Jeder dritte männliche Jugendliche in Niedersachsen trug 2017 ein Messer bei sich – einige nur manchmal, andere regelmäßig, aber insgesamt deutlich mehr als in den Jahren zuvor. Das geht aus Daten einer bisher unveröffentlichten, repräsentativen Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen hervor, die ZEIT ONLINE vorliegen.

Demnach stieg die Zahl der männlichen Neuntklässler in Niedersachsen, die angaben, zumindest selten ein Messer bei sich zu tragen, von gut 27 Prozent im Jahr 2013 auf gut 32 Prozent im Jahr 2017.

Was sind die Gründe dafür? "Mehr Jugendliche berichten uns davon, dass sie zu Hause Gewalt erleben", sagt Dirk Baier, einer der Wissenschaftler, die die Befragung durchführten. "Auch die Orientierung an Männlichkeitsnormen nimmt zu: Ich muss mich als Mann beweisen, meine Physis in den Vordergrund stellen." Baier leitet das Institut für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Die 2017 in Niedersachsen durchgeführte Befragung ergibt auch: Männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund tragen eigenen Angaben zufolge weiterhin seltener als andere männliche Jugendliche ein Messer bei sich (29,4 Prozent versus 33,7 Prozent). Allerdings sagten 12,2 Prozent der männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, dass sie häufig ein Messer bei sich trügen. Das ist erstmals etwas mehr als in der Vergleichsgruppe. Der Anteil der weiblichen Jugendlichen, die angeben, ein Messer zu tragen, stieg ebenfalls, aber auf deutlich geringerem Niveau: von gut sechs Prozent in 2013 auf gut neun Prozent im Jahr 2017.

Baier nennt die Daten aus Niedersachsen "einen ersten Hinweis" auf eine bundesweite Entwicklung. Das Land liege etwa im Bundesdurchschnitt, was ökonomische Lage, Migrantenanteil und die Verteilung der Bevölkerung auf Stadt und Land betreffe. "Ich bin aber skeptisch, ob es auch die Lage in Großstädten abbildet", sagt Baier. Der Aufsatz über die Befragung, den er mit Kollegen verfasst hat, erhält noch weitere Ergebnisse und erscheint in der Oktoberausgabe der Fachzeitschrift Kriminalistik.

Über Angriffe mit Messern wurde in den vergangenen Monaten heftig diskutiert, nachdem es mehrere brutale Taten gegeben hatte, darunter in Lünen, Kandel und Berlin. Zum Teil waren die Täter Jugendliche mit Migrationshintergrund oder Flüchtlinge. Die AfD sprach von einer "Messerepidemie" und versuchte, Stimmung gegen Flüchtlinge auch mit Berichten über Taten zu machen, bei denen die Täter Deutsche waren oder die Nationalität unklar.

Künftig in der Kriminalstatistik

Damals fiel auch auf, dass die bundesweite polizeiliche Kriminalstatistik nicht zeigt, wie viele Taten mit Messern verübt wurden. Auch deshalb entstand Raum für Spekulationen. Im Sommer entschied die Innenministerkonferenz, Messer als Tatmittel künftig gesondert aufführen zu wollen. Noch ist aber offen, wann das umgesetzt wird. Und auch dann werden die Zahlen im ersten Jahr noch keine Entwicklung zeigen.

Wer ein Messer trägt, setzt es noch lange nicht ein – aber auch danach haben die Kriminologen die Schülerinnen und Schüler gefragt. Die Zahl der Jugendlichen, die von sich selbst sagten, eine Körperverletzung mit Waffen (also unter anderem Messer) verübt zu haben, hat sich kaum verändert und ist in den vergangenen vier Jahren sogar von 0,8 auf 0,7 Prozent gesunken. Allerdings haben zugleich mehr Jugendliche angegeben, selbst Opfer einer Körperverletzung mit Waffen geworden zu sein, die Zahl stieg von 2,3 Prozent im Jahr 2013 auf 2,9 Prozent im Jahr 2017. Eine Erklärung dafür könnte laut Baier sein, dass die Schüler die Gewalt durch ältere Personen erleben.