Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

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Die Geschichte der Familie Kummer soll dieses Mal mit Beate Düber beginnen, denn bisher ist sie noch in keiner Geschichte über die Kummers vorgekommen. Sie wurde einfach immer vergessen. Gerade steht sie in der Küche und backt einen Kuchen, weil die Nachbarskinder ausgerechnet an dem Nachmittag, an dem die AfD mit Björn Höcke und anderen einen Gedenkmarsch durch die Chemnitzer Innenstadt plant, Hochzeit feiern wollen. Natürlich ist das Ganze seit Wochen geplant gewesen, nun aber ist in Chemnitz seit einigen Tagen nichts mehr wie zuvor. Wie aus Trotz sind im Garten dennoch schon die Festzelte aufgebaut worden, bunte Lichterketten hängen in den Bäumen, und der Grill für das Spanferkel steht auch vor der Garage. Von dem Ausnahmezustand, der die sächsische Stadt schon seit einer Woche beherrscht und von dem auch die New York Times auf Seite eins berichtet hat, ist hier auf den ersten Blick also nicht viel zu spüren. Natürlich überrascht einen das, aber natürlich ist dieser erste Eindruck, wie immer, trügerisch.

Bis später auf der Gegendemo

Auch in einer Stadt wie Chemnitz muss schließlich geheiratet werden. Und während Beate Düber den Kuchenteig in die Form drückt und die Erdbeeren püriert, erklärt sie mir, also dem Gast aus Berlin, der ich im Moment mit Hunderten anderen Journalisten nach Sachsen, nach Chemnitz gekommen bin, fast ist einem das ja schon peinlich, leicht und behände, eindringlich und komplex die sächsischen Demokratiedefizite der vergangenen 30 Jahre. In einer Schnelligkeit allerdings, dass ich mir keinen einzigen Satz merken, geschweige denn notieren kann. Ich bin gerade erst angekommen. Jan Kummer, ihr Mann, kocht unterdessen erst mal Kaffee. Danach verabschiedet sich die 51-Jährige schon wieder, sie muss noch einmal schnell in die Chemnitzer Kunstsammlungen, wo auch an diesem Tag, ganz normal wie immer, Führungen stattfinden. Das nämlich macht die ehemalige Schauspielerin, Mutter dreier Kinder, und ja, zweifache Großmutter ist sie auch schon, eigentlich: Sie vermittelt Erwachsenen und Jugendlichen Kunst. Aber später würde man sich auf der AfD-Gegendemo wiedersehen, da könne man gewiss weiterreden.

Auf Demos gehen, das machen die Kummers seit 30 Jahren. Völlig egal, ob sich die Weltöffentlichkeit gerade dafür interessiert oder nicht; völlig egal auch, ob der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer sich über sie lustig macht oder nicht. "Seit der Wende bin ich ein Demoläufer", sagt Jan Kummer, vierfacher Vater, zweifacher Großvater, Künstler und so etwas wie eine Chemnitzer Institution. Wir sitzen an einem ziemlich langen Küchentisch und trinken Kaffee, um uns herum noch acht weitere Stühle. Als vor drei Jahren auch in Chemnitz die ersten Pegida-Demonstrationen stattfanden, sei er eigentlich jeden Montag dagegen protestieren gegangen. Natürlich mit Kind und Kegel. Auch im Winter, wenn es kalt war und kaum jemand kam. "Wenn wir nicht gegangen wären, hätte ich Angst gehabt, dass wir fehlen", sagt der 1965 Geborene nachdenklich und fügt ironisch hinzu: "Ich bin ein alter Sheriff, ich verlasse doch in meiner Stadt die Straße nicht."

Eine Zirkusfamilie

An diesem Küchentisch kommt der Kummer-Clan oft zusammen, hier sitzt und diskutiert die berühmteste Familie der Stadt, das kann man so sagen, über alles. Denn geredet wird bei den Kummers, das berichten alle, ziemlich viel. Das Sofa, das auch in der Wohnküche herumsteht, sieht dagegen ziemlich unbenutzt aus. Kind und Kegel von Beate Düber und Jan Kummer also sind: die beiden älteren Jungs Felix und Till, Frontmann und Bassist von Kraftklub, und die beiden jüngeren Schwestern Nina und Lotta, Sängerinnen der Band Blond. Die Kraftklub-Schwestern, schreiben Journalisten gern. Dazu kommen noch Großeltern, Enkelkinder, und auch Ina Kummer, Jan Kummers erste Ehefrau und Mutter von Felix, gehört dazu. Die Kummers sind, wie so viele andere auch, eine Patchworkfamilie. Eigentlich eine Zirkusfamilie, meint Jan Kummer. Mit seiner ersten Ehefrau und Felix' Mutter, Ina Kummer, gehörte er zu DDR-Zeiten der Untergrundband AG Geige an, und um zumindest in Chemnitz nicht ständig auf den Namen Kummer angesprochen zu werden, haben sich die Jungs den Namen Brummer zugelegt. Felix und Till Brummer, so kennt man sie, mit diesem Namen sind die beiden die im Moment wohl berühmtesten Mitglieder des Kummer-Clans.

Als im Winter 2012 die erste Platte Mit K von Kraftklub erschien, stürmte sie binnen weniger Tage völlig überraschend auf Platz eins der Charts. K wie Klub, K wie Karl-Marx-Stadt und K wie Kummer, logisch. Auch damals hatte gerade, ähnlich wie heute, ein gigantisches Beben den Osten erschüttert. Nur 40 Kilometer von Chemnitz entfernt wurde wenige Wochen zuvor in Zwickau der NSU enttarnt. Umso wichtiger war die Musik von Kraftklub damals, selten zuvor wurde so kraftvoll über den Nachwende-Osten gesungen, also mal eine gute Nachricht aus der sonst oft vergessenen Provinz. Die Feuilletonisten schrieben: Das ist der Sound einer neuen Generation, und sogar die Tagesthemen berichteten. Kraftklub, das ist ziemlich mitreißender Pop über einen tristen Alltag, irgendwie Aufbruch und Depression zugleich. "Ich komm' aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby, original Ostler", lautete einer der Refrains. Und das Überraschendste: Zu dieser Musik tanzten und tanzen die jungen Leute im ganzen Land. Ob die im Westen auch die Texte verstehen, interessiere sie nicht, sagt Till. Seither sind noch zwei weitere Platten erschienen. In Schwarz und Keine Nacht für Niemand.

Das ist die Zivilgesellschaft

Die Jungs von Kraftklub, die ganze Familie Kummer, deshalb ist man heute hier, deshalb besucht man sie, bilden letztlich genau jene Zivilgesellschaft, von der im Moment alle reden. Der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin, viele Politiker und noch mehr Journalisten. "Mal vom Sofa hochkommen und den Mund aufmachen", wie Heiko Maas sich ausgedrückt hat. Jene sogenannte Mitte der Gesellschaft, die gegen den Rechtsruck aufstehen, ihn zurückdrängen und bekämpfen soll, die Menschen also, von denen wir wissen, dass sie im Osten Deutschlands so sehr gebraucht werden wie wohl nie zuvor. Nun, wo die AfD mit so vielen Stimmen in die Parlamente einzieht, das Klima noch einmal rauer, die Gesellschaft noch einmal mehr auseinandergerissen wird. In jeder ostdeutschen Stadt gibt es solche Familien wie die Kummers, wenngleich die anderen nicht so berühmt sind wie sie.

Sie sind es nämlich, die auch an kalten und regnerischen Tagen gegen Pegida und die AfD auf die Straße gehen, schon seit Jahren vom Sofa hochkommen und den Mund aufmachen. Sie sind auch noch da und stehen ihren Mann und ihre Frau, wenn all die Fernsehkameras wieder abgebaut, die Journalisten wieder nach Hause gefahren sind und die Leitartikler der großen Zeitungen längst wieder über andere Krisen schreiben. Schüsse in die Luft heißt die Kraftklub-Hymne dazu: "Der Einzige hier draußen bin leider wieder ich." Ob Heiko Maas das Lied kennt? Till Brummer hat sich zum Beispiel, erzählt er mir, gerade darum gekümmert, dass der Ort, an dem Daniel Hillig vor knapp einer Woche niedergestochen wurde, ordentlich abgesichert sein wird, wenn Kraftklub am heutigen Abend hier mit Bands wie den Toten Hosen und Feine Sahne Fischfilet ein Konzert geben werden. Er hat Angst davor, der Ort könne missbraucht werden.