Beim Aufmarsch rechter Gruppen in Chemnitz haben Demonstranten in mehreren Fällen Journalisten angegriffen. Ein Kamerateam des MDR wurde nach eigenen Angaben von Bewohnern eines Hauses überfallen, von dem aus die Reporter filmen wollten. Die Polizei bestätigte den Eingang einer Anzeige. Der Vorfall werde geprüft.

Laut Versammlungsbehörde nahmen etwa 4.500 Menschen an einem gemeinsamen Marsch der AfD und des ausländerfeindlichen Bündnisses Pegida teil, dem sich auch Demonstranten der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz anschlossen. Zeitgleich demonstrierten demnach 4.000 Menschen auf einem Parkplatz bei der Johanniskirche für Frieden und gegen Ausländerfeindlichkeit.

Nach einer ersten Bilanz der Polizei wurden neun Menschen bei der AfD-Kundgebung verletzt. Zudem wurden mindestens 25 Straftaten verzeichnet. Details zu den Verletzten nannte die Polizei nicht. Bei den Straftaten handelte es sich den Angaben zufolge um Sachbeschädigungen, Körperverletzungen, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Von Rechtsextremen angegriffen

Der Journalist Henrik Merker, der für den Störungsmelder-Blog von ZEIT ONLINE schreibt, berichtete auf Twitter von einem Angriff durch drei Rechtsextreme, bei dem keine Polizei anwesend gewesen sei: "Wurden am Rand der Demonstration von drei Neonazis angegriffen. Mehrere Schläge gegen Kameralinse, wollten Kollegen & mich in Seitengasse abdrängen. Keine Polizei in der Nähe. Haben die Situation gefilmt."

Auch eine Besuchergruppe um den SPD-Bundestagsabgeordneten Sören Bartol wurde nach eigenen Angaben von Rechtsradikalen attackiert. "Meine Gruppe aus Marburg wurde gerade auf dem Weg zum Bus von Nazis überfallen", schrieb der hessische SPD-Politiker auf Twitter.

Alle SPD-Fahnen seien zerstört und einige seiner Begleiter körperlich angegriffen worden, berichtete Bartol. Die Polizei sei schnell da gewesen und habe seine Gruppe bis zum Bus begleitet.

Abseits der Demonstrationen wurde ein 20-jähriger Afghane von vier vermummten Menschen angegriffen und geschlagen. Der Mann erlitt leichte Verletzungen. Die Polizei prüft, ob es sich bei den Tätern möglicherweise um ehemalige Versammlungsteilnehmer handeln könnte.

Mit zunehmender Dauer der Veranstaltungen war die Stimmung in der Stadt angespannter geworden. Der Zug von AfD und Pegida kam am frühen Abend nur stockend voran; viele Gegendemonstranten versuchten, den Zug aufzuhalten. Die Kundgebung war nur bis 19 Uhr genehmigt, daher wurde sie knapp eine halbe Stunde später von den Organisatoren unter lautstarkem Protest für beendet erklärt. Die meisten Teilnehmer der Demonstration verharrten jedoch auf der Stelle und zogen nicht ab. Einige riefen "Wir sind das Volk" und "Merkel muss weg". Wasserwerfer fuhren auf. Rangeleien mit der Polizei lieferten sich auch Teilnehmer aus einer Gruppe von 300 Menschen, die versucht hatten, zu der Versammlung der AfD vorzudringen.

Zu der Gegendemonstration bei der Johanniskirche war am Nachmittag neben Bundes- und Landespolitikern auch die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig gekommen. "Von Sachsen und Chemnitz muss heute die klare Botschaft ausgehen: Wir werden mit allen Mitteln des Rechtsstaates den rechten Hetzern entgegentreten", sagte die SPD-Politikerin.

Auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil und der Fraktionschef der Linken im Bundestags, Dietmar Bartsch, mischten sich unter die Teilnehmer. "Ich finde es ganz toll, dass die Stadtgesellschaft in Chemnitz aufsteht und ein klares Zeichen setzt, dass Hass, dass Gewalt, dass Rassismus in der Stadt nichts zu suchen haben", sagte Bartsch. Auch die SPD wolle ein Zeichen setzen, sagte Klingbeil: "Wir stehen hinter den friedlichen Protesten, wir wollen, dass klar wird, die Mehrheit denkt hier anders, denkt nicht rechtsextrem, denkt nicht ausländerfeindlich."