Es erfordert Mut, mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Aber Demokratie kann nur mit der Bereitschaft funktionieren, Konflikte anzunehmen und Kompromisse einzugehen. Und außerdem lässt es sich einfach leichter streiten, wenn man die Sichtweise des anderen versteht. 

Tausende Menschen haben sich in dieser Erwartung am Sonntagnachmittag in Deutschland getroffen. Das Projekt Deutschland spricht, das von ZEIT ONLINE initiiert zum zweiten Mal stattfand, hat Menschen mit möglichst kontroversen politischen Ansichten zusammengebracht und zu einem Austausch eingeladen. Insgesamt unterhielten sich mehr als 8.000 Interessierte über ihre Einstellung zu Donald Trump, Fahrverboten in Innenstädten, Grenzkontrollen, MeToo und anderen Themen. Elf Medien hatten zur Teilnahme aufgerufen – und auch das Bundespräsidialamt unterstützte Deutschland spricht.

"Empörung über die Empörung der anderen hilft nicht"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen. Auf der Deutschland-spricht-Veranstaltung in Berlin erklärte er, was ihm an diesem Projekt liegt: Die respektvolle Auseinandersetzung zweier Gesprächspartner, die sich "im sonstigen Leben vielleicht nie begegnen würden", sei nicht nur ein wertvoller Beitrag zu mehr Zusammenhalt. Sie sei auch der Versuch, die Mauern unserer Gesellschaft zu überwinden und "einen Dialog über Trennendes hinweg zu führen". Das Gesprächsformat bezeichnete Steinmeier als Experiment. Aber es sei ein Weg, "die Klischees und Komfortzonen, denen wir alle auf unterschiedliche Weise anhängen, hinter uns zu lassen".

In einer Rede vor 600 geladenen Gästen im Radialsystem in Berlin forderte Steinmeier einen Wandel der Debattenkultur in Deutschland. Denn es sei leider nicht zu leugnen, dass aus manchen Rissen in der Gesellschaft Gräben geworden seien. Umso wichtiger sei es, politischen Gegnern nicht die Existenzberechtigung abzusprechen.

Mitverantwortlich für die Verrohung der Debattenkultur machte der Bundespräsident auch die digitale Kommunikation: Die "schiere Überflutung" von im Netz artikulierten Beleidigungen und Beschimpfungen lasse die "Grenze zwischen dem Unsagbaren und Unsäglichen immer weiter verschwimmen". Er sei besorgt, sagte Steinmeier, "dass das moralische Immunsystem unserer Gesellschaft hoch überlastet erodieren muss".

Deshalb forderte der Bundespräsident mehr Bereitschaft zur Auseinandersetzung in der Diskussion: "Die Kommunikation mit Andersdenkenden ist anstrengend. Aber ihre Verweigerung ist das Ende der Kompromissfähigkeit." Falsch sei es, "aus Angst oder Überheblichkeit jede Berührung zu vermeiden" und diese Distanz auch noch als politisches Signal zu deuten. In der Auseinandersetzung lebe die Demokratie, sagte Steinmeier, und nur in der Debatte könne entschieden werden, "ob Lautstärke oder Vernunft die Währung des Diskurses ist".

"Es gibt Sphären, die nicht diskutierbar sind"

Nach Steinmeier lud Jochen Wegner, Chefredakteur von ZEIT ONLINE, vier weitere Rednerinnen und Redner auf die Bühne, die "selbst regelmäßig Anlass für Streit sind". Der Spiegel-Autor und Kolumnist Sascha Lobo eröffnete die Runde von fünfminütigen Kurzvorträgen und lobte den Gedanken von Deutschland spricht, über gesellschaftliche Kluften hinweg ins Gespräch zu kommen. Für Lobo gibt es aber eine Grenze: Nicht alle politischen Positionen dürften Teil der Diskussion einer liberalen Demokratie sein: Mit Nazis etwa könne man nicht reden. "Es gibt Sphären, die nicht diskutierbar sind", sagte Lobo. Diese Einschränkung, diese "rote Linie", halte er für unabdingbar in einer Demokratie im 21. Jahrhundert. Eine intensive Debatte sei absolut notwendig – aber nicht über alles.

»Deutschland spricht« - Sascha Lobo: Warum man nicht mit allen sprechen sollte Deutschland spricht - nur nicht mit Nazis. Autor und Kolumnist Sascha Lobo erklärt, an welchem Punkt die Diskussion für ihn endet. © Foto: Alexander Probst