Jagd durch die Wipfel

Grelle Schreie hallen durch den Wald. Es nieselt, graue Wolken liegen über dem Hambacher Forst, der seit Donnerstagmorgen Krisengebiet ist. Unten am Boden marschieren gepanzerte und behelmte Hundertschaften der Polizei zwischen den Bäumen umher. Auf der Zugangsstraße zu diesem Stück Natur, das gerade wohl umkämpfter ist als jedes andere in Deutschland, parken Dutzende Mannschaftswagen.

Die Polizei hat scheinbar alles aufgeboten, was irgendwie verfügbar war: unzählige bewaffnete Beamte mit Schilden, Sondereinsatzkommandos, Reiter- und Hundestaffeln, Wasserwerfer, Baumfällmaschinen, Räumfahrzeuge. Der Staat schickt an diesem Donnerstagvormittag eine unmissverständliche Botschaft: Hier sollen eindeutige Verhältnisse geschaffen werden.

Doch sehr weit kommt der Polizeitross zunächst nicht. Nicht einmal 50 Meter hinter dem Eingang zum Wald, auf einem Pfad, steht ein riesiger Tripod. Ein senkrechtes Gestell aus drei Baumstämmen, das breitbeinig am Boden steht und hoch oben mit einer Plattform ausgestattet ist, auf der mehrere Aktivistinnen und Aktivisten ausharren. "Bullen verpisst euch, keiner vermisst euch", rufen sie. Sie wollen den Hambacher Forst vor der Rodung durch den Energiekonzern RWE retten, der an die Braunkohle will, die unter dem Wald verborgen liegt. Tripods und Monopods gehören zu den beliebtesten Barrikaden der Baumbewohner. Sie lassen sich recht zügig aufbauen, aber es braucht lange, sie wieder zu entfernen.

Jagd durch die Wipfel

Gegen acht Uhr am Morgen war die Polizei angerückt, fünf Stunden später wird der erste Aktivist mit einem Kran vom Baum geholt. Als die Kletterexperten der Polizei den Mann in den Korb ziehen, ruft er: "Alerta alerta antifascista", soll heißen: "Achtung, Achtung! Antifaschisten!" Seine Mitstreiter, die in anderen Baumkronen sitzen, stimmen ein und applaudieren. Am Boden angekommen, werden seine Hände mit Kabelbindern fixiert. Er ist barfuß, in seinem Gesicht wuchert ein verfilzter Bart, seine dünnen Beine stecken in einer labbrigen Baumwollhose. Stundenlang hatte er die Beamten genarrt, war von der Plattform geschickt auf andere Bäume geklettert, von Ast zu Ast.

Die Jagd durch die Wipfel gleicht einem Schauspiel. Die Polizei hat für die Pressevertreter eigens ein kleines Areal mit rot-weißem Flatterband markiert, in das die Beamten die ankommenden Journalistinnen und Journalisten hineinführen. Auch die Interviewpartner haben sich hier versammelt: Sprecher von Bürgerinitiativen, Abgeordnete der Grünen und Linken, Greenpeace, Abgesandte von Kommunen. Irgendwann hat jeder jeden interviewt. 

Der Tag der Räumung war nah, das wusste jeder hier. In den letzten Tagen hatten sich die Gerüchte verdichtet, dass ein Großeinsatz bevorstehe. Im Oktober beginnt die Rodungssaison. Und der Energiekonzern RWE hatte klargemacht, dass er einen weiteren Aufschub der großflächigen Abholzung nicht dulden werde, obwohl die juristische Entscheidung zur Rechtmäßigkeit der Rodungen noch aussteht.

Sämtliche Gespräche mit Gegnern der Braunkohleverstromung waren gescheitert. RWE hatte nach eigenen Angaben angeboten, den Rodungsbeginn auf Mitte Dezember zu verlegen. Doch dies sei laut RWE von den Umweltverbänden abgelehnt worden. Der Essener Energieriese hat einflussreiche Befürworter in der Politik: Die schwarz-gelbe Landesregierung, allen voran Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, steht hinter dem Konzern.

Wie soll man den Polizeieinsatz begründen?

Der CDU-Politiker bezeichnet die Baumhäuser als "illegal besetzte Gebiete". Bei Kritik an seiner Braunkohlepolitik fährt er schon mal aus der Haut. In der Talkshow WDR Arena am Mittwochabend nannte ein Zuschauer das Bundesland wegen der CO2-Emmission durch die Braunkohle eine "Dreckschleuder". Laschet, der sich den Fragen der Bürger stellte, giftete zurück: "Es ist nicht akzeptabel, dass Sie unser Land als größte Dreckschleuder bezeichnen."

Der Konflikt zwischen Baumbewohnern und RWE schwelt seit Jahren. Der Tagebaubetreiber hat von den 4.100 Hektar Wald nach eigenen Angaben bislang 3.900 Hektar für den Kohleabbau gerodet. 2012 hatten Klimaaktivisten die ersten Bäume besetzt, um weitere Rodungen zu verhindern. Derzeit gibt es nach Angaben der Aktivisten noch etwa 60 Baumhäuser, in denen rund 300 Besetzer wohnen. Doch das Problem für den Konzern: Wie kann man einen konzertierten Polizeieinsatz begründen, mit dem man die Aktivisten endgültig aus den Bäumen bekommt?

Düren will kein Erfüllungsgehilfe sein

Dafür scheint Nordrhein-Westfalens Heimat- und Bauministerium eine raffinierte Lösung gefunden zu haben. Nach einer Ortsbegehung im Sommer kam der Behörde offenbar die Idee, die mit Küchen und beheizbaren Schlafräumen ausgestatteten Baumhäuser als bauliche Anlagen einzustufen. Eine solche Anlage nämlich untersteht dem Bauordnungsrecht und das fordert die Erfüllung bestimmter Sicherheitskriterien, darunter auch den Brandschutz. Da die Baumhäuser aber weder über Geländer noch Rettungstreppen verfügen und zudem aus leicht entflammbaren Materialien bestehen, müssten sie abgerissen werden, weil sie für die Aktivisten eine Gefahr für Leib und Leben darstellten. Die Landesregierung beeilte sich mitzuteilen, dass sie nur aus Sorge um die Baumbewohner gehandelt habe.

"Der Brandschutz kennt keinen Aufschub. Sollte irgendwo ein Brand ausbrechen, könnten die Retter nicht schnell genug zur Hilfe eilen. Die Situation ist für die Bewohner lebensgefährlich", sagte Jan Heinisch, Staatssekretär im Bauministerium Nordrhein-Westfalens. Dass die Räumung mit der bevorstehenden Rodung zu tun habe, wies die Landesregierung scharf zurück. Eine Erklärung dafür, warum das Ministerium erst jetzt eingreift, wo die sengende Hitze des Jahrhundertsommers vorbei ist, gab es indes nicht. RWE hat inzwischen auf die Anfrage von ZEIT ONLINE geantwortet: An der Entscheidung, mit der Räumung an diesem Tag zu beginnen, sei das Unternehmen nicht beteiligt gewesen. Aber: "RWE Power hat am 1. August 2018 einen Antrag bei den Ordnungsbehörden und der Polizei gestellt, rechtzeitig vor der genehmigten Rodungssaison 2018/2019 den Hambacher Forst, der Eigentum der RWE ist, von rechtswidrigen Besetzungen und Nutzungen zu räumen."

Am Mittwochnachmittag gegen 17 Uhr verschickte das Ministerium schließlich die Verfügung zur Räumung an die Stadt Kerpen und den Kreis Düren, die sich die Verantwortung für den Wald teilen. Zur gleichen Zeit machten sich Polizeikolonnen aus verschiedenen Bundesländern auf den Weg zum Hambacher Forst. Dem Kreis Düren jedoch widerstrebte es offenbar, zum Erfüllungsgehilfen der Landesregierung zu werden. "Wir betonen, dass wir die Weisung des Bauministeriums umsetzen mussten", sagte Kreissprecher Ingo Latotzki. Schon bei einem Hintergrundgespräch hatte der Landrat dem Vernehmen nach durchblicken lassen, dass er nicht viel von der Räumung hält. Offiziell will er sich dazu nicht äußern. 

"Wir werden am nächsten Tag wieder hier sein"

Antje Grothus war schon sehr früh am Donnerstagvormittag in den Wald gefahren. Nun hat sich die Mitgründerin der Bürgerinitiative Buirer für Buir zu den Journalisten gestellt, um ihre Empörung kundzutun. "Die Geschichte mit dem Brandschutz ist abstrus", sagt sie, in eine rote Regenjacke gehüllt. "Ich bin entsetzt, dass ausgerechnet eine Heimatministerin unser schönes Zuhause und unseren schönen Wald zerstört. Man sollte ihr den Titel abnehmen."

Noch am Mittwoch war Grothus mit Klimapilgern, die zur nächsten Klimakonferenz ins polnische Kattowitz wandern, durch die Reste des 12.000 Jahre alten Waldes spaziert. "Es war eigentlich ruhig die letzten Tage. Ich hatte gehofft, dass es noch eine Weile so bleibt." Nun aber drohe eine Eskalation. Grothus sitzt auch in der Braunkohlekommission, die über die Zukunft des Rohstoffs berät. "Ich verstehe nicht, warum man nicht zuerst abwartet, bis man sich über den Braunkohleausstieg verständigt hat und dann die Lage neu bewertet. Stattdessen werden Fakten geschaffen."  

300 Liter Wasser und Konserven

Während die Polizei noch immer mit der Beseitigung des Tripods beschäftigt ist, geht Grothus tiefer in den Wald hinein, in eines der zwölf Dörfer, die die Baumbesetzer errichtet haben. Clumsy wohnt in Oaktown, 30 Bewohner, acht Baumhäuser. Sein Haus steht in 16 Metern Höhe, auf der Stieleiche Mona. Clumsy, zu Deutsch Tollpatsch, seilt sich langsam ab, an seinem Hüftgurt klackern die Karabinerhaken, er trägt ein hellbraunes Flughörnchenkostüm.

Vor sechs Jahren ist der Österreicher in den Hambacher Forst gereist, um Widerstand im Namen des Klimaschutzes zu leisten, wie er sagt. Seit vier Jahren wohnt er beinahe ununterbrochen auf Bäumen. Auch er ist längst auf die bevorstehende Räumung vorbereitet: 300 Liter Wasser und zahlreiche Konserven hat er in den letzten Tagen in sein Haus geschafft, Vorrat für zwei Monate. Sollte die Polizei kommen, wird er sich an einen Betonklotz ketten, der ebenfalls hoch oben in seinem Baumhaus steht.

"Die Landesregierung hat sich für RWE zum Deppen gemacht", spottet er. "RWE darf 100 Hektar roden. Und um diese 100 Hektar wird es einen erbitterten Kampf geben." Und sollten er und seine Mitstreiter tatsächlich entfernt werden, sei das kein Problem. "Wir werden am nächsten Tag wieder hier sein."