Als er mit den anderen Demonstrantinnen und Demonstranten am Tatort ankommt, drehen sich mehrere Männer um. "Pssst!" macht einer mit einem blauen Cap, "Nicht reden!", sagt er zu dem Mann mit Schutzweste, "Piss off" zur Reporterin und empfiehlt stattdessen "mal zur Kölner Silvesternacht zu gehen". Die sogenannte Lügenpresse ist in allen Reden, die an diesem Abend gehalten werden, neben den Migrantinnen und Migranten das zweite große Feindbild. Ein Journalist von der taz wird von der Polizei aus der Menge geholt, weil Demonstranten ihn schubsen und bedrohen. "Wenn wir noch mal die Macht bekommen, werden diese Flitzpiepen sich in dunklen Kellern wiederfinden", ruft Thügida-Chef Köckert. Als es dunkel wird in Köthen, leuchten Feuerzeuge und rote Grablichter auf.

Die Gegendemonstranten sind in der Unterzahl, etwa 200 haben sich am Bahnhof versammelt. "Natürlich gibt es die Angst, dass Köthen das zweite Chemnitz wird", sagt Yasmina Hamid. Deshalb sei sie aus Magdeburg angereist. Neben ihr hält ein Auto aus Leipzig, weitere Demonstrantinnen steigen aus.

"Die Wahrheit ist ein selten Kraut, noch seltener, wer sie gut verdaut."

Während die Rechtsextremen noch auf dem Spielplatz stehen, hat SPD-Bürgermeister Hauschild am späten Sonntagabend in den Ratssaal geladen. Der Schriftzug an der holzgetäfelten Decke stammt aus uralten Zeiten, aber er könnte auch das Motto dieser Tage sein, in denen in Chemnitz und nun auch in Köthen darüber diskutiert wird, was Wahrheit und was Lüge ist. Schnell verbreitete sich das Gerücht, der Täter hätte mit dem Messer zugestochen. Später gibt die Staatsanwaltschaft bekannt: Es war kein Messer im Spiel, das Opfer starb an Herzversagen – offenbar durch eine Vorerkrankung. Im Ratssaal sind auch zu so später Stunde alle Stühle besetzt. Abgeordnete, aber auch interessierte Bürgerinnen und Bürger sind gekommen.

Alle haben ihre Schlüsse aus Chemnitz gezogen

Hauschild, ein großer, ruhiger Mann, sagt: "Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten für Köthen. Wir schweigen. Oder wir engagieren uns." Hauschild hat die Antwort selbst schon gegeben. Nachdem er am Morgen zur Polizei geradelt war, um über seine Befürchtungen zu sprechen und Blumen am Tatort niedergelegt hat, gab es bereits um 16 Uhr einen Gedenkgottesdienst. Die Kollekte soll für die Beerdigung dienen, 811 Euro sind zusammengekommen.

In der späten Runde sitzt nicht nur der Pfarrer, sondern auch ein AfD-Landtagsabgeordneter aus Köthen. "Herr Loth, sehen Sie sich als Demokraten auf unserer Seite?", fragt ihn Hauschild. Ja, sagt Hannes Loth, er fühle sich in Köthen doch sehr zu Hause. Ein Abgeordneter der Linkspartei sagt, man dürfe nicht in Aktionismus verfallen, weil das auch wieder Gegenreaktionen auslösen könne. Ein anderer wendet ein, man dürfe den Rechten nicht die Deutungshoheit überlassen. Am Ende einigt sich die Runde darauf, am Montag und Dienstag zu Friedensgebeten in die Jakobskirche einzuladen.

Aus Chemnitz, so erscheint es nach diesem Sonntag, haben alle etwas gelernt. Die Rechtsextremen, weil sie inzwischen wissen, wie einfach sie Taten wie diese ausnutzen können, um binnen Stunden Tausende Teilnehmer zu mobilisieren. Die Polizei, weil sie Beamtinnen und Beamte aus Niedersachsen und Berlin zur Unterstützung anforderte und die Rechtsextremen nicht wie in Chemnitz unbehelligt Menschen angreifen ließ. Und ein Bürgermeister wie Hauschild, der weiß, dass er schneller sein muss als die Rechten, nicht nur, um Ausschreitungen zu verhindern, sondern auch, um möglichst viele davon abzuhalten, sich den inszenierten "Trauermärschen" anzuschließen.

Noch am Nachmittag postet er in einer Facebookgruppe, in der etwa 5.000 Köthener Mitglied sind, zum ersten Mal eine Nachricht in seiner Funktion als Oberbürgermeister. "Liebe Köthenerinnen und Köthener", schreibt er, "auch ich habe mit tiefer Bestürzung vom Tod des 22-Jährigen am Karlsplatz erfahren." Und lädt die Menschen für den Trauergottesdienst ein. Er rät ihnen, nicht zum geplanten Trauermarsch zu gehen: Ihm lägen Informationen vor, dass auch gewaltbereite Gruppen von außerhalb in großer Zahl anreisen würden. "Aber man muss auch ehrlich sein", sagt er, "die anderen haben noch mehr Menschen mobilisieren können."