Chemnitz zu vergleichen sind. Aber stattfinden.

Abdul D. ist für seine Tat zur Verantwortung gezogen worden: Es gab Ermittlungen, ein rechtsstaatliches Verfahren und ein Urteil. So wie es bei jedem Täter geschehen soll, egal wo er herkommt. So wie Justiz in einer Demokratie zu funktionieren hat. Abdul D. wurde nicht, wie das rechte Hetzer wohl am liebsten hätten, in einem Akt von Selbstjustiz direkt an den Pranger gestellt. Ähnlich wie in Chemnitz wurden in den Wochen nach der Tat von Kandel Menschen, die aus Sicht der Wutbürger und Rassisten vermeintlich "nicht deutsch" aussehen, verfolgt, beschimpft, angegriffen. Sie wollten nicht nur die Bestrafung des Täters in die eigene Hand nehmen, sondern Menschen für die Tat büßen lassen, die mit ihr nichts zu tun haben. Es geht aber in einer Demokratie um Recht, nicht um Rache. Der Staat muss die Kontrolle über Strafverfolgung behalten. Jegliche Form der Selbstjustiz demontiert den Rechtsstaat. Sie dient weder den Opfern noch den Angehörigen noch der Demokratie.

Die Debatte um eine Beziehungstat von Kandel und die Ausschreitungen nach dem Tod eines Deutschen in Chemnitz – die Hintergründe der Tat sind nach wie vor unklar – zeigen, dass gerade jegliches Maß verloren geht. Nicht nur dort, wo es sowieso kein Maß gibt, bei Rechtsextremen und Neonazis. Niemand, der die AfD wählt, sollte sich länger etwas vormachen darüber, wofür diese Partei steht. Niemand, der in Chemnitz an der Straßenecke steht und das rechtfertigt mit: "Ich mach doch gar nichts", sollte sich selbst belügen, was dieses Zuschauen bedeutet.

Es ist ermutigend, wenn an diesem Montagabend in Chemnitz Zehntausende beim Wir-sind-mehr-Konzert gegen rechts erwartet werden, in Berlin und anderen Städten Spontandemos gegen Rassismus öffentliche Plätze füllen und sich Userinnen und User in den sozialen Netzwerken solidarisch zeigen und ihre Profilbilder mit dem Slogan "Wir sind mehr" schmücken. Das ist für kurze Zeit ein sehr öffentlicher Ausdruck dessen, was in Kandel, in Chemnitz und allen Städten in Deutschland im Kleinen jeden Tag passiert: Flüchtlingshilfe, Integration, einfach einen gemeinsamen Alltag miteinander leben.

Doch die Banner in den Profilbildern werden verschwinden, Die Toten Hosen aus Chemnitz wieder abreisen. Die Bereitschaft zum Hass und zur Hetze werden bleiben, so schnell wird sich, wie jetzt wieder allerorten appelliert wird, die Gesellschaft nicht einen lassen. Umso wichtiger ist es, sich nicht nur im Großen gegen die offensichtlichen Unfassbarkeiten in Chemnitz zu stellen. Sondern im Alltäglichen, im Umgang mit Nachbarn, Kollegen und, ja, gerade auch in der Debatte mit denen, die in Chemnitz, Kandel und anderswo stehen und einfach zuschauen. Und dazu gehört auch, darauf zu vertrauen, dass Fälle wie die Tat von Kandel im Sinne einer Demokratie aufgeklärt und aufgearbeitet werden. Und das muss auch für Chemnitz gelten.