Es ist still im Wald. Nur der Wind rauscht durch die Baumkronen und lässt das Laub rascheln. Die Rufe der Bewohner, die sich hoch oben in den Bäumen eingerichtet und bis vor Kurzem noch lautstark gegen die Räumung des Hambacher Forsts protestiert haben, ihr Geschrei und Gebrüll sind verstummt. Auch die Gegenseite hat ihre Aktionen eingestellt. Das Krachen der gepanzerten Räumfahrzeuge, der Bagger und elektrischen Arbeitsbühnen, die immer tiefer in den Wald eindrangen, ist verschwunden.

Am Donnerstag steht die Aktivistin Lykke nur wenige Meter entfernt von dem riesigen Baum, von dem am Mittwoch ein 27-jähriger Journalist etwa 20 Meter tief in den Tod stürzte. Es gab Versuche, ihn zu reanimieren, ein Rettungshubschrauber landete. Doch die Verletzungen waren zu schwerwiegend. Er verstarb auf dem Weg ins Krankenhaus. "Hier ist gestern ein Mensch, Freund, Journalist zu Tode gekommen", sagt Lykke. "Ich als Mensch und wir als Besetzer wollen unser Mitgefühl und unsere tiefe Trauer zum Ausdruck bringen." Sie hat Tränen in den Augen, manchmal bricht ihre Stimme. Es sei jetzt nicht die Zeit für Schuldzuweisungen, sagt sie.

Doch der Kampf um die Deutungshoheit hat längst begonnen. "Zum Zeitpunkt des Unfalls richteten sich KEINE polizeilichen Maßnahmen gegen das Baumhaus, in dem sich der Verunfallte aufhielt", twitterte die Aachener Polizei nach dem Vorfall. Das sei falsch, sagt Lykke mehrfach und ist plötzlich, wenn auch unbeabsichtigt, mittendrin in der Schuldzuweisung.

"Dieser Wahnsinn muss aufhören"

Unstrittig ist, dass die Polizei nicht unmittelbar auf die Brücke eingewirkt hat, durch die der Journalist vermutlich ungesichert gebrochen war. Das bestätigen auch die bisherigen Ermittlungen der Aachener Staatsanwaltschaft. Demnach war die Brücke bereits beschädigt. Eigentlich war für die Überquerung eine Seilsicherung vorhanden. Warum der 27-Jährige sie nicht nutzte, ist unklar.

Aktivistin Lykke behauptet aber, allein das massive Aufgebot der Polizei habe eine "heftige Stresssituation" geschaffen, die das Unglück gleichsam provoziert habe. Die Polizisten hatten am Morgen des Unglückstages begonnen, das Baumhausdorf Beechtown und das gegenüberliegende Cosy Town zu räumen. "Dieser Wahnsinn muss aufhören", appelliert Lykke an die schwarz-gelbe Landesregierung und den Energiekonzern RWE, der den Hambacher Forst ab Mitte Oktober roden will, um dort Braunkohle zu baggern. Alle Aktivisten, die am Donnerstag zu Auskünften bereit waren, teilen diese Meinung.

Manche hatten gehofft, dass der tragische Tod des Journalisten eine Zäsur in diesem politisch aufgeladenen und emotionalen Konflikt zwischen Baumbewohnern und -bewohnerinnen auf der einen und Polizei, Regierung und RWE auf der anderen Seite bedeuten könnte. Noch am Mittwochabend verkündete NRW-Innenmister Herbert Reul, dass die Räumung vorerst ausgesetzt werde, weil man "so nicht weitermachen" könne. RWE-Chef Rolf Martin Schmitz gab per Pressemitteilung bekannt: "Wir sind erschüttert und bedauern diesen Unfall zutiefst. Unser Mitgefühl gilt der Familie, den Angehörigen und den Freunden." Nachfragen wollte RWE nicht beantworten. Auch nicht, ob der Konzern von der geplanten Rodung Abstand nehmen oder zumindest den Zeitplan verändern würde.

Schon am Mittwochmittag löste sich die Hoffnung auf eine Kehrtwende auf: Innenminister Reul sagte, man wolle nach dem Tod des Journalisten innehalten – gleichzeitig sei aber klar, dass die Bauten eine hohe Gefahr bedeuteten und die Behörden deshalb nicht untätig bleiben könnten. "Die Häuser müssen weiter geräumt werden, das ist unstrittig."