Gut drei Wochen nach dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen in Chemnitz ist einer der beiden inhaftierten Tatverdächtigen frei. "Die heute erfolgte Haftbefehlsaufhebung war überfällig", teilte sein Anwalt mit. Sein Mandant hätte "ohne jeden Tatverdacht" in Untersuchungshaft gesessen, schrieb Anwalt Ulrich Dost-Roxin. Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Chemnitz bestätigte die Angaben. Von einem dringenden Tatverdacht des 22-Jährigen könne nicht mehr ausgegangen werden, sagte Sprecherin Ingrid Burghart nach einem Haftprüfungstermin.

Der ebenfalls vor drei Wochen festgenommene Syrer Alaa S. bleibe in Haft, sagte sie weiter. Die Staatsanwaltschaft gehe nach dem Stand der Ermittlungen davon aus, dass er und ein noch flüchtiger Iraker an der Tötung beteiligt gewesen seien. Nach dem Iraker Farhad A. werde weiter gefahndet.

Jussif A. war am 26. August festgenommen worden. Er befand sich unweit des Tatorts, an dem Daniel H. getötet worden war. A. soll aus dem Irak stammen. Das Bundesinnenministerium hatte allerdings Zweifel an der Identität des Mannes geäußert. Bei seiner Anhörung im Asylverfahren im Jahr 2017 habe er gefälschte Dokumente vorgelegt, hieß es.

Laut Dost-Roxin sei der Haftbefehl gegen seinen Mandanten rechtswidrig gewesen. Keines der Beweismittel belaste ihn. Im Gegenteil, eine Zeugenaussage entlaste A. sogar. 

Wenige Tage nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. war der Haftbefehl gegen Jussif A. von rechten Seiten verbreitet worden. Zwar waren einige Passagen geschwärzt, doch persönliche Angaben zu Tat, mutmaßlichem Täter und dem Opfer wurden bekannt.

Nach Angaben von A.'s Anwalt Dost-Roxin wurden für die Freilassung seines Mandanten Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Die Staatsanwaltschaft habe dies auf Anregung der Verteidigung erlassen. Um welche Maßnahmen es sich handelt, wollte der Anwalt nicht sagen. Er halte die Maßnahmen aber für "verhältnismäßig und gut".

Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) hatte zuvor in Dresden gesagt: "Personenschutz für mutmaßliche Straftäter ist aus meiner Sicht nicht vorgesehen." Landespolizeipräsident Jürgen Georgie hatte auf Anfrage gesagt, die Kolleginnen und Kollegen in Chemnitz seien auf mögliche Reaktionen vorbereitet. Es gebe aber bisher keine Anhaltspunkte für Zusammenrottungen. 

Anwalt macht Staatsanwalt schwere Vorwürfe

Gegen den Staatsanwalt erhob Dost-Roxin schwere Vorwürfe. Es dränge sich der Verdacht auf, dass dieser "willentlich meinen Mandanten rechtsbeugend der Freiheit berauben wollte", schreibt der Anwalt. Im Rechtsstaat dürften Unschuldige nicht verfolgt werden, so Dost-Roxin. Dieser Grundsatz dürfe auch in einer aufgeheizten gesellschaftlichen Atmosphäre wie zurzeit in Chemnitz nicht relativiert werden. Gerade jetzt müsse den Werten des Grundgesetzes eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Seine Kanzlei prüfe eine Strafanzeige gegen Beamte der Staatsanwaltschaft und des Gerichts wegen Rechtsbeugung und Freiheitsberaubung.

In der Begründung der Haftbeschwerde hatte der Anwalt zuvor unter anderem angeführt, dass die von der Staatsanwaltschaft angeführten Zeugenaussagen zu unpräzise seien, um daraus einen dringenden Tatverdacht abzuleiten. Auch der Fund zweier Messer in der Nähe des Tatorts, an denen laut Staatsanwaltschaft "blutähnliche Anhaftungen" gefunden worden seien, sei kein Beweis für die Mittäterschaft seines Mandanten. Auf den Messern seien keine Fingerabdrücke von Jussif A. gefunden worden, hieß es weiter.

Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft sagte unterdessen, mehrere Indizien hätten zunächst in der Gesamtschau den dringenden Tatverdacht gegen A. begründet. Beide Beschuldigte seien nach der Auseinandersetzung geflüchtet. Zwischen dem Tatort und dem Ort der Festnahme sei das Messer gefunden worden, sodass davon auszugehen gewesen sei, dass sie es auf Flucht weggeworfen hätten. Es gebe jedoch keine Zeugen, die gesehen hätten, dass der Iraker mit einem Messer zugestochen habe.

Laut Staatsanwaltschaft muss ein zweites Messer bei der Tat benutzt worden sein, dieses habe trotz intensiver Suche nicht gefunden werden können.