Der Staat soll sich in die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle durch katholische Geistliche stärker einschalten. Das fordert der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. "Gerade weil Staat und Kirche Partner sind, ist hier auch der Staat gefragt", sagte er der Süddeutschen Zeitung. Rörig schlägt entsprechende Verträge zwischen Bund, Ländern und Kirchen vor.

Bund und Länder sollten zumindest teilweise die Aufarbeitung der kirchlichen Fälle übernehmen. Zudem brauche es ein Recht auf Akteneinsicht für Betroffene, Ermittlungs- und Zugangsbefugnisse für staatliche Stellen und Regeln für die Ansprüche auf Entschädigung. Nicht nur im Sinne der Kinder, auch im Interesse von Regierung und katholischer Kirche. Dem Staat könne "nicht an einer Kirche gelegen sein, die jede Glaubwürdigkeit verliert", sagte Rörig.

Der Missbrauchsbeauftragte reagierte auf eine Studie, die die katholische Kirche in Auftrag gegeben hatte. Erstmals hatten Wissenschaftler systematisch Fälle von sexueller Gewalt in der katholischen Kirche erforscht. Die mehr als vier Jahre laufende bundesweite Untersuchung mit dem Titel Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz soll am Dienstag bei der Vollversammlung der Bischöfe in Fulda vorgestellt werden.

Die öffentliche Diskussion über den sexuellen Missbrauch in der Kirche beschäftigt die Öffentlichkeit bereits länger. Der Spiegel und die ZEIT hatten erste Ergebnisse der Studie Anfang September vorab veröffentlicht. Demnach wurden 1.670 Kleriker zwischen 1946 und 2014 in den Akten beschuldigt, Missbrauch begangen zu haben. 3.677 Kinder und Jugendliche wurden nach Lage der Akten mutmaßlich zu Opfern. 4,4 Prozent aller Kleriker sollen im genannten Zeitraum Minderjährige sexuell missbraucht haben.

Das Ausmaß der Vorwürfe sorgte für Bestürzung in der Öffentlichkeit. Auch gab es Kritik an der Kirche dafür, dass sie sehr spät erst auf die Fälle reagiert habe. Durch die Studie wurde zudem deutlich, wie schwer es in solchen Fällen ist, in Kirchenarchiven zu recherchieren. So haben die Forscher die 38.000 Personal- und Handakten nicht selbst durcharbeiten können. Die Informationen erstellten sie anhand von Fragebögen, die Vertreter der Kirche ausfüllten.

Auch Bischöfe wünschen sich neuen Aufbruch

Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, hatte sich bereits Anfang September angesichts des Missbrauchsskandals für Veränderungen in der katholischen Kirche ausgesprochen. "Es braucht einen neuen Aufbruch in dieser Kirche, gegenüber den Betroffenen und Gott", sagte Marx in einem Gottesdienst.

Auch die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands betonte mit Blick auf die Studie, tief greifende Reformen seien unvermeidlich. Es müsse endlich deutlich werden, dass die katholische Kirche veränderungswillig sei, sagte die Bundesvorsitzende Mechthild Heil. Zentrale Schritte seien eine strukturelle Erneuerung, die deutlich mehr Frauen den Zugang zu Leitungsfunktionen ermögliche, und die Frage nach Diensten und Ämtern von Frauen in der Kirche.

Es gehe um einen glaubwürdigen Umgang mit der Schuld, da noch immer die vornehmlich männlichen Strukturen in der katholischen Kirche die Vertuschung von Übergriffen und Gewalt ermöglichten – auch gegen Frauen. Nicht zuletzt müsse die Bischofskonferenz vor dem Hintergrund der Missbrauchsfälle endlich Selbstkritik entwickeln und den konstruktiven Austausch zu Themen wie Aus- und Weiterbildung von Priestern, Ämter von Frauen in der Kirche und zeitgemäße Sexualethik verstärken.