Rucht: Ich würde das nicht gegeneinander ausspielen. Solche Großereignisse wie das gestrige sind hilfreich, weil sie eine Strahlkraft entfalten können. Ich denke zum Beispiel an den Marsch auf Washington und die Rede von Martin Luther King. So etwas bleibt im Gedächtnis hängen, solche Ereignisse können eine Suggestivkraft entfalten, die motiviert. Aber natürlich war dieses Konzert kein Gespräch mit der Gegenseite, sondern eine Abgrenzung und Selbstbestätigung. Das sind symbolische Akte, bei denen man sozusagen die eigene Flagge hochhält. Das führt aber nicht zu eigenen Lernprozessen und verändert auch nichts in den Köpfen der Gegenseite.

Ein solches Konzert ist völlig in Ordnung und wichtig. Aber wichtig ist auch, dass man gesprächsbereit bleibt mit jenen, die noch gesprächsbereit sind. Dass man sich zuhört. Das klingt banal, aber funktioniert nur unter bestimmten Umständen.

ZEIT ONLINE: Nämlich?

Rucht: Ruhe und die Zeit und der Raum, sich aussprechen zu lassen. Solche Gelegenheiten muss man schaffen oder fördern.

ZEIT ONLINE: Wer? Die Politik?

Rucht: Volkshochschulen, Kirchen, Bildungseinrichtungen, die Zentralen für politische Bildung, die machen das dauerhaft. Aber das reicht nicht, es muss auch aus der nicht organisierten Bürgerschaft kommen. Das kann völlig informell sein, Grillabende in der Nachbarschaft beispielsweise. Da treffen ja Leute mit verschiedensten Gesinnungen aufeinander. Das ist keine organisierte Gesprächsrunde, aber man kann auch da zuhören und diskutieren. Derartige Runden sind wichtig.

ZEIT ONLINE: Und bei den Grillabenden sollen dann auch die Nazis dabei sein?

Rucht: Na, das ist ja manchmal unvermeidlich. Es ist ja nicht so, dass beispielsweise die Freiwillige Feuerwehr oder der Sportverein da vorsortiert: Eine Grillparty mit den Rechten, eine mit den Linken. Die Leute kommen da alle zusammen, und das ist gut so. Auch da, also in einer entspannten Atmosphäre ohne Programm und Tagesordnung, kann und soll über Politik gestritten werden.