Sexueller Missbrauch ist vor allem auch Missbrauch von Macht. Das betonen die Autoren einer Studie über den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche, die der ZEIT vollständig vorliegt. In der überwiegenden Zahl der Fälle hätten die Täter ihre priesterliche Autorität genutzt, um Kindern und Jugendlichen Gewalt anzutun.

Die Studienautoren nennen den "Klerikalismus als eine wichtige Ursache und ein spezifisches Strukturmerkmal" für sexuelle Gewalt innerhalb der Kirche. Mit Klerikalismus sei "ein hierarchisch-autoritäres System" gemeint, das auf Seiten des Priesters "zu einer Haltung führen kann, nicht geweihte Personen (…) zu dominieren, weil er qua Amt und Weihe eine übergeordnete Position inne hat". Sexueller Missbrauch Minderjähriger sei "ein extremer Auswuchs" dieser Dominanz. 

Die Studie warnt vor den Gefahren kirchlicher Macht, nicht nur bei Tätern, sondern auch bei Vorgesetzten, die dem Missbrauch hätten Einhalt gebieten können. Wörtlich heißt es: "Bei Kirchenverantwortlichen kann ein autoritär-klerikales Amtsverständnis dazu führen, dass ein Priester, der sexualisierte Gewalt ausgeübt hat, eher als Bedrohung des eigenen klerikalen Systems angesehen wird und nicht als Gefahr für weitere Kinder oder Jugendliche oder andere potentielle Betroffene." Durch ein klerikalistisches Selbstverständnis leitender Geistlicher kann "die Vertuschung des Geschehens und die Schonung des Systems Priorität vor der schonungslosen Offenlegung entsprechender Taten gewinnen." Kurz: Klerikalismus begünstigt den Täterschutz.

3.677 mutmaßliche Opfer

Die Studie, die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben worden war, nennt 3.677 mutmaßliche Opfer von Kindesmissbrauch innerhalb der katholischen Kirche und mindestens 1.670 Täter. DIE ZEIT berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe ausführlich über diese Studie. Unter den aktenkundig gewordenen Tätern war die Zahl der Diözesanpriester besonders hoch. Beschuldigt werden demnach 1.429 Diözesanpriester, das sind 5,1 Prozent aller Kleriker dieser Ebene. Hingegen befinden sich nur 24 Diakone unter den Beschuldigten, damit sind nur 1,0 Prozent aller Diakone des Missbrauchs verdächtig.

Erstmals können deutsche Forscher die Forderung mit Daten untermauern, dass die Kirche ihre Strukturen ändern und Priestermacht hinterfragen muss. "Eine so verstandene Kirchenraison fördert Geheimhaltung, Vertuschung und ungeeignete Reaktionen", heißt es darin. Sie unterstütze vor allem "Versetzungs- oder Sanktionierungspraktiken, die eher dem Schutz der Institution und des Beschuldigten dienen", die Interessen der Betroffenen würden dabei außer Acht gelassen.

Auch wie die Täter ihre Autorität einsetzten, um Kindern und Jugendlichen Gewalt anzutun, hat die Studie erforscht. Sie weist zunächst darauf hin, dass drei Viertel aller Betroffenen mit den Beschuldigten "in einer kirchlichen oder seelsorgerischen Beziehung" standen. Das heißt, der Missbrauch wurde angebahnt im Ministrantendienst, im Religionsunterricht, in der Erstkommunions- oder Firmungsvorbereitung, der Katechese oder der allgemeinen Seelsorge.

"Psychischer Druck und psychische Gewalt"

"Bei der Tatanbahnung" hätten die Beschuldigten psychologische Machtmittel eingesetzt, zum Beispiel "Ausübung psychischen Drucks oder psychischer Gewalt" und "Ausnutzung von Autorität". In etwa 35 Prozent der untersuchten Fälle sei es zur "Versprechung oder Gewährung von Vorteilen" gekommen, bei 23 Prozent sei die emotionale Bindung zum Beschuldigten ausgenutzt worden. Bei 20 Prozent der Opfer hätten die Priester sogar physische Gewalt angedroht oder ausgeübt, um sie missbrauchen zu können.

Dazu passen die Tatorte: "Die weit überwiegende Zahl der Tatanbahnungen geschah in Kontexten, die der Dienstaufsicht der katholischen Kirche unterlagen." Fast die Hälfte aller sexuellen Missbrauchstaten sei während privater Treffen von Beschuldigten und Betroffenen geschehen. "Häufigster Tatort war die Privat- oder Dienstwohnung des Beschuldigten. Zu einem erheblichen Anteil fanden die Taten aber auch in kirchlichen oder schulischen Räumlichkeiten beziehungsweise in organisierten Zelt- oder Ferienlagern statt."

Dabei handelte es sich fast nie um spontane Übergriffe. In Interviews mit den Beschuldigten, die die Forscher führten, bestritten viele zwar ein planmäßiges Handeln. Jedoch leiten die Wissenschaftler aus der Analyse der Strafakten ab, "dass die überwiegende Zahl der Taten auf einer planmäßigen Tatbegehung gründete (83 Prozent)", und dass es sich "nicht um spontane oder einmalige Durchbruchshandlungen handelte."

Auch nach den Taten nutzten die Beschuldigten ihre Macht aus, um die Vorgänge zu vertuschen. Die Forscher listen Bagatellisierungen, Bedrohungen und Rechtfertigungen auf. Sie betonen: "In dieser Hinsicht unterschieden sich des sexuellen Missbrauchs beschuldigte Kleriker nicht von pädosexuellen Straftätern aus anderen Kontexten oder Institutionen." Verantwortung und Schuld wurden externalisiert oder geleugnet, Reuegefühle eher selten geäußert. Betroffene vermissen sowohl bei den Beschuldigten als auch bei der Institution Kirche ein glaubhaftes Bekenntnis zur eigenen Schuld und Reue.

Strafe, Entschädigung und Transparenz

Was muss sich in der katholischen Kirche ändern? Die Forscher geben klare Empfehlungen, die auf das Kirchenspezifische der Missbrauchstaten abheben. So fordern sie "eine Änderung klerikaler Machtstrukturen" und somit "eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Weiheamt des Priesters und dessen Rollenverständnis gegenüber nicht geweihten Personen." Dabei dürfe es nicht bei Lippenbekenntnissen der Kirchenverantwortlichen bleiben. "Die Sanktionierung einzelner Beschuldigter, öffentliches Bedauern, finanzielle Leistungen an Betroffene und die Etablierung von Präventionskonzepten und einer Kultur des achtsamen Miteinanders sind dabei notwendige, aber keineswegs hinreichende Maßnahmen."

Die Forscher warnen: Die katholische Kirche solle künftig nicht nur Ahndung und Prävention verbessern. Wenn sie sich auf die genannten Maßnahmen beschränke, seien "solche grundsätzlich positiven Ansätze sogar geeignet, klerikale Machtstrukturen zu erhalten." Der Grund: Direkte, tatbezogene Maßnahmen würden "nur auf Symptome einer Fehlentwicklung abzielen und damit die Auseinandersetzung mit dem grundsätzlichen Problem klerikaler Macht verhindern."

Darüber hinaus fordern die Forscher, künftig Täter und Vertuscher zu bestrafen. Und zwar nicht länger insgeheim: "Die persönlichen Konsequenzen und Sanktionen für Täter und für Verantwortliche, die Taten gedeckt haben, sollten an die Betroffenen nachvollziehbar kommuniziert werden."