Aus Sicht des Mannheimer Psychiaters Harald Dreßing könnten die Strukturen in der katholischen Kirche Missbrauch begünstigen. Wie der Koordinator der Forscher bei der Vorstellung ihrer Studie über sexualisierte Gewalt bei der Vorstellung am Dienstag in Fulda sagte, gehörten dazu "der Missbrauch klerikaler Macht, aber auch der Zölibat und der Umgang mit Sexualität, insbesondere mit Homosexualität".

Eine nähere Beschäftigung mit diesen Strukturen und Themen sei aus seiner Sicht wichtiger als die Analyse der einzelnen Zahlen, die ohnehin nur "die Spitze eines Eisbergs" zeigen könnten. Wie die Studie zeigt, fanden sexuelle Übergriffe an Minderjährigen durch Geistliche meist bei privaten Treffen in der Privat- oder Dienstwohnung des Beschuldigten statt. Weitere Taten ereigneten sich in kirchlichen oder schulischen Räumlichkeiten, bei Zelt- oder Ferienlagern, im Messdienerunterricht. Sogar im Zusammenhang mit einer Beichte wurden Kinder sexuell belästigt. Die Art der Übergriffe waren zu 15 Prozent der Fälle eine Form der Penetration, die weitaus meisten jedoch intime Berührungen unter der Kleidung, oft verbunden mit Masturbation.

In der am Dienstag bei der Vollversammlung der katholischen Bischöfe vorgestellten Studie werden erstmals systematisch Fälle sexueller Gewalt in der katholischen Kirche in Deutschland untersucht. Den von der Kirche zur Verfügung gestellten Kirchenakten zufolge wurden zwischen 1946 und 2014 1.670 Geistliche des Missbrauchs beschuldigt. Betroffen waren mutmaßlich 3.677 Kinder und Jugendliche. Die Dunkelziffer dürfte allerdings deutlich höher liegen. Weltweit wird die Kirche von Missbrauchsskandalen erschüttert, darunter in den USA, in Irland und in Argentinien, dem Herkunftsland von Papst Franziskus.

Dreßing verteidigte die Studie gegen Kritik: Dass die Untersuchungen aus Datenschutzgründen anonym erfolgen mussten und dass es nicht möglich gewesen sei, alle Taten seit 1946 zu erfassen, sei von vornherein bekannt gewesen. Trotzdem hätten die Forscher viele wichtige Erkenntnisse zutage fördern können.

Auch habe die Bischofskonferenz als Auftraggeber den Forschern immer freie Hand gelassen. Das gelte auch für die Präsentation und die Interpretation der Ergebnisse, die alleine von den Wissenschaftlern formuliert worden seien.

Marx: "Ich schäme mich."

Der Münchner Erzbischof und Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sieht die Studie als Anfang eines Prozesses. Die Kirche sei mit der Aufarbeitung nicht am Ende. "Die Ergebnisse dieser Studie zeigen klar auf, dass wir weitergehen müssen." Sexueller Missbrauch sei ein Verbrechen: "Wer schuldig ist, muss bestraft werden." Allzu lange sei in der Kirche "Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden". Er fügte hinzu: "Für alles Versagen und für allen Schmerz bitte ich um Entschuldigung."

"Ich schäme mich für das Vertrauen, das zerstört wurde; für die Verbrechen, die Menschen durch Amtspersonen der Kirche angetan wurden; und ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist, und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben", sagte Marx und fügte hinzu: "Das gilt auch für mich." Die Kirche habe den Opfern nicht zugehört. "All das darf nicht folgenlos bleiben! Die Betroffenen haben Anspruch auf Gerechtigkeit."