Namaste, mein Vergewaltiger – Seite 1
Als die Berlinerin Aileene Zechinelli mit ihrem Mann nach Thailand aufbrach, hoffte sie, in einem traumhaft gelegenen Yoga-Retreat auf der Insel Kho Pha Ngan ihre Spiritualität zu vertiefen. Doch nach zwei Wochen an der Agama-Schule war dem Paar klar, dass in diesem Paradies etwas faul war. "Es war krass, was dort an Sexismus vermittelt wurde", sagt die 26-Jährige über die Kurse, die sie im Mai dieses Jahres besuchten. "Es hat mich angewidert." Ihr schlechtes Gefühl wurde nun bestätigt: Nach einer Razzia ist die Schule seit dieser Woche geschlossen, etliche ehemalige Yoga-Schülerinnen werfen dem Leiter sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung vor.
Koh Pha Ngan ist eine kleine Aussteigerinsel, berühmt für seine Full-Moon-Partys und Tantra-Workshops. Die Cafés servieren Magic-Mushroom-Shakes; die Detox-Sanatorien bieten Darmwäschen mit Einläufen aus Biokaffee an. Agama ist eines der weltweit größten Yoga-Trainingszentren und seit 15 Jahren ein Geschäftsmagnet auf der Insel. Im Juli wurde bekannt: Der Yoga-Guru Swami Vivekananda Saraswati und andere Lehrer sollen Yoga-Schülerinnen sexuell belästigt und genötigt haben. 31 Frauen hatten das anonym auf medium berichtet und 14 anschließend im britischen Guardian. ZEIT ONLINE konnte nun mit zwei weiteren Frauen sprechen, die von sich sagen, Vergewaltigungsopfer des Swami geworden zu sein. Sie haben beide Anzeigen erstattet.
Eine der beiden Frauen meldete sich am 17. August in der thailändischen Botschaft in Melbourne. Sie hatte Agama 2010 bis 2015 jedes Jahr für mehrere Monate auf Koh Pha Ngan besucht. Ihr Leben drehte sich um die Yoga-Schule und Swami. "Ich bin zu ihm gegangen, um geheilt zu werden. Er überzeugte mich, dass Sex mit ihm helfen würde", heißt es in der Anzeige, die ZEIT ONLINE vorliegt. "Bei einem Mal im Jahr 2014 war ich mit ihm im Bett, als er mich roh umdrehte und mich anal vergewaltigte." Dass sie auch im Jahr darauf zu ihrem mutmaßlichen Vergewaltiger fuhr, zeigt, wie heikel der Fall Agama ist: Sich gegen ihren Guru zu wenden, von dem sie sich körperliche und geistige Extase versprochen hatten, fiel vielen Frauen offensichtlich selbst dann schwer, nachdem er sie verletzt hatte.
Mehrere Frauen und Männer, darunter ehemalige Managerinnen der selbst ernannten Yoga-Universität, berichten ZEIT ONLINE, dass einige Vorfälle seit Jahren bekannt gewesen, aber die Aufklärung von der Schule verschleppt worden sei. Swami, ein Rumäne mit dem bürgerlichen Namen Narcis Tarcau, leitete vor seiner Zeit in Thailand ein Yoga-Zentrum in Indien, wo er laut früherer Schüler wegen sexuellen Missbrauchs ausgewiesen wurde. Nun ist er auf der Flucht, hat Thailand zusammen mit anderen Agama-Lehrern verlassen. Wo er sich aufhält, ist nicht bekannt.
Auch Europäerinnen sind unter den mehr als 40 mutmaßlichen Agama-Opfern. Eine Therapeutin, die den Betroffenen in der Selbsthilfegruppe "Agama Survivors" hilft, glaubt, dass die Dunkelziffer weit höher liegt und noch mehr Frauen hinzukommen. Ihnen wird geholfen, Anzeige zu erstatten. Vergangene Woche ging ein zweites Opfer aus Australien zur Polizei, nachdem sie sich einen Anwalt in Bangkok genommen hatte. Am nächsten Tag machte das Militär zusammen mit der Polizei eine Razzia in der Yoga-Schule auf Koh Pha Ngan.
#MeToo erreicht die Yoga-Welt
Der Skandal in Thailand ist die Spitze eines Eisbergs. Nicht nur das Film- und Mediengeschäft hat Männer wie Harvey Weinsteis und Dieter Wedel, die ihre Machtposition mutmaßlich ausnutzen, um Übergriffe auf Frauen zu begehen, sondern auch die auf Heilung setzende Wellnessindustrie. "Anders als bei den #MeToo-Fällen aus der Entertainment-Welt ist der Grad an Rechtfertigung und Verspiritualisierung von Missbrauch dabei einzigartig", sagt der kanadische Sekten-Experte Matthew Remski aus Toronto. Auch deshalb trauten sich die Frauen lange nicht an die Öffentlichkeit.
"#MeToo ist mit Verspätung in der Yoga-Welt angekommen", sagt Donna Farhi, eine internationale Yoga-Lehrerin, die sich seit Langem für mehr Aufklärung und Sicherheit in ihrer Branche einsetzt. "Wir werden uns schämen, wenn wir auf diese Ära zurückblicken, genauso wie die Zunft der Therapeuten sich an die Vierziger- und Fünfzigerjahre erinnert." Dass es gerade im körperbetonten Yoga auch sexuelle Übergriffe gibt, ist nicht neu: Die 59-jährige Amerikanerin hatte in den Achtzigerjahren in den USA Belästigungsvorwürfe gegen einen führenden Iyengar-Yogalehrer öffentlich gemacht. Zurzeit überarbeitet sie den ethischen Verhaltenskodex der Yoga Alliance, dem größten professionellen Yoga-Verband mit über 80.000 Mitgliedern weltweit.
Donna Farhi berichtet, dass in der Yoga-Szene oft aus spirituellen Gründen dem Lehrer vergeben werde, statt ihn zur Rechenschaft zu ziehen. "Den meisten fehlt das Wissen darüber, dass hier ein unausgewogenes Machtverhältnis zugrunde liegt. Schülerinnen gelingt es in dieser komplexen Dynamik schwerer, Nein zu sagen."
"You are my woman"
Eine Neuseeländerin, die mehrere Jahre bei Agama war, sagt, dass sie "einiges an Abartigem" gesehen hätte, das sich unter einer "großartigen Yoga-Praxis" verbergen würde. Sie will anonym bleiben. "Swami ist sehr aggressiv und manipulativ. Es gab diesen unterschwelligen Druck, mit ihm und anderen Lehrern zu schlafen, je höher man in der Schule aufsteigt. Männern wird gesagt, dass Frauen genommen werden wollen." Einmal habe sie Swami in seinem Haus besucht, um mit ihm zu meditieren. "Nach der Meditation begann er, mich zu küssen und mir die Kleider auszuziehen, ohne mich zu fragen. Ich habe Nein gesagt und bin gegangen." Was sie besonders verstört habe, seien die Reaktionen anderer gewesen: "Es sei ein Wunder, dass ich ihn besucht hätte, ohne Sex zu haben. Ich fühlte mich ziemlich naiv. Wenn ungewollte sexuelle Annäherungen passierten und eine Frau das nicht wollte, dann wurde ihr gesagt, dass sie sich mehr ‚öffnen‘ und an ihrem Herz-Chakra arbeiten muss, oder dass sie diese Erlebnisse anzieht. Es sei ihr Karma, damit umgehen zu lernen."
Eine Europäerin, die bis vor Kurzem Managerin bei Agama war, hörte dort von den Vorwürfen der sexuellen Belästigung. "Ich habe darauf geachtet, dass ich nie allein mit Swami in einem Zimmer war", sagt sie. "Es wurde kein Safer Sex praktiziert und Chlamydien zirkulierten in der Schule." Sie schmiss ihren Job dieses Jahr und verließ Agama mit zwei weiteren Managern.
Nicht nur mangelndes Vertrauen ins thailändische Rechtssystem hat Agama-Frauen bisher davon abgehalten, Anzeige zu erstatten. Dazu kommt auch die Angst vor Tarcau, dem Swami. Laut der beiden mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer, mit denen ZEIT ONLINE sprach, hat er als Hypnotiseur und NLP-Therapeut offenbar Macht über viele von ihnen. Auch nutzte er laut der Berichte die emotionale Nähe zu den Frauen aus. "Während meines Orgasmus hat er mir und anderen oft den Satz ‚You are my woman‘ eingepflanzt", sagt die Australierin, die lange Zeit für ihn in seinem Haus kochte und putzte. "Das saß tief." Die Frau, die zur Botschaft in Melbourne ging, um die anale Vergewaltigung anzuzeigen, glaubte lange, sie und andere würden von Swami in der "astralen Sphäre" – also übernatürlich – angegriffen werden. "Es ist wie eine Form von schwarzer Magie. Ich hatte lange Zeit Angst vor ihm, auch, als ich weg war."
"Erleuchtungshalle" und "Heilungszentrum"
Bereits am Tag vor der Razzia ist der Agama-Campus auf Koh Pha Ngan verwaist. Er liegt an einem kleinen Fluss, gleich hinter dem buddhistischen Tempel, von tropischem Grün umgehen – ein Ort der Ruhe, mit indischen Götterstatuen zwischen den Pflanzen und Pfaden. Es gibt eine "Erleuchtungshalle" und ein "Heilungszentrum". Der Hinweis in den Toiletten zur Entsorgung des Klopapiers beginnt mit "Du bist ein bewusstes Wesen". Jeden Samstagabend werden in besinnlicher Runde Hindulieder zu Kerzenschein und Gitarre gesungen. Das wöchentliche Filmangebot, offen für alle, hat Mutter Theresa im Programm.
Swamis eigener Guru war Gregorian Bivolaru, der in Rumänien die Esoterik-Sexsekte MISA betrieb, die auch in Europa als Natha-Yoga Ableger hat. Bivolaru war wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Diese Umgebung verließ Swami zusammen mit Maha, seiner langjährigen Partnerin aus Rumänien, die eigentlich Mihaiela Pentiuc heißt.
Auf der von den Betroffenen betriebenen Webseite agamajustice.com ist eine Tonaufzeichnung des Swami abrufbar, in der er sich als Sextherapeut und "Doktor der dritten Art" bezeichnet, der sich Frauen gegen ihren Willen nimmt. Das habe er allerdings vor langer Zeit aufgegeben – "nur deshalb, weil die moderne Gesellschaft so demokratisch und politisch korrekt ist", sagt er im Audio.
"Ein ekelhafter Mensch"
Aileene Zechinelli und ihr Mann Denis Samelow aus Berlin machten bei Agama im Mai nach einem Tantra-Partnerseminar noch jeweils getrennt einen Kurs in Maskulinität und Weiblichkeit. Am ersten Abend habe er die besagte Rede von Swami gehört, sagt der 40-Jährige, sie wurde an dem Abend offenbar heimlich aufgezeichnet.
"Ein ekelhafter Mensch", sagt Samelow über Swami. "Seine Botschaft war, dass Frauen niederer Natur sind und Männer Weicheier, wenn sie sie nicht beherrschen oder sich nehmen. Niemand durfte das kritisch hinterfragen." Die Agama-Mitarbeiter hätten Swami in den Himmel gelobt. Zechinelli sollte im Weiblichkeitstraining vor ihm tanzen, "als wäre das etwas Göttliches". Sie verzichtete.
"Unser Lehrer hielt sich für eine Art Sexgott"
Den Männern sei am dritten Tag des Kurses nicht nur gezeigt worden, wie sie ihren Penis durch Übungen vermeintlich vergrößern könnten, sondern auch, mit welchen Tricks sie Frauen aufreißen sollen – mit anschließendem Barbesuch zum Üben. Da verließ auch Samelow den Workshop, sagt er. "Unser Lehrer hielt sich für eine Art Sexgott, der durch One-Night-Stands Frauen heilt. Das hatte mit Spiritualität nichts zu tun."
Wie leicht es Gurus im Yoga und den angrenzenden Disziplinen wie Tantra haben, die körperliche Nähe und mentale Macht zu ihren Schülerinnen auszunutzen, zeigt eine ganze Reihe von Fällen. Die Liste ist lang und reicht weit zurück. Da war der Inder Bikram Choudhury, Pionier des schweißtreibenden Bikram-Yoga. Er wurde 2013 mehrfach der Vergewaltigung bezichtigt, ein Gericht verurteilte ihn 2016 zu einer Schadenersatzzahlung an ein Opfer. Seine Schulen existieren weiter. Choudhury hat die Vorwürfe als "Lügen, Lügen, Lügen" bezeichnet und ist geflohen.
Der letzte Eklat, der die Yoga-Welt heimsuchte, war der posthume Sturz von K. Pattabhi Jois, der den populären Ashtanga-Yoga-Stil erschuf. Jois starb 2009 in Indien, lange bevor eine seiner ehemaligen Spitzenschülerinnen im August dieses Jahres beschrieb, wie sie jahrelang körperlichen und sexuellen Übergriffen ihres Meisters ausgesetzt war. Um ihre Yoga-Posen zu korrigieren, sei Jois auf sie gestiegen und habe Beischlafbewegungen gemacht ("dry humping"). Acht weitere Frauen vertrauten ihre verstörenden Erfahrungen mit dem Ashtanga-Guru dem kanadischen Sekten-Experten Matthew Remski an. Jois habe nicht nur seine Hand auf ihrem Schritt platziert und sie dort gerieben, sondern sei bei einer auch mit dem Finger in die Vagina gefahren.
Sex gegen Blockaden
Im Januar 2018 verurteilte ein tschechisches Gericht Jaroslav Dobeš, "Guru Jara" genannt, und seine Helferin zu über sieben Jahren Gefängnis wegen Vergewaltigung von sechs Frauen. In seiner Esoterikschule hatte Dobeš versprochen, sie durch Geschlechtsverkehr von "Blockaden" zu befreien – in einem Zustand, in dem die Frauen nach tantrischen Atemübungen keine volle Kontrolle mehr über ihren Körper hatten.
Im Juni trat das Oberhaupt von Shambhala International zurück, einer der größten westlichen buddhistischen Organisation mit Meditationsstätten in über 30 Ländern. Mipham Rinpoche soll Anhängerinnen über Jahre sexuell missbraucht und ausgebeutet haben, lautet der Vorwurf. Er äußerte sich nicht zu den möglichen Taten, erklärte laut Medienberichten aber, er unterstütze deren Aufklärung. Seine Organisation erklärte, es habe in der Vergangenheit Fälle sexueller Nötigung zwischen Lehrern und Schülern gegeben, ohne Mipham zu nennen.
Agama hat sektenhafte Züge
Die Agama-Schule auf Koh Pha Ngan war eine Insel auf der Insel, mit sektenhaften Zügen. Neben dem rigiden einmonatigen Hatha-Yoga-Training mit Reinigungsriten, das über 24 Stufen geht, bot die Schule Tantra-Kurse, Community-Veranstaltungen und separate Workshops an. Die meisten Agamis tragen nur weiße Kleidung. Viele arbeiten als Freiwillige. Ihr Guru hielt ihnen Vorträge per Video, wenn er nicht abkömmlich war. Es gelang ihm, seinen engsten Zirkel von einem dritten Weltkrieg zu überzeugen, seine Getreuen spendeten ihm sogar Tausende an Dollar für einen Ashram, der auf einem Berg in Neuseeland gebaut werden sollte.
Zu den bizarren Reinigungsritualen habe auch gehört, eine Woche lang allein in einer verdunkelten Hütte zu verbringen und nur Milch zu trinken, sagt die ehemalige Agama-Lehrerin Nancy Miller aus Kanada, die an einem Enthüllungsbuch über die Schule schreibt. "Ich habe Leute gesehen, die danach in der Psychiatrie gelandet sind." Vor zwei Jahren sprühte jemand "We wash your brains" an die Wand des Agama-Restaurants.
Ein harter Schlag für das Geschäft auf der Insel
Alle Betroffenen von Agama schildern übereinstimmend, dass die Übergriffe nicht im Yoga-Unterricht geschahen, sondern in der Grauzone von privaten Tantra-Sessions und intimen Begegnungen mit Lehrern – oft empfohlen von Maha, der Homöopathin und Mutterfigur der Community, und anderen Lehrerinnen.
Die Kölner Tantra-Masseurin Ricarda Krumbiegel war 2014 auf Koh Pha Ngan und hat Agama als "total bereichernd" erlebt. Sie habe dort selbst intime Massagen für Frauen angeboten und sei von ihren beiden sexuellen Begegnungen mit Swami begeistert gewesen. "Ich hatte ihn darum gebeten, weil ich mit einem tantrischen Meister üben wollte", sagt die 44-Jährige. "Es ist alles sehr korrekt abgelaufen, auf hohem Energieniveau." Sie habe keine Übergriffe mitbekommen und sei der Schule dankbar "für alles, was sie in die Welt gesetzt hat". Daher habe sie tiefstes Mitgefühl für alle, "die jetzt dabei sind, ihre Seele zu reinigen. Wenn Menschen experimentieren, besteht die Gefahr, dass manche aus der Bahn geraten."
Der #MeToo-Fall Agama verändert auf Koh Pha Ngan bereits die Yoga-Welt. Manche Kurse vor Ort werben jetzt damit, dass sie ein "safe space", also ein sicherer Ort seien. Eine britische Yoga-Lehrerin, die auf Koh Pha Ngan lebt, bietet jetzt wöchentliche Frauenkreise an, um ihren verstörten "Schwestern" auf der Insel zu helfen. Sie ist der Gruppe Boycott Agama beigetreten, die T-Shirts mit Fotos von Swami und dem Slogan "Don’t support rape" drucken lassen wollte, um Neuankömmlinge bereits an der Fähre zu warnen. Doch das sei als zu anstößig verworfen worden – nicht wegen des Vergewaltigungsvorwurfs, sondern weil niemand den Guru auf dem Körper tragen wollte.
Viele Häuser stehen nun leer
Die thailändischen Behörden greifen seit dem Beginn des Skandals Ende Juli strenger durch. Nacktbaden am Zen Beach – bisher der inoffizielle FKK-Strand – ist ab sofort wieder untersagt. Viele Häuser stehen plötzlich leer. Wer keine Arbeitserlaubnis für seine Heilerangebote hat, macht sich strafbar. Bisher wurde das von oben locker gesehen. Jetzt nicht mehr.
Der Exodus der Farangs, wie die Fremden heißen, ist hart fürs Geschäft, sagt McGill, die einzige thailändische Yoga-Lehrerin auf der Insel. "Die Menschen hier sind hin- und hergerissen zwischen Geld und Moral." Die veganen Restaurants und die Massagestudios, die Jade-Eier zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur verkaufen, sind auf die Tausenden von ausländischen Yoga-Touristen angewiesen, die jede Saison kommen – manche für Monate oder sogar Jahre. Davon fehlten jetzt Hunderte, sagt McGill.
Mittlerweile sind alle Videos von Swami vom YouTube-Kanal der Schule und der Agama-Webseite verschwunden. Dort vermerkt die Institution, dass sie durch eine "temporäre Restrukturierung" gehe. Maha (Mihaiela Pentiuc), die jetzt die Geschäfte führt, hat einen offenen Brief veröffentlicht: "Wir verändern uns. Veränderung braucht Zeit. (…) Wir haben unser tiefes Bedauern ausgedrückt." Sie wollte nicht für diesen Artikel interviewt werden, solange eine von ihr in Auftrag gegebene "unabhängige interne Untersuchung" und der offizielle Polizeibericht noch nicht abgeschlossen seien.
Im August wurde Agamas Mitgliedschaft bei der Yoga Alliance bis auf Weiteres suspendiert, schreibt sie, bis Dezember bleibe die Schule geschlossen. Agama kündigte am Mittwoch in einem neuen Statement Aufklärung, Besserung und Umstrukturierung an.
"Mich turnt dieser ganze Eso-Kram nur noch ab"
Auf Instagram hat die US-Bestseller-Autorin Rachel Brathen, bekannt als "Yoga Girl" mit zwei Millionen Followern, währenddessen ihre eigene #MeToo-Kampagne gestartet, und Frauen dazu aufgerufen, ihr vertraulich Erfahrungen mit übergriffigen Yoga-Lehrern zu schicken. Über 300 Meldungen haben sie erreicht, sagt sie: "Mir sind seit Jahren Frauenfeindlichkeit, Missbrauch und Belästigung in der Yoga-Szene bekannt."
Donna Farhi nutzt ihre eigene Macht, um Studios und Veranstalter zu boykottieren, die Lehrern mit angreifbarem Verhalten ein Podium geben. "Solange ihr Einkommen nicht leidet, werden sie ihr Verhalten nicht ändern."
"Es ist verrückt, was ich nach zehn Jahren in meinem Beruf sehe", sagt der Deutsche Matthias Schwenteck. "Mich turnt dieser ganze Eso-Kram nur noch ab." Er und seine Partnerin Robyn Dalzen sind Mitbegründer der School of Consent. Sie bringen nicht nur Yoga-Lehrern, sondern an Tantra und Sexualität Interessierten Grenzen und Selbstwahrnehmung für Beziehungen und Anfassen jeder Art bei. "Falls sich mein Workshop auch nur für eine Person unangenehm anfühlt, dann stimmt etwas mit der gesamten Dynamik nicht. Viele, die Körperarbeit anbieten, haben das nicht verinnerlicht – vor allem, wenn das Angebot an ‚Frischfleisch‘ groß ist."
Die Frauen müssten sich aus dem "Opferbewusstsein" befreien
Als er noch aufstrebender Tantra-Lehrer war, habe der 49-Jährige aus Berlin etliche grenzwertige Situationen erlebt, sagt er. "Wir brauchen dringend eine selbstregulierende professionelle Organisation." Schwenteck gehörte zu TNT (The New Tantra), einer niederländischen Sexschule mit radikalem Ansatz, bis er angewidert ausstieg und zu einem ihrer stärksten Kritiker wurde. "Ich war Zeuge, wie dort alte Traumata verstärkt wurden, wie Gehirnwäsche betrieben und Leute zum Schweigen gebracht wurden, die aufmuckten – das Individuum wurde für die Gruppe geopfert. Viele Menschen realisieren ihren Missbrauch nicht, wenn der Großteil der Gruppe eine wunderbar bereichernde Erfahrung gemacht hat."
Um seine Frage "Warum habe ich das zugelassen?" besser zu verarbeiten, startete er die Facebook-Gruppe "Tantra Not Trauma", die mit über 5.000 Mitgliedern zur inoffiziellen #MeToo-Plattform der deutschen und internationalen Heilerszene geworden ist. "Einiges, was ich mitkriege, sollte an die Polizei weitergeben werden", sagt Schwenteck. Was dem oft im Wege stünde, sei die "spirituelle Umgehungsstraße": der missbrauchten Person zu sagen, es sei alles "ihre eigene Story" und sie müsse sich "aus dem Opferbewusstsein befreien". So, wie es offensichtlich auch vielen Frauen bei Agama ging.
In der Nacht zum Samstag brannte eine der Yoga-Hallen der Schule aus. Das Dach ist verschwunden, die einst weißen Wände sind rußschwarz. Die Brandursache ist noch unklar.
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