"Jetzt haben wir auch unser Chemnitz."

Als der Köthener Oberbürgermeister Bernd Hauschild die Nachricht auf seinem Handy liest, steigt er aufs Fahrrad und fährt direkt zur Polizei. Es ist Sonntagmorgen, eine Stadtratskollegin hat ihm das Facebookposting eines stadtbekannten Neonazis weitergeleitet. Er habe gleich gewusst, dass er jetzt schnell handeln muss, erzählt Hauschild. "Bilder wie in Chemnitz wollte ich in Köthen nicht haben." In Chemnitz waren in den vergangenen zwei Wochen Tausende Rechtsextreme durch die Straßen der Stadt gezogen und hatten unter anderem vermeintliche Ausländer und Journalisten attackiert, nachdem ein Deutsch-Kubaner von zwei Asylbewerbern angegriffen wurde und starb.

In Köthen war es in der Nacht zum Sonntag zum Streit zwischen mehreren Männern auf einem Spielplatz gekommen. Gegen zwei Afghanen wird nun wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt, sie sitzen in Untersuchungshaft. Denn einer der Männer, ein Deutscher, starb nach dem Streit im Krankenhaus an Herzversagen. Hauschild ging mittags gemeinsam mit anderen Stadträten zum Tatort und legte Blumen für das Opfer nieder. Da war noch kein Rechter da, sagt Hauschild.

Köthen - Zwei Festnahmen nach Tod eines 22-Jährigen In Köthen in Sachsen-Anhalt wurden zwei Männer aus Afghanistan festgenommen. Ermittelt werde wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Ein 22-jähriger Deutscher war nach einem Streit an Herzversagen gestorben. © Foto: Sebastian Willnow/dpa

Köthen ist eine kleine Stadt in Sachsen-Anhalt mit etwas mehr als 26.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, der Weg vom Bahnhof zum Friedenspark, wo am Abend eine Demo der Rechten startet, ist gesäumt von zweistöckigen Altbauten, viele der Ladengeschäfte stehen leer. Ramona Hackspiel betreibt hier seit 1990 einen Kiosk. Seit im Park nur noch "die Ausländer mit den Bierkisten" säßen, traue sie sich nicht mehr hin, sagt sie. "Vor den ganz Schwarzen habe ich am meisten Angst." Ausländerfeindlich sei sie aber nicht, sie vermiete auch eine Wohnung an Ausländer.

"Es ist ein Rassenkrieg gegen das deutsche Volk, was hier passiert, und dagegen müssen wir uns wehren!"

David Köckert steht mit einem Mikrofon inmitten von 2.500 Demonstranten. Es ist Sonntagabend, die Veranstaltung ist als "Trauermarsch" für das Opfer angekündigt. Köckert ist der Kopf des Thüringer Pegida-Ablegers Thügida. Als er die Nachricht aus Köthen las, hat er sich auf den Weg gemacht. Jetzt steht er am Tatort, einem Spielplatz in einem ruhigen Wohnviertel, und skandiert: "Auge um Auge, Zahn um Zahn!" und gegen die "asoziale, antideutsche Schweinepresse". Die Menge antwortet mit "Widerstand, Widerstand, Widerstand!"

Von einer nahen Feuerwache sind die Demonstrantinnen und Demonstranten hergezogen, unter ihnen auch Familien mit Kinderwagen, aber in der Mehrheit sind es Männer in T-Shirts mit Schriftzügen wie "Division Nordsachsen", "Aryan Nation" oder "Salafisten fisten". Einige trinken Bier, doch der Zug bleibt ruhig, außer ein paar Deutschlandfahnen und schwarzen Flaggen gibt es keine Transparente. Ein Mann und eine Frau tragen Warnwesten mit der Aufschrift "Schutzzone".

"Wir haben mit unseren eigenen Leuten genug Ärger", sagt der Mann mit der Weste. "Da brauchen wir nicht noch die Zugereisten, die die Leute drangsalieren." Wer Angst habe, könne sich deshalb an sie wenden. Wie viele Leute bei der Schutzzonenaktion mitmachen, will er nicht sagen, seinen Namen auch nicht. Nur, dass sie immer mal wieder in der Stadt patrouillierten. "Ami go home", steht auf seinem T-Shirt. Deutschland sei seit 1945 ein besetztes Land, antwortet er auf die Frage nach diesem. Aber ein Reichsbürger sei er nicht.