Der Grat, auf dem die AfD wandert, ist etwa 50 Meter breit und ein paar Polizeiwagen stehen auf ihm. Es ist Samstagabend in Chemnitz, Tag sieben im Ausnahmezustand. Vor dem Karl-Marx-Monument warten die Teilnehmer des sogenannten Schweigemarsches der AfD, die nicht weiterkommen, weil Polizeiwagen ihnen den Weg versperren. Zumindest vorne im Zug, wo auch die Parteiprominenz mitläuft, bleiben die meisten Teilnehmer ruhig, nehmen hin, dass sie nun nicht marschieren können, sondern nur noch rumstehen.

Zumindest hier funktioniert die Strategie der AfD: die Trauer um den am Wochenende getöteten Chemnitzer für sich zu nutzen und nebenbei gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung zu protestieren – aber ohne dabei selbst Bilder der Gewalt zu erzeugen, die gegen sie verwendet werden könnten. Aber kurze Zeit später sieht es schon anders aus.

Weil der Schweigemarsch nicht weitergehen darf, beginnen Teilnehmer aus dem hinteren Teil des Zuges nach vorn zu strömen. Sie überholen den Zug, gehen in Richtung Kreuzung, wo noch mehr Polizei wartet. Die gewaltbereiten Demonstranten – darunter wohl auch Hooligans und Rechtsextreme –, die sich vor den Beamten sammeln, werden mehr, viele tragen ihr Dosenbier in der Hand, die Rufe werden lauter und lallender. Es ist gegen 19 Uhr, als die Situation kurzzeitig zu eskalieren droht. Mehr Polizisten, Einsatzwagen, Wasserwerfer. Mehr Pöbeln, gereckte Fäuste. Sprechchöre: "Widerstand!", "Lügenpresse!", "Merkel muss weg!". Journalisten werden geschubst, auch geschlagen, ein Mann legt sich vor den Wasserwerfer auf den Boden, einige der Männer brüllen: "Frei, sozial, national!"

Es geht um mehr als einen Toten

Nur 50 Meter liegen zwischen diesen Rufen und dem Teil des Schweigemarsches der AfD, der ruhig bleibt. So groß ist an diesem Abend der Abstand der Partei zu den rechtsextremen Parolen und zur Gewaltbereitschaft. Die Pöbler und Rufer und Schläger, sie waren selbst mitgelaufen beim Schweigemarsch, bevor sie ausscherten. Jene, von denen die AfD sich distanzieren will, waren zuvor Teil ihrer Veranstaltung. Das ist eine der Erkenntnisse an diesem Samstagabend in Chemnitz, an dem die Stadt wieder nicht zur Ruhe kommt.

Verschiedene Bündnisse haben zu Protest aufgerufen – und dabei jeweils in ganz Deutschland mobilisiert. Tausende sind dem Aufruf gefolgt, die Polizei ist mit einem Großaufgebot im Einsatz und spricht von insgesamt 9.500 Demonstranten. Die sind gekommen, weil es hier in Chemnitz in diesen Tagen um mehr geht als um einen Toten oder um die politische Stimmung in der Stadt. Es geht auch um die Frage: Wer ist mehr in diesem Land, die Rechten oder ihre Gegner?

Für die AfD war es der bisher wichtigste Tag in Chemnitz. Es ist ihre erste AfD-Veranstaltung, seit die Lage Ende vergangener Woche so eskaliert ist. Bis jetzt hat die Partei dazu eine dreiteilige Strategie gefahren. Erstens, kleinreden: Gewalt und Hitlergrüße seien von eingeschleusten Gegendemonstranten und Journalisten ausgegangen. Zweitens, abgrenzen: Die AfD verurteile Hitlergrüße, Extremismus und Gewalt. Drittens, nicht zu viel abgrenzen: Natürlich seien bei der Demonstration vor allem besorgte Bürger gewesen, deren Sorgen man ernst nehmen müsse.

Bei dieser Strategie bleibt die AfD auch an diesem Samstag. Eingeladen zum Trauermarsch haben einmal die AfD-Landesverbände von Thüringen, Sachsen und Brandenburg mit ihren jeweiligen Vorsitzenden Björn Höcke, Andreas Kalbitz und Jörg Urban. Als Mitveranstalter ist das fremdenfeindliche Pegida-Bündnis dabei. Von denen wollte sich die AfD einst auch abgrenzen, aber deren Schulterschluss mit dem sächsischen Landesverband ist mittlerweile so offensichtlich vollzogen, dass dies nicht einmal mehr für große Verwunderung oder Kritik sorgte. Lutz Bachmann marschiert in Chemnitz in der zweiten Reihe mit.

Keine bewusste Abgrenzung

In ihrem Demonstrationsaufruf distanzierten sich die Veranstalter explizit von Gewalt und forderten die Teilnehmer sogar auf, auf jegliche Flaggen und Parteisymbole zu verzichten. Gleichzeitig verzichteten sie aber auch darauf, sich von einigen Gruppierungen bewusst abzugrenzen – wie von dem Bündnis Pro Chemnitz, Veranstalter der gewalttätigen Demonstrationen Anfang der Woche.

Pro Chemnitz spielt auch am Samstag wieder eine Rolle. Das Bündnis versammelt sich zwar am Nachmittag zu einer eigenen Kundgebung, aber löst diese frühzeitig auf – und ruft die Teilnehmer auf, am Schweigemarsch teilzunehmen, was diese anscheinend auch alle weitgehend tun.

Und die AfD? Heißt sie willkommen, auch explizit, zumindest die friedlichen. So muss sich niemand ausgeschlossen fühlen, egal, wie radikal er ist. Am Ende haben laut der AfD 8.000 Menschen an dem Marsch teilgenommen, laut der Stadt Chemnitz 4.500.