Hambacher Forst - Protestcamp wird weiter geräumt Die Polizei hat die Räumung des Hambacher Forsts mit einem Großaufgebot fortgesetzt. Einige Bewohner des Protestcamps haben sich in den Baumkronen festgebunden. © Foto: Thilo Schmuelgen/Reuters

Grelle Schreie hallen durch den Wald. Es nieselt, graue Wolken liegen über dem Hambacher Forst, der seit Donnerstagmorgen Krisengebiet ist. Unten am Boden marschieren gepanzerte und behelmte Hundertschaften der Polizei zwischen den Bäumen umher. Auf der Zugangsstraße zu diesem Stück Natur, das gerade wohl umkämpfter ist als jedes andere in Deutschland, parken Dutzende Mannschaftswagen.

Die Polizei hat scheinbar alles aufgeboten, was irgendwie verfügbar war: unzählige bewaffnete Beamte mit Schilden, Sondereinsatzkommandos, Reiter- und Hundestaffeln, Wasserwerfer, Baumfällmaschinen, Räumfahrzeuge. Der Staat schickt an diesem Donnerstagvormittag eine unmissverständliche Botschaft: Hier sollen eindeutige Verhältnisse geschaffen werden.

Doch sehr weit kommt der Polizeitross zunächst nicht. Nicht einmal 50 Meter hinter dem Eingang zum Wald, auf einem Pfad, steht ein riesiger Tripod. Ein senkrechtes Gestell aus drei Baumstämmen, das breitbeinig am Boden steht und hoch oben mit einer Plattform ausgestattet ist, auf der mehrere Aktivistinnen und Aktivisten ausharren. "Bullen verpisst euch, keiner vermisst euch", rufen sie. Sie wollen den Hambacher Forst vor der Rodung durch den Energiekonzern RWE retten, der an die Braunkohle will, die unter dem Wald verborgen liegt. Tripods und Monopods gehören zu den beliebtesten Barrikaden der Baumbewohner. Sie lassen sich recht zügig aufbauen, aber es braucht lange, sie wieder zu entfernen.

Jagd durch die Wipfel

Gegen acht Uhr am Morgen war die Polizei angerückt, fünf Stunden später wird der erste Aktivist mit einem Kran vom Baum geholt. Als die Kletterexperten der Polizei den Mann in den Korb ziehen, ruft er: "Alerta alerta antifascista", soll heißen: "Achtung, Achtung! Antifaschisten!" Seine Mitstreiter, die in anderen Baumkronen sitzen, stimmen ein und applaudieren. Am Boden angekommen, werden seine Hände mit Kabelbindern fixiert. Er ist barfuß, in seinem Gesicht wuchert ein verfilzter Bart, seine dünnen Beine stecken in einer labbrigen Baumwollhose. Stundenlang hatte er die Beamten genarrt, war von der Plattform geschickt auf andere Bäume geklettert, von Ast zu Ast.

Die Jagd durch die Wipfel gleicht einem Schauspiel. Die Polizei hat für die Pressevertreter eigens ein kleines Areal mit rot-weißem Flatterband markiert, in das die Beamten die ankommenden Journalistinnen und Journalisten hineinführen. Auch die Interviewpartner haben sich hier versammelt: Sprecher von Bürgerinitiativen, Abgeordnete der Grünen und Linken, Greenpeace, Abgesandte von Kommunen. Irgendwann hat jeder jeden interviewt. 

Der Tag der Räumung war nah, das wusste jeder hier. In den letzten Tagen hatten sich die Gerüchte verdichtet, dass ein Großeinsatz bevorstehe. Im Oktober beginnt die Rodungssaison. Und der Energiekonzern RWE hatte klargemacht, dass er einen weiteren Aufschub der großflächigen Abholzung nicht dulden werde, obwohl die juristische Entscheidung zur Rechtmäßigkeit der Rodungen noch aussteht.

Sämtliche Gespräche mit Gegnern der Braunkohleverstromung waren gescheitert. RWE hatte nach eigenen Angaben angeboten, den Rodungsbeginn auf Mitte Dezember zu verlegen. Doch dies sei laut RWE von den Umweltverbänden abgelehnt worden. Der Essener Energieriese hat einflussreiche Befürworter in der Politik: Die schwarz-gelbe Landesregierung, allen voran Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, steht hinter dem Konzern.